Filmfestival vor der Eröffnung : Cannes setzt auf noch mehr Exklusivität

An diesem Dienstag eröffnen die 71. Filmfestspiele von Cannes. Das wichtigste Festival der Branche spürt die Konkurrenz der Streamingdienste – und gibt sich noch exklusiver. Das könnte die Krise verschärfen.

Das offizielle Festival-Plakat ist dieser Tage überall in Cannes zu sehen.
Das offizielle Festival-Plakat ist dieser Tage überall in Cannes zu sehen.Foto: AFP/Anne-Christine Poujoulat

Mitte April nutzte Cannes-Präsident Thierry Frémaux zwei große Interviews mit den Branchenblättern „Hollywood Reporter“ und „Variety“, um sich über seinen undankbaren Job als künstlerischer Leiter des wichtigsten Filmfestivals der Welt zu beklagen. „Egal, was wir machen, die Kritiker finden an Cannes immer etwas zu mäkeln.“ Über die Luxusprobleme von Frémaux wäre Berlinale-Chef Dieter Kosslick sicher noch froh, er sah sich zuletzt ja ganz grundsätzlicher Kritik an seiner Person ausgesetzt.

Der Ärger, mit dem man sich in diesem Jahr an der Croisette herumschlägt, ist zum Großteil allerdings hausgemacht: das Zerwürfnis mit Netflix über die Frage, ob man einem Streamingdienst, der offensichtlich kein Interesse mehr am traditionellen Kino zeigt, eine Werbe- Plattform bieten sollte; der Bann von Smartphones am roten Teppich sowie die Verlegung der morgendlichen Pressevorführungen auf den frühen Abend, zeitgleich zur Gala-Premiere, um die Feierlichkeiten nicht mit möglicherweise schlechter Vorab-Presse zu stören.

Auf den ersten Blick haben die Entscheidungen wenig miteinander zu tun. Tatsächlich sind sie aber Indikatoren, dass auch ein Prestige-Festival wie Cannes, als Bindeglied zwischen Glamour und Autorenkino, in einer Legitimationskrise steckt. Noch pilgern Hollywoods Größen an die Côte d’Azur – in diesem Jahr leitet Cate Blanchett die Jury, „Solo: A Star Wars Story“ feiert (außer Konkurrenz) seine Weltpremiere –, aber für die Studios ist Cannes längst kein Pflichttermin mehr. Die Festivals in Toronto und Venedig sind für die Oscar-Saison inzwischen wichtiger. So bleibt Cannes eigentlich nur noch der Mittelbau des US-Kinos; dummerweise wandern dessen Regisseure aber gerade massenweise zu Netflix und Amazon ab.

Tiefergehende Analysen könnten auf der Strecke bleiben

Die Strategie des Festivals ist leicht zu durchschauen, Thierry Frémaux reagiert mit seinen Ankündigungen auf den schleichenden Wandel in der Filmindustrie. Cannes will sich noch stärker als exklusives Event positionieren: hochwertige Filmkunst statt „Content“ für ein binge-süchtiges Streamingpublikum, keine hässlichen Schnappschüsse mehr für den Plebs am roten Teppich und keine Privilegien für Journalisten. Warum sollten Hollywoodstars auch nach Cannes kommen, wenn sie schon vor der Gala-Premiere im Netz die schlechten Kritiken ihres Films lesen können?

Cannes 2018 - Die Wettbewerbsfilme
Asghar Farhadis "Todos Lo Saben" (Everybody Knows) eröffnet dieses Jahr die Filmfestspiele von Cannes. Der iranische Regisseur erzählt in dem Thriller von einer Familienfeier, die dunkle Geheimnisse zum Vorschein bringt. Mit dem Ehepaar Penélope Cruz und Javier Bardem in den Hauptrollen.Weitere Bilder anzeigen
1 von 21Foto: Cannes Festival
08.05.2018 16:56Asghar Farhadis "Todos Lo Saben" (Everybody Knows) eröffnet dieses Jahr die Filmfestspiele von Cannes. Der iranische Regisseur...

Was sich auf den ersten Blick wie das Problem eines exklusiven Zirkels liest, hat tatsächlich weitreichende Implikationen für das Selbstverständnis für Cannes als Hochburg der Cinephilie. Denn die Verschiebung der Pressevorführungen setzt die traditionelle Filmkritik, die sich nicht mit meinungsstarken 280 Zeichen auf Twitter begnügt, stärker unter Zeitdruck. Auf der Strecke bleiben könnten im Kampf um Aktualität und Aufmerksamkeit tiefergehende Analysen. Denn im Gegensatz zur Berlinale ist Cannes kein Publikumsfestival, sondern ein Branchentreffen, das Öffentlichkeit generiert. Die Journalistinnen und Journalisten, die in Cannes ohnehin nie bevorzugt behandelt wurden, spielen dabei seit jeher eine wichtige Rolle. Frémaux schwächt mit diesem Schritt weiter die kriselnde Institution „Filmfestival“, die – gerade unter Jüngeren – längst nur noch eine Teilöffentlichkeit innerhalb einer sich rasant diversifizierenden Medienkonsumgesellschaft darstellt.

In einem anderen Punkt hat Thierry Frémaux allerdings recht, wenn er sich über die Kritik an Cannes beschwert. Die 71. Ausgabe des Filmfestivals, das am Dienstag mit „Everybody Knows“ des iranischen Regisseurs Asghar Farhadi eröffnet wird, steht in einem besonders kritischen Licht. Sie markiert auch das Jahr eins nach Harvey Weinstein, der mit seiner Entourage wie nur wenig andere Figuren das Bild der Croisette geprägt hat. Hier erlebte der damalige Miramax-Boss mit Quentin Tarantinos „Pulp Fiction“, der 1994 die Goldene Palme gewann, seine Krönung zum unumstrittenen Filmmogul. Cannes ist aber auch der Ort, an dem sich einige der Vergewaltigungen und Vorfälle von sexuellem Missbrauch ereigneten, die Weinstein vorgeworfen werden.

Mehr Kultur? Jeden Monat Freikarten sichern!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben