Filmkonsum in Zeiten von Netflix : Braucht man heute noch Videotheken?

Ein Gespräch mit dem Medienwissenschaftler Tobias Haupts über Formen des Filmkonsums - und das legendäre Kreuzberger Videodrom, das von der Schließung bedroht.

Spezielle Auswahl. Das gibt es eben nicht alles bei Netflix. Videotheken wie das Videodrom in Berlin verstehen sich auch als Vermittler von Filmwissen.
Spezielle Auswahl. Das gibt es eben nicht alles bei Netflix. Videotheken wie das Videodrom in Berlin verstehen sich auch als...Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Im April rief die Programmvideothek Videodrom eine Crowdfunding-Kampagne ins Leben. Steigende Mieten im Bergmannkiez und schwindende Kundenzahlen machen der Kreuzberger Institution mit dem deutschlandweit einzigartigen Programm zu schaffen. Am Samstag fand im Sputnik Kino das Podiumsgespräch „Nicht der Videothekar ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt“ zur Lage des Videodroms statt. Tobias Haupts ist Film- und Medienwissenschaftler an der FU Berlin und nimmt an der Diskussion teil. 2014 veröffentlichte er „Die Videothek. Zur Geschichte und medialen Praxis einer kulturellen Institution“ im transcript Verlag. Ist ein Ort wie das Videodrom noch zu retten?

Herr Haupts, wann haben Sie zuletzt eine Videothek aufgesucht?

Den letzten Film in einer Videothek habe ich mir vor über einem Jahr ausgeliehen. Aber ich schaue immer wieder mal in Videotheken rein, aus Neugier. Mich interessiert, wie die Videotheken von innen aussehen, welches Angebot sie haben, wie sie ihre Kunden ansprechen.

Besitzen Sie ein Netflix-Abo?

Ja. Ich habe auch Amazon Prime und ein Sky-Ticket.

Sie machen den Medienwandel also mit. In Ihrem Buch nennen Sie die Videothek eine „kulturelle Institution“. Inwiefern?

Die Bezeichnung „kulturelle Institution“ wurde damals als Kampfbegriff genutzt - zu einer Zeit, als das Bewusstsein für die medienhistorische Bedeutung von Videotheken nicht gefestigt war. Als ich 2008 mit meiner Forschung anfing, wurde mir oft entgegnet, dass es Videotheken ohnehin nicht mehr lange geben wird. Das ist natürlich eine ahistorische Aussage. Dieses Bewusstsein entsteht erst im Moment eines Medien- und Kulturwandels, das haben auch Programmvideotheken wie das Videodrom in Kreuzberg oder die Traumathek in Köln inzwischen gemerkt.

Das Videodrom hat seit Jahren Probleme. Diese Krise ist nicht nur wirtschaftlich bedingt, sondern auch Folge eines sich verändernden Konsumverhaltens. Heutzutage muss alles sofort verfügbar sein. Viele Menschen würden die Schließung des Videodroms mit seinem hochgradig spezialisierten Verleihprogramm dennoch als einen Verlust empfinden.

Es geht mir nicht um eine Mediennostalgie, dieser Vorwurf steht bei solchen kulturellen Debatten - etwa auch im Zusammenhang mit Büchern - schnell im Raum. Wir als Gesellschaft müssen uns allerdings darüber im Klaren sein, was uns mit einem augenscheinlich obsoleten Medium an Wissen verloren geht. Hier kann man natürlich ökonomisch argumentieren: Videotheken erscheinen als überholte Geschäftsmodelle. Die Frage wäre dann aber: Bekommt man das Angebot, dass zum Beispiel das Videodrom bietet, tatsächlich auch woanders? Ganz sicher nicht, zumindest nicht im Moment, bei Netflix oder Amazon.

Dann könnte man dem Videodrom fünf weitere Jahre geben, bis die Streaminganbieter ihren Rückstand aufgeholt haben. Aber Ihr Begriff der kulturellen Institution beinhaltet ja mehr als nur ein Medienangebot. Sie nennen Videotheken Orte des Wissens. Was ist an diesem Ort erhaltenswert, im Sinne eines Kulturerbes?

Ich sehe den Gang in eine Videothek durchaus als eine kulturelle Praxis, wodurch ein Umgang und eine Auseinandersetzung mit Medien eingeübt wird - virtuell, also im Dialog mit dem Wissen, das einen in der Videothek umgibt, wie auch haptisch, etwa in der Beschäftigung mit den Medien selbst. Es ist ja was ganz anderes, wenn mir der Netflix-Algorithmus einen Film vorschlägt oder ich mich durch mein MP3-Archiv klicke.

Was im Zusammenhang mit dem Videodrom immer wieder betont wird, ist die kuratorische Arbeit durch Themen- oder Werkreihen. Der Ansatz ist durchaus vergleichbar mit der Arbeit einer Kinemathek.

Programmvideotheken haben schon immer vom Nimbus des Videothekars als Cineast gezehrt. Dieser Mythos wurde besonders durch einen Regisseur wie Quentin Tarantino kultiviert. In Deutschland hatten Videotheken, anders als etwa in den USA, lange ein Schmuddelimage. Die besseren Videotheken verstanden sich aber immer als Vermittler von Filmwissen, da wurden Genres und Regisseure wiederentdeckt. Das ist auch eine Frage der Bildzirkulation, die Streaminganbieter mit ihrem Angebot in dieser Breite und Tiefe nicht leisten können.

Tarantino kokettierte anfangs mit seinem früheren Job hinterm Tresen einer Videothek: seiner persönlichen Filmschule.

Tarantino bezieht sich in seinen Filmen auf eine Filmgeschichte, die im engen Zusammenhang mit der Blütezeit der Videotheken steht. Das ging nur, weil Filmgeschichte, auch die abseitige, plötzlich jederzeit dank Kassetten verfügbar war. Damit geht auch eine andere Medienbiografie einher - nicht mehr wie bei den klassischen Autorenfilmern, die sich ihre Filmbildung noch im Kino geholt haben.

Der Berliner Regisseur Jörg Buttgereit schlägt vor, dass eine Kulturbehörde - des Senats oder des Bundes - finanziell einspringen sollte, um das Videodrom zu retten. Was halten Sie von der Idee?

Die Frage ist, wen man überzeugen müsste, eine Institution wie das Videodrom zu schützen. Welche Rolle spielt das Videodrom zum Beispiel für den Kiez oder gar für die Berliner Kulturszene? Geht es auch um die Geschichtlichkeit der Institution selbst? An der Sammlung des Videodroms lassen sich ja unterschiedlichste Formen von Filmgeschichte rekapitulieren. Nicht nur medienhistorisch - anhand der riesigen Sammlung an VHS-Leihkassetten. Sondern auch am Beispiel einer Filmgeschichte, die für das West-Berlin der achtziger Jahre, der Hochzeit der Berliner Subkultur, eine besondere Rolle gespielt hat. Denn es kann am Ende nicht allein darum gehen, die Bestände in Kisten zu verpacken und wie in der Bibliothek in ein Magazin zu verfrachten.

Wenn man mal davon ausgeht, dass es in wenigen Jahren nur noch eine Handvoll Videotheken geben könnte: Wie müssten diese Videotheken aufgestellt sein, damit sie tatsächlich einen schützenswerten kulturellen Auftrag erfüllen?

Zum einen darf das Archiv nicht statisch sein, es muss am Leben gehalten werden durch eine kuratorische Arbeit mit der Sammlung. Die Videothek sollte aber auch als Ort einer soziokulturellen Begegnung erhalten bleiben. Da spielen Veränderungen in unserer Freizeitgestaltung ebenfalls eine Rolle. Sehe ich mir Filme auf DVD anders an als einen Stream, den ich auf meinen Laptop abspiele?

Sind Videotheken in ihrer jetzigen Form also tatsächlich eine sterbende Institution?

Von der Krise der Videotheken wird seit über 30 Jahren geredet. Aber bisher haben Videotheken noch jeden Medienwandel überlebt. Ich habe mich in den vergangenen Jahren an diesen Fatalismus gewöhnt. Auch Plattenläden gibt es immer noch. Man spricht inzwischen sogar wieder von der „Rache des Analogen“. Als Filmhistoriker wäre ich daher mit solchen Spekulationen vorsichtig.

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