"Flying Illusion" im Theater am Potsdamer Platz : Magie und Moves

Die Berliner Breakdance-Crew Flying Steps gastiert mit „Flying Illusion“ am Potsdamer Platz.

Ich tanz’ dich platt. Die Jungs links haben Böses mit der Welt vor. Ein Glück, dass ihre Gegenspieler zehntausend Jahre Sonnenfinsternis noch verhindern können.
Ich tanz’ dich platt. Die Jungs links haben Böses mit der Welt vor. Ein Glück, dass ihre Gegenspieler zehntausend Jahre...Foto: Wilhelm Westergren/RedBullContentPool

Erhöhtes Sneaker-Aufkommen am Donnerstagabend im Theater am Potsdamer Platz. Die Premiere von „Flying Illusion“, der aktuellen Show der Breakdance-Crew Flying Steps spült eine hier nie zuvor gesichtete Klientel in das sonst von gesetzten Berlinale-Besuchern und Musical-Fans besuchte Haus. Scharen von Mädchen und Jungen mit allen Migrationshintergründen dieser Stadt sind unterwegs. Und Basecapträger, die sich wie der Spaßrapper MC Fitti auch auf ihrem Sitzplatz partout nicht von der Sichtbremse trennen wollen.

In einer perfekten Welt käme jetzt ein Blitz vom Himmel gesaust, um sie dem Rauschebart vom Kopf zu sengen. Doch in der dystopischen Zukunft, von der „Flying Illusion“ erzählt, bleibt das Blitzeschleudern per Zauberstab einer silbern gewandeten, rätselhaft bleibenden Superheldenfigur vorbehalten, die einen Helm wie X-Men Magneto trägt. Die „West Side Story“ als Fantasyspektaktel im Urban-Dance-Style – das wäre eine halbwegs taugliche Zusammenfassung der Show, von der die Hip-Hop- oder Tanz-affinen Teenager zu Recht annehmen, dass sie cool ist. Und zugleich familientauglich und multilingual kompatibel. Gesungen und gesprochen wird nämlich (fast) nicht. Und auch wenn die Hochleistungsartistik der Flying Steps kaum noch was mit den subkulturellen Anfängen des in den Siebzigern in der New Yorker Bronx erfundenen Straßentanzstils zu tun hat, wird der Battle im Breakdance nach wie vor rein tänzerisch ausgetragen. Den gegnerischen Gangs der guten Flying Heroes und der bösen Dark Illusions geht es um nichts weniger als die Rettung der Welt vor einer zehntausend Jahre währenden Sonnenfinsternis.

Choreografie und digitale Projektionen verstärken sich

Die mit Verrat und einer tragischen Romanze gewürzte Geschichte ist an diesem 80-minütigen Abend aber das zu vernachlässigende Element. Viel atemberaubender sind die spektakulären Moves der zehn Tänzer und zwei Tänzerinnen. Der „Popping“ genannte Roboter-Stil von Robozee, der den Chef der Heroes tanzt. Die gefährlichen Verrenkungen des Tattoo- und Muskelmanns Rubberlegz. Die „Air Freezes“ genannten einarmig gehaltenen Handstände des Rotbarts Lil Amok. Und die akrobatischen „Powermoves“ von Ukay, der gegen die Projektion seines eigenen Schattens antanzt, sind eine Wucht.

Powermoves im Bühnennebel. Dark Illusions vs. Flying Heroes.
Powermoves im Bühnennebel. Dark Illusions vs. Flying Heroes.Foto: Ruud-Baan_RedBullContentPool

Die größte Wirkung erzielen die Breakdancer im Zusammenspiel mit den präzise auf ihre Dynamik abgestimmten Digitalprojektionen, die das Prinzip des Würfels in vielfarbige Variationen auflösen und damit auf dunkler Bühne erstaunliche räumliche Effekte erzielen. In der Kombination mit hin und her gleitenden Raumteilern entstehen so bewegte Stadtsilhouetten. Zu diesen Illusionen hat der Zauberer Florian Zimmer Tricks beigesteuert, die die Kontrahenten schlagartig auftauchen oder verschwinden lassen. Verblüffend.

Zum 25. Bestehen schlagen sie das große Pfauenrad

Da schadet es auch gar nichts, dass die Hip-Hop-Show, in der zugunsten einer eher austauschbaren Elektrosinfonik viel zu wenig fette Hip-Hop-Beats erklingen, eigentlich eine Wiederaufnahme ist. Premiere feierte „Flying Illusion“ – nach „Flying Bach“ (2010) – schon 2014 im Tempodrom und ging dann auf internationale Tour, sogar bis Las Vegas. Doch damit zum 25-jährigen Bestehen der vierfach mit Weltmeistertiteln dekorierten Steps knapp vier Wochen lang das Haus am Potsdamer Platz füllen zu wollen, ist dann doch noch mal eine andere Dimension. Da will die 1993 im Haus der Jugend am Nauener Platz in Wedding vom heutigen Kreativdirektor Vartan Bassil gegründete Crew ein richtig großes Pfauenrad schlagen. „Vom Pappkarton aufs Parkett“, wie Bassil sich in Anspielung an die Anfangszeiten, als die Jungs noch als Straßenact am Ku’damm ihre Pirouetten drehten, gerne zitieren lässt.

Bisher ging es ja immer nach oben mit der Truppe, die 2007 ihre um die Ecke vom Moritzplatz gelegene Flying Steps Academy gründete, in der inzwischen 35 Lehrerinnen und Lehrer schon Kinder im Urban Dance unterrichten. Dass der längst aus den Ghettos raus und in der Unterhaltungsindustrie angekommen ist, spielt nur für Puristen eine Rolle. Und so werden den Flying Steps in ihrer Homebase Berlin prompt stehende Ovationen des Publikums zuteil. Beim anschließenden Freestyle Battle, in dem sich einige Crewmitglieder mit funkigen Einlagen empfehlen, ist immerhin eine weitere Tänzerin dabei. Da geht noch deutlich mehr.

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Theater am Potsdamer Platz, bis 10. Juni, tgl. außer dienstags

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