Was sagen die Programmmacher zur Berlinale-Diskussion?

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Filmfestspiele nach Dieter Kosslick : Wie sieht die Zukunft der Berlinale aus?
Im Zentrum: Die Wettbewerbsfilme laufen im Berlinale-Palast.
Im Zentrum: Die Wettbewerbsfilme laufen im Berlinale-Palast.Foto: Alexander Janetzko/Berlinale

Auch 1975, zum Amtsende des allerersten Berlinale-Chefs Alfred Bauer, hatte es eine Findungskommission gegeben. Diese kürte nach der Kandidatensuche per Zeitungsanzeige (!) einen Mann aus den eigenen Reihen, Wolf Donner. Der blieb dann zwar keine drei Jahre, brachte die Berlinale aber kräftig voran. Donner verlegte das Festival von seinem zwischen Cannes und Venedig eingezwängten Sommertermin auf den damals für die Oscar-Filme höchst attraktiven Februar, führte eine deutsche Reihe ein, verjüngte das Team, erhöhte die Zahl der Frauen unter den Mitarbeitern.

Wer sich dieser Tage bei den Festivalsektionen umhört, stößt auf Skepsis und Sorgen, was die Zukunft betrifft. Angesichts der bei Festivals üblichen Zeitverträge – die meisten Mitarbeiter werden jährlich gekündigt und wieder angestellt – wüssten die Sektionschefs gerne bald, wie es mit ihnen und ihren Teams weitergeht. Vor allem wundert es sie, dass die Kulturstaatsministerin bislang weniger die Programmmacher in den Findungsprozess einbezieht, als sich mit Wünschen von außen zu befassen.

„Unsere Expertise auch bezüglich der Profile der einzelnen Sektionen ist offenbar nicht gefragt“, sagt Forums-Chef Christoph Terhechte. So sieht es auch das neue Panorama-Leitungsteam Paz Lázaro, Michael Stütz und Andreas Struck. Maryanne Redpath, Leiterin der Reihe Generation, hätte sich gewünscht, dass ein Festivalmitarbeiter mit in der Findungskommission sitzt.

Christoph Terhechte, Leiter des Internationalen Forums, das als einzige Sektion einen anderen Träger hat, nämlich das Arsenal.
Christoph Terhechte, Leiter des Internationalen Forums, das als einzige Sektion einen anderen Träger hat, nämlich das Arsenal.Foto: Jens Kalaene/dpa

Nicht dass die Chefs von Panorama, Forum oder Generation mitentscheiden wollen. Das hat ja Schule gemacht in Berlin, Stichwort Volksbühne, Stichwort Staatsballett. Die Ernennung eines Chefs durch die Politik ohne Rücksprache oder gar Einvernehmen mit der Belegschaft wird neuerdings teils heftig angefeindet – oder mit Boykott abgestraft. Eine heikle Herausforderung für Grütters. Einerseits kann sie nicht basisdemokratisch vorgehen, andererseits muss sie einen Fall Chris Dercon vermeiden. Erste Gespräche mit Mitarbeitern seien geführt, heißt es aus ihrer Behörde, man gehe bald auf weitere zu.

Die Programmmacher plädieren für eine Stellenausschreibung

Die Sektionschefs sorgen sich vor allem um das Procedere. Sie plädieren für ein mehrstufiges Verfahren, für „die Klärung der Arbeitsteilung und -strukturen, die Erarbeitung von Stellenprofilen und drittens eine internationale Ausschreibung“, so Terhechte. „Auch mit Hilfe von professionellen Head-Huntern“, ergänzt Redpath. Dafür spricht in der Tat vieles, im „Süddeutschen“-Interview empfiehlt auch der Ex-Chef von Cannes eine Ausschreibung. Gilles Jacob wirbt zudem für eine Arbeitsteilung zwischen Präsident, künstlerischem Leiter und Generalsekretär, sprich: Geschäftsführer. Jacob war 37 Jahre die Nummer eins in Cannes. Die letzten 13 Jahre als Präsident, mit Thierry Frémaux als künstlerischem Leiter, bis 2014. Wenn Jacob heute der Arbeitsteilung das Wort redet, ist es ein bisschen so, als predige ein Monarch, der sich lange an seine Krone klammerte, die Demokratie.

Leitungsteam (v.l.): der langjährige Panorama-Chef Wieland Speck und das neue Leitungsteam Paz Lázaro (Leiterin und Kuratorin), Michael Stütz (Programmmanger & Kurator) und Andreas Struck (Kommunikation & Kurator). Speck wird die Sektion künftig beraten.
Leitungsteam (v.l.): der langjährige Panorama-Chef Wieland Speck und das neue Leitungsteam Paz Lázaro (Leiterin und Kuratorin),...Foto: Ali Ghandtschi/Berlinale

Aber die Trennung von geschäftlicher und künstlerischer Leitung ist ohnehin kein Streitpunkt mehr – Kosslick empfahl sie vor Jahren, damals leider ohne Reaktion. Aber was genau soll getrennt werden? Soll es zusätzlich einen (ehrenamtlichen) Präsidenten geben, für die Sponsoren, fürs Repräsentieren? „Die Rede ist immer von einem neuen Leiter des Wettbewerbs, aber die Berlinale ist doch viel mehr als das“, betonen Lázaro, Struck und Stütz. „Soll die Gesamtstruktur sich ändern, soll entschlackt werden auf Kosten der Vielfalt, für die das Festival steht?,“ fragt das Panorama-Trio.

Und: Soll ein künftiger Chefkurator – zweifellos die derzeit wichtigste Personalie – „nur“ den Wettbewerb und dazu die Special-Reihe kuratieren? Soll das Panorama noch enger ans Hauptprogramm angebunden und das Forum gleichzeitig noch unabhängiger werden? Auch Cannes und Venedig haben autonome Nebenreihen. Wer ist wem weisungsgebunden? Lauter überfällige Fragen. Die Antworten darauf sind unabdingbar, vor der Personalsuche.

Zum Beispiel das Forum mit seinem Fokus auf ästhetisch besonders mutigen Filmen. Die Reihe liegt nicht in der Trägerschaft der KBB, sondern ist eine Veranstaltung des Arsenals mit seinen Kinos und dem Institut. „Die Unabhängigkeit“, so Terhechte, „sollte gewahrt bleiben.“ Wobei er das Forum nicht als Gegenfestival verstanden wissen will, sondern als „produktive Konkurrenz“.

Wie das Panorama-Team wirbt Terhechte für die Vielfalt des weltweit größten Publikumsfestivals mit einem A-Wettbewerb im Zentrum, für „Dissens im guten Sinne“. Er versteht die Puristen nicht, „die ein reduziertes, durchsortiertes Programm haben und an der Hand genommen werden wollen“, nennt es einen „romantischen Gedanken“. Dass die Menschen in der komplexen Welt fähig sind, sich selbst zu orientieren, sollte man ihnen auch bei der Berlinale zutrauen.

Maryanne Redpath leitet die Kinder- und Jugendreihe Generation.
Maryanne Redpath leitet die Kinder- und Jugendreihe Generation.Foto: Monika Skolimowska

Die Programmmacher begrüßen die Diskussion über das Festival, ärgern sich aber über manche Uninformiertheit. Eine Entschlackung etwa der Reihe Generation wäre widersinnig angesichts einer Auslastung von rund 90 Prozent, erklärt Maryanne Redpath. Wenn die Kritiker finden, ein Festival mit weniger Publikum wäre besser, sollen sie es auch so sagen.

Viele Streitpunkte gab's schon vor dem Amtsantritt von Dieter Kosslick

Einig ist sich Redpath mit den Kollegen darin, dass international gesucht werden sollte. Ohne breite Festivalerfahrung und Branchenkontakte lässt sich die Berlinale genauso wenig künstlerisch leiten wie ohne eine kinematografische Vision. Björn Böhning tut sich schwer mit der Vorstellung eines nichtdeutschen Chefs. Zur Erinnerung: Moritz de Hadeln war Ausländer, konnte wenig Deutsch, es spielte keine Rolle bei seiner Berufung 1979.

„Er oder sie sollte das wuchernde Programm kürzen; es laufen zu viele Filme“, und eine Doppelspitze ist denkbar: Das sagte Michael Naumann übrigens schon im Jahr 2000 – über die De-Hadeln-Berlinale. Kosslicks baldige Umstrukturierungen, etwa die Einführung der „Perspektive Deutsches Kino“ und die Aufteilung des Kinder- und Jugendfilmreihe nach Altersgruppen, wurden damals begeistert begrüßt und vom Publikum angenommen. Explodiert ist das Programm seitdem nicht, auch wenn es immer wieder behauptet wird. 365 Filme (Kurzfilme inklusive) im Jahr 2017, das sind 46 mehr als 2001– eine Steigerung von 14,4 Prozent. Es gibt Debatten, die die Berlinale wohl noch in 100 Jahren begleiten.

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