Kultur : Flatternde Landschaften

Zwei Berliner Galerien würdigen den Bildhauer und Maler Per Kirkeby

Jens Hinrichsen

Landschaftsmalerei ohne Landschaften – die Kunst von Per Kirkeby lässt sich am besten mit diesem Paradox umschreiben. Im Niemandsland zwischen Figuration und Gegenstandslosigkeit irrlichtert seine Malerei umher. Sie visualisiert Wachstumsprozesse, statt Vegetation abzubilden. Sie lässt die raue Schönheit von Äckern, Meer oder bröckelnden Kliffkanten spürbar werden, ohne ins Illustrative zu verfallen.

Kirkeby entwickelt seine Bilder aus dem malerischen Gestus, er durchpflügt die Farbe, raut Flächen auf, lässt „Natur“ entstehen und wieder zerfallen. Obwohl längst zum „Staatskünstler Dänemarks“ ausgerufen, bevorzugt der 1938 geborene Maler immer noch die schroffe Geste. Zwei aktuelle Galerie-Ausstellungen in Berlin beweisen: Der Name Kirkeby steht für alles andere als den harmonischen Naturbegriff.

„Neue Bilder“ sind es bei Julius Werner, insgesamt 14 Großformate (80 000 bis 165 000 Euro). Nach wie vor präsentiert sich kein feinsinniger Pinsel-Stilist, sondern ein besessener Forscher, der im Farb-Raum experimentiert. Die Arbeiten der vergangenen zwei Jahre beschwören noch einmal Kirkebys Verbundenheit mit dem Polarforscher Fridtjof Nansen (1861-1930). „Fram“ hieß dessen Expeditionsschiff, und unter demselben Titel irritierte 1982 ein Kirkeby-Ölgemälde die Besucher der Berliner „Zeitgeist“-Ausstellung, die sich eigentlich der Figuration verschrieben hatte. Ganz unzeitgemäß waren bei Kirkeby Anklänge an C. D. Friedrichs „Eismeer“ und niederländische Stillleben im Malprozess abstrakt mit eingeflossen.

In neuen Arbeiten wie „Fram im Garten“ oder „Fram versteckt“ tauchen gegenständliche Elemente wieder auf. Wenn sich auf dem Gemälde „Bekehrung von Fram“ ein schwer identifizierbarer Schiffsbug in die vibrierend-abstrakte Farblandschaft schiebt, ist das weniger die Abbitte eines zur Figuration bekehrten Malers. Vielmehr bekennt sich Kirkeby ironisch zu einer Bildkunst, in denen Festschreibungen wie „abstrakt“ und „gegenständlich“ letztlich obsolet geworden sind. Allzu schimärenhaft erscheinen die Dinge in diesen Bildern: Ein tektonisches Bild-Beben reißt Tisch und Tischtuch nieder, Weingläser kommen zu Fall oder verschwinden hinter flatternden Pinselstrichvorhängen. Der „neue“ Kirkeby – in seiner Vitalität und Doppelbödigkeit ist er ganz der alte geblieben.

Eine treffliche Ergänzung bietet die Galerie Michael Haas, deren Ausstellung retrospektiven Charakter hat. Mit zwölf kleinen und mittleren Bronzeskulpturen wird hier auch der Bildhauer Kirkeby gewürdigt (20 000 – 286 000 Euro). Mit formaler Klarheit und leichtem Strich bestechen die Zeichnungen (um 3400 Euro) – auch dies ein Medium von zentraler Bedeutung für den Maler. 1958 nahm Kirkeby als wissenschaftlicher Mitarbeiter an einer Grönland-Expedition teil. Allerdings bekannte er später, weniger wegen der Geologie an Bord gegangen zu sein, sondern um seine Skizzenblöcke zu füllen und „Abenteuerliches zu erleben“.

Einen spannenden Kurztrip durch gut zwei Jahrzehnte Kirkeby-Malerei bieten schließlich seine Öl- und Mischtechnikbilder, ebenfalls bei Michael Haas (42 000 – 280 000 Euro). Beginnend mit einem unbetitelten Hochformat von 1977, das von der Nervosität ockerfarbener und graugrüner Schraffuren erfüllt ist, aus denen tiefblaue Farbinseln wachsen. Hier ist noch alles Atmosphäre, fast-impressionistisches Geflirr. Quasi-Naturformen kristallisieren sich erst ab einem Gemälde von 1982 allmählich heraus („Ohne Titel“). Vor moosgrüner „Dunkelheit I“ (1991) strahlen schließlich orangefarbene Formen, die an Baumstümpfe erinnern. Wer will, kann am Bildrand auch eine kopflose Menschengestalt wahrnehmen. Ist das figurativ? Oder abstrakt? Nein, Kirkeby!

Galerie Julius Werner, bis 24. März, Dienstag bis Freitag 10–18.30 Uhr, Sonnabend 10–16 Uhr; Galerie Michael Haas, bis 17. März, Montag bis Freitag 10–18 Uhr, Sonnabend 11–14 Uhr.

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