Filmwelt : Hollywoodglanz zum Mexikanertarif

Was im allgemeinen Wir-sind-wieder-wer-Getöse weitgehend untergeht, sind nüchterne Fakten und weniger erfreuliche wirtschaftliche Faktoren, die überhaupt erst dazu führen, dass Deutschland als Drehort wieder eine Rolle spielt. Vor allem sind es Deutschlands komfortable Förderstrukturen, die internationale Projekte anziehen. So rechnen die „Wolkenatlas“-Produzenten damit, zwölf bis 16 Prozent (also zwölf bis 16 Millionen Euro) durch solche Zuschüsse abzudecken: geleistet vom Deutschen Filmförderfonds, der Filmförderungsanstalt und dem Medienboard Berlin-Brandenburg. Andere Länder wie Kanada oder Neuseeland locken mit eigenen Anreizsystemen, Standorte wie Budapest, Prag oder das marokkanische Ouarzazate bieten besonders günstige Arbeitskräfte. Die Entscheidung, wo gedreht wird, ist das Ergebnis knallharter Kalkulation.

Filmproduktionen kommen nicht wegen der hundertjährigen Geschichte nach Babelsberg, und auch nicht vorrangig wegen der dort vorzufindenden Kompetenz. Zwar gibt es im Produktionsbereich durchaus Spitzenpositionen für deutsche Mitarbeiter – schließlich ist es wegen der Förderungen notwendig und lukrativ, deutsche Koproduktionen einzugehen. Doch die meisten hiesigen Filmschaffenden, die an internationalen Projekten beteiligt sind, arbeiten oft überqualifiziert und unterbezahlt in subalternen Assistenz- und Fahrerjobs. Hinter vorgehaltener Hand ist in der Branche von „white Mexicans“ die Rede. Die Attraktivität Deutschlands für internationale Produktionen mag die funkelnde Seite der Medaille sein; die andere erfordert die Bereitschaft, sich ausbeuten zu lassen.

Wenn etwa den eingeflogenen Mitarbeitern ihre Überstunden vergütet werden, den deutschen aber nicht. Wenn die Hollywood-Maskenbildnerin das Vielfache des Gehalts ihrer deutschen Kollegin verdient. Wenn der amerikanische Szenenbildner einen deutschen Partner hat, der zwar genauso qualifiziert ist und genauso viel arbeitet, aber bezahlt wird wie ein Assistent. Und wenn ausgebildete Drehbuchautoren für einen Hungerlohn als Fahrer arbeiten.

Jeder, der mit internationalen Produktionen zu tun hat, kennt solche Fälle oder hat sie selbst erlebt – offen darüber sprechen möchte niemand. Zu groß ist die Angst, sich ins Abseits zu stellen, zumal es nur wenige Großprojekte gibt und sich die meisten Beschäftigten mühsam von Film zu Film hangeln. Wer kann es sich da erlauben, schlecht über einen Hollywood-Regisseur zu sprechen oder auf arbeitsrechtliche Verstöße hinzuweisen?

Ein Insider, der an mehreren internationalen Projekten beteiligt war, erläutert die Sachzwänge, die zu Ungleichbehandlung führen. „Ungerechtigkeiten gibt es, Punkt“, sagt er. „Es findet immer und überall Ausbeutung statt.“ Verhindern lasse sich das oft nicht. Wenn eine Hollywood-Schauspielerin ihre eigene Visagistin mitbringen möchte, kann ihr nicht einfach jemand anderes vor die zu pudernde Nase gesetzt werden. „Was nützt es, dass ich für die Gage drei deutsche Maskenbildner engagieren kann, wenn sie der Schauspielerin nicht die Sicherheit geben, die sie braucht?“

Ebenso bringen Regisseure, die nach Babelsberg kommen, in der Regel ihre Szenenbildner mit. Meist sind sie jedoch der Sprache nicht mächtig und kennen sich in der Stadt nicht aus. Also brauchen sie Assistenten, die ihre künstlerische Vision teilen und sich im Fundus und in den einschlägigen Läden zurechtfinden, kurz: Leute, die die Aufgabe auch eigenverantwortlich meistern könnten. Nur: Im Abspann werden sie bloß als Assistent genannt und auch so bezahlt.

Warum wollen sich deutsche Filmschaffende die Unterbezahlung gefallen lassen? Lesen Sie auf der nächsten Seit weiter.

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