• Filmbranche ist ein Klimakiller: Eine Stunde TV kostet 13,5 Tonnen CO2, ein Blockbuster Tausende

Filmbranche ist ein Klimakiller : Eine Stunde TV kostet 13,5 Tonnen CO2, ein Blockbuster Tausende

Der CO2-Ausstoß der Film- und Fernsehbranche steigt immer weiter. Einige kämpfen für mehr Umweltbewusstsein. Doch es fehlt der politische Druck.

Der animierte Insekten-Abenteuerfilm „Die Winzlinge 2- Abenteuer in der Karibik“ wurde ressourcenschonend produziert.
Der animierte Insekten-Abenteuerfilm „Die Winzlinge 2- Abenteuer in der Karibik“ wurde ressourcenschonend produziert.Foto: Futurikon

Was haben der rote Teppich der Berlinale, Nora Fingscheidts Oscar-Kandidat „Systemsprenger“ und der letzte Richy-Müllert- „Tatort“ gemeinsam? Sie wurden ressourcenschonend produziert. Der Berlinale-Teppich bestand dieses Jahr aus Meeresmüll und ausrangierten Fischernetzen.

„Systemsprenger“ wurde mit dem Grünen Drehpass ausgezeichnet, einem von der Filmförderung Hamburg und Schleswig-Holstein ausgestellten Zertifikat. Der SWR produzierte den Tatort „Hüter der Schwelle“ mit einem Nachhaltigkeitsbeauftragten, nach freiwilligen Regeln des „Green Shooting“.

Weniger fliegen, mehr Bahn fahren, mehr LED-Licht, Elektro- und CNG-Erdgasfahrzeuge – und bloß kein Plastikgeschirr am Cateringbus: Nicht erst seit Fridays for Future wollen auch Filmschaffende ihren ökologischen Fußabdruck verringern.

Die branchenfinanzierte Filmförderanstalt (FFA) hat ein „Grünes Kinohandbuch“ herausgegeben, um die Filmtheater zum Energiesparen zu animieren.

Das Medienboard Berlin-Brandenburg stellt über ihre Film Commission Listen von nachhaltig arbeitenden Dienstleistern zur Verfügung. Förderanstalten bieten Workshops an, Mehrkosten wegen Nachhaltigkeit können veranschlagt werden. In Baden-Württemberg ist ein Handbuch für Produzenten in Arbeit. Ein paar Beispiele unter vielen.

Müllreduktion, Beleuchtung und Biokosmetik

„Green Consultants“ können sich dieser Tage vor Aufträgen kaum retten. Sie empfehlen Produzenten den Einsatz von CO2-Rechnern, coachen Teams in Sachen Müllreduktion, Beleuchtung und Biokosmetik, geben Tipps bei den Haupverschmutzern Reisen und Energie. Einer dieser Coachs ist der Umweltberater Philip Gassmann.

Er findet es falsch, dass sich die Klimadebatte vor allem um Verzicht dreht. „Es geht nicht um Verbote, sondern um einen Kreativitätsschub, um neue Hightech, die effizienteres Arbeiten ermöglicht“. Was insgesamt nicht einmal teurer sein muss. Wer ein Set mit LED-Ballons ausleuchtet, spart Zeit und Geld.

Gassmann ist viel unterwegs. Er lobt den Privatsender Sky, der als einziger TV-Sender seine Auftragsproduzenten zum umweltfreundlichen Drehen verpflichtet. Wer sich nicht daran hält, riskiert die letzte Rate. Auch der SWR fragt bei Ausschreibungen schon lange nach Umweltverträglichkeit.

„Bei manchem ,Tatort‘ konnte der CO2-Ausstoß bis zu 50 Prozent reduziert werden,“ sagt Gassmann.

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Mumbai wird vom Meer verschluckt
Mumbai wird vom Meer verschluckt

ZDF, Pro 7 und WDR machen sich auf den Weg, Leitlinien werden formuliert. Unter den Kinoproduzenten ist die Constantin besonders engagiert, „das grüne Produzieren ist Teil ihrer DNA geworden“, so der Umweltberater. Die Bavaria ist klimaneutral, das Studiogelände in Geiselgasteig bezieht seine Energie aus Wasserkraft, Solaranlagen und Erdgas. Der Rest wird kompensiert, durch Unterstützung eines Geothermie-Projekts in Indonesien.

All das klingt erstmal prima. Denn wer Filme dreht, ob Kinodramen oder Kochshows, ist Umweltsünder, ganz unvermeidlich. Eine Stunde TV-Programm erzeugt laut einer britischen Studie 13,5 Tonnen CO2. Bei einem Kinospielfilm liegt die CO2-Summe zwischen hundert und tausend Tonnen, bei einem US-Blockbuster kommen schnell ein paar Tausend Tonnen zusammen.

Und weil die Welt der Medien immer auch mit Image zu tun hat, ist das grüne Produzieren jetzt schwer in Mode – auch wenn Stahl-, Aluminium- oder Mineralölbranche erheblich höhere Treibhausgasemissionen verursachen.

Formuliert werden weiche Ziele

Dummerweise wird aber weit mehr geredet als getan. Nach wie vor steigt der CO2-Ausstoß der Branche, das ist „die bittere Nachricht“, sagt Gassmann - vom Energieverbrauch der Zuschauer zu schweigen. Der Grüne Drehpass existiert seit 2012, er ging dieses Jahr unter anderem an Fatih Akins „Der Goldene Handschuh“ und wurde Ende September zum 157. Mal vergeben, an „Die Rosenheim-Cops“. Macht im Schnitt 20 TV- und Kinoproduktionen pro Jahr. Bei jährlich rund 250 Kinofilmen und über 700 000 auftragsproduzierten Sendeminuten ist das ein Witz.

Mehrkosten für nachhaltiges Drehen können geltend gemacht werden? Klingt auch gut, aber Fördersummen werden bekanntlich als Ganzes bewilligt. Bis 400 Kilometer nehmen alle die Bahn? Gibt’s solche Kurzflugstrecken überhaupt noch?

Laut Ben von Dobeneck, Herstellungsleiter und Geschäftsführer bei der Berliner Produktionsfirma Komplizen Film („Toni Erdmann“) hakt es schnell, wenn 200 bis 300 Leute an einer Produktion beteiligt sind.

„Die müssen alle an einem Strang ziehen. Wenn dann der Schauspielagent auf die Vertragsklausel besteht, dass der Darsteller zum Set mit dem Flugzeug anreisen darf, erhöht das die CO2-Bilanz deutlich.“ Wenigstens stellt die Komplizen Film den Produzenten während eines Drehs Bahncards 1. Klasse zur Verfügung, um das Bahnfahren attraktiver zu machen.

Nachhaltigkeits-Beauftragte der FFA spricht von Kleinstaaterei

Es ist wie beim Klimapaket der Großen Koalition: Formuliert werden weiche Ziele, freiwillige Selbstverpflichtungen und der Wille zur Ablasszahlung qua Kompensation. Warum macht die Filmpolitik nicht mehr Druck?

„Film ist das Zusammenspiel vieler Gewerke, da ist es nicht leicht, alles zu ,begrünen‘“, sagt die Hamburger Länderförderin Christiane Dopp, die den Grünen Drehpass initiiert hat. Auch wenn die Sensibilität für das Thema gewachsen sei.

Die Filmpublizistin Birgit Heidsiek erinnert sich ebenfalls daran, dass die Produzenten vor einigen Jahren noch andere Sorgen hatten. Aber auch sie kann ein Lied vom Greenwashing singen.

Heidsiek betreibt die Internetplattform „Green Film Shooting“ und gibt das gleichnamige Magazin heraus, sie ist Nachhaltigkeits-Beauftragte der FFA und in Sachen „Grüner Film“ in ganz Europa unterwegs. Sie spricht von Kleinstaaterei. Wenn national wie international stärker zusammengearbeitet würde, wäre man wesentlich weiter. „Statt europäische Lösungen zu erarbeiten, werden die Best-Practice-Grundsätze in jeder Region neu formuliert und eigene CO2-Rechner entwickelt.“

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