Filmästhetik : Früchte des Zorns

Die "Schriften" des Filmemacherpaares Danièle Huillet und Jean-Marie Straub zeugen von einem unbändigen Widerstandsgeist.

Ralf Schnell
Kreativgemeinschaft. Das französische Regieduo Danièle Huillet und Jean-Marie Straub 1996.
Kreativgemeinschaft. Das französische Regieduo Danièle Huillet und Jean-Marie Straub 1996.Foto: Antonia Weisse / Deutsche Kinemathek

Danièle Huillets und Jean-Marie Straubs Verfilmung von Friedrich Hölderlins Tragödie „Der Tod des Empedokles“ ist eine der ungewöhnlichsten Literatur-Adaptionen in der Geschichte des Films. Die ästhetischen Mittel dieses 1986 entstandenen Werks sind Sparsamkeit und Reduktion. Wortgetreu, fast deklamatorisch werden Hölderlins kunstvolle Jamben vorgetragen. Die Schauspieler treten fast statisch auf.

Es finden sich kaum Bewegungen vor der Kamera, ganz selten Bewegungen der Kamera selbst, und nur geringfügig wechseln die Einstellungsgrößen. Man kann getrost von einer antikinematografischen Ästhetik sprechen. Sogar die reiche sizilianische Landschaft erscheint lediglich als atmosphärischer Hintergrund, als Wechsel von Licht und Schatten, ein Reflex des Spiels von Sonne und Wolken. Der Film steht offenbar im Dienst an einem literarischen Werk, dem er seine eigenen Möglichkeiten unterordnet.

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Dieser Verzicht auf Effekte ist ein Programm, doch es geht um mehr als um l’art pour l’art. „Was der Mensch dem Menschen und der Natur angetan hat, muss aufhören, radikal aufhören – dann erst und dann allein können die Freiheit und die Gerechtigkeit anfangen“, heißt es 1987 in einem Kommentar zu Walter Benjamins „Geschichtsphilosophischen Thesen“.

Symbiotischer Widerstand

Huillet/Straub haben ihrer Sicht auf die Welt in 44 Jahren gemeinsamer Arbeit und mehr als 30 Filmen Ausdruck gegeben, darunter filmische Essays zu Johann Sebastian Bach und Arnold Schönberg, zu Werken Franz Kafkas, Bertolt Brechts und Heinrich Bölls. Wer wissen will, welche Überlegungen hinter diesem Programm stehen, welche Hindernisse zu überwinden waren und welche kunsthistorische Rolle dieses symbiotische Filmemacherpaar gespielt hat, findet in den „Schriften“ reiches Material.

Von den Kämpfen um den Jungen Deutschen Film in den 1960er Jahren über Kommentare zu Alexander Kluge und Jean-Luc Godard, von anarchistisch geprägten Polemiken im tagespolitischen Kontext bis zur Hommage an Erich von Stroheim und John Ford reicht das Spektrum. Es geht um Einspruch gegen die Kommerzialisierung des Mediums Film und um Widerspruch gegen den Verlust an filmkünstlerischer Qualität. Dieser Protest ist ebenso radikal und kompromisslos, wie Straub/Huillet ihre künstlerische Arbeit stets vertreten haben.

Leitmotivisch teilt sich immer wieder Wut, mitunter gar Hass in ihren Texten mit, Antriebsaggregate einer schöpferischen Produktivität, die sich behaupten muss und sich zur Wehr setzen will gegen das filmische Establishment und gegen den Mainstream, in Auswahlgremien und Jurys, in Institutionen wie in Redaktionen.

Perspektive von Außenseitern

Es sind Früchte des Zorns, und auch sie sind ein Teil der Filmgeschichte. Die „Schriften“ Huillets/Straubs geben – zum Teil in Form von Übersetzungen der Originaltexte aus dem Französischen, Italienischen und Englischen – in wünschenswerter Vollständigkeit und sorgfältig ediert und kommentiert Auskunft über Konflikte, Kontroversen und Krisen des Filmbetriebs. Es ist die Perspektive von Außenseitern, die mehr und anderes erreichen wollten als den ökonomischen Erfolg.

Als man ihnen auf dem Filmfestival von Venedig 2006 den Ehrenlöwen für „Innovationen in der kinematografischen Sprache“ verleihen wollte, schrieb Jean-Marie Straub: „Das ist zu früh gekommen für unseren Tod, aber zu spät für unser Leben“.

Danièle Huillet, Jean-Marie Straub: Schriften. Hrsg. von Tobias Hering, Volko Kamensky, Markus Nechleba, Antonia Weiße. Vorwerk 8, Berlin 2020.399 Seiten, 24 €.

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