Forum Expanded auf der Berlinale : Wenn Kino auf Kunst trifft

Den Film über die Kinosäle hinaus expandieren lassen: Das Forum Expanded ist in den Wedding gezogen, in eine frühere Leichenhalle.

Friederike Horstmann
Eintauchen in die Geschichte der Vorfahren. Monira Al Qadiris Videoinstallation „Diver“.
Eintauchen in die Geschichte der Vorfahren. Monira Al Qadiris Videoinstallation „Diver“.Foto: Monira Al Qadiri

Die Durchmischung von Kino und Kunst auszuloten und alternative Räume zum Kino zu bieten – das versucht die Reihe Forum Expanded seit 14 Jahren. Auch in diesem Jahr will sie den Film verstreuen, ihn expandieren lassen, über die Kinosäle hinaus, in neue Orte und Kontexte. Neben der Gruppenausstellung „ANTIKINO (The Siren’s Echo Chamber)“ in der Betonhalle Silent Green gibt es ein Kurzfilmprogramm im Kino sowie Ausstellungen im Savvy Contemporary und in der kanadischen Botschaft. Als neuer Hauptausstellungsort fungiert eine in den 1990er Jahren für das Weddinger Krematorium erbaute Leichenhalle.

Spektakulär an der neuen Location ist nicht nur die 1 600 qm große Betonhalle selbst, sondern auch die lange Rampe, von der es steil zu den unterirdisch gelegenen Räumen geht. Mit Wänden aus sprödem Sichtbeton, blauer Beleuchtung und dem hypnotischen Sound der Videoinstallation von Monira Al Qadiri erinnert diese architektonische Anverwandlung eher an einen der vielen Berliner Clubs, die in den Neunziger- und Nullerjahre durch die Umnutzung von alten Industriegebäuden entstanden sind.

In Al Qadiris am Ende des Ganges über der Toreinfahrt präsentierten Installation „Diver“ formiert sich ein Quartett von Synchronschwimmerinnen zu traditionellem Gesang und Getrommel. Rhythmisch tauchen ihre Körper aus dem Wasser auf, drehen sich wie Schrauben um die eigene Achse, versinken wieder in der Tiefe. Lichtreflexionen erzeugen ein Gefunkel aus Magenta, Türkis und Blau, die aufspritzende Gischt verwandelt die schwarze-blaue Wasseroberfläche in ein weißes Sprühen und Rieseln.

Heterogene Vielzahl von Positionen

Wie bei vielen Arbeiten der Ausstellung legt erst ein Textschild weitere Zusammenhänge frei: Der Soundtrack ist eine Hommage an den Großvater der Künstlerin, der als Sänger auf einem Boot von Perlentauchern arbeitete, um diese bei ihrer gefährlichen Tätigkeit zu unterstützen. Bis zur Entdeckung des Erdöls war der Handel mit Perlen einer der wichtigsten Wirtschaftszweige am Persischen Golf. Mit dem Verlust der Tradition werden die Perlenlieder zur Touristenattraktion.

Im imposanten Inneren der Betonhalle gibt das Kurator*innenteam den einzelnen Videoinstallationen viel Entfaltungsspielraum. Das ist insofern wichtig, als sie eine heterogene Vielzahl von Positionen präsentieren, die im kuratorischen Nebeneinander recht vage Echos ermöglichen. Besonders beeindruckend ist eine 35mm-Installation mit ratterndem Projektor und Stop-Motion-Verfahren: Bei „Wosa (Coyote’s Burden Basket)“ von Heike Baranowsky umkreisen zwei sich gegenüberstehende Kameras einen Krater im Death Valley – from dawn till dusk. Alle 20 Sekunden wird ein Standbild gemacht, sodass zwei Halbkreise aus je 2931 Einzelbildern entstehen. Ruckhaft verschieben sich Sedimentgesteine, huschen Wolkenschatten über den kalifornischen Kraterhang, wandeln sich Lichtverhältnisse auf der trichterförmigen Maar. Der Titel der Arbeit bezieht sich auf einen indigenen Schöpfungsmythos.

Mythen anderer Art ist im Kinoprogramm „Fordlandia Malaise“ auf der Spur. Die sehenswerte Doku von Susana de Sousa sammelt Erinnerungen an Fordlandia, eine Firmensiedlung, die Henry Ford 1928 im Amazonas gründete, um das britische Kautschukmonopol zu brechen. Kameraschwenks über ruinöse Bauten visualisieren Ausmaß und Scheitern des neokolonialistischen Projekts. Der Film ermächtigt die Einwohner, gibt ihnen eine Stimme, die sich als Voice-Over über die dystopischen Aufnahmen legt. Visuell verbindet der Film Archivbilder und Drohnenaufnahmen, akustisch Geschichten, Mythen und Lieder.

Immer wieder Schnitte und Brüche

Wer bei so viel spröden, wenig narrativen Formen Sehnsüchte nach mehr Erzählung entwickelt, sollte „Shayne“ von Stephan Geene schauen, einen Film über und mit Ricky Shayne. 1944 in Kairo geboren, in Beirut und Paris aufgewachsen, wird Shayne in Rom zum Star einer boomenden Beat-Szene – auch durch die deutsch-italienische Filmproduktion „La battaglia dei Mods“, der man in Deutschland aufgrund von Marketingstrategien den Verleihtitel „Siebzehn Jahr, blondes Haar“ gibt und Udo Jürgens handlungsfrei einbaut. Danach wurde Shayne nach Deutschland „importiert“, in der ZDF- Hitparade und als Bravo-Pin-Up-Boy gefeiert. Mit rauem Timbre, bis zum Nabel geöffneten Hemden und intensiven Blicken aus dunklen Augen war Shayne ein angeschmachteter Teenie-Star.

Im Forum-Katalog als „serielles TV- Anti-Porträt“ beworben, ist „Shayne“ nicht einfach ein Film über eine wechselhafte Lebensgeschichte mit vielen Tops und Flops, sondern auch über die bundesrepublikanische Kulturindustrie der 1970er Jahre. Er ist zugleich nachdenkliche Hommage als auch experimentelle Revue. Immer wieder gibt es Schnitte und Brüche, zwischen damals und heute, zwischen Authentizität und Inszenierung, zwischen Archivmaterial und Reenactment; doch über die Schnitte setzt sich was zusammen, in den Brüchen lagert sich etwas ab.

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Betonhalle Silent Green, Gerichtstr. 35, bis 9.3., Savvy Contemporary, Plantagenstr. 31, bis 10.3., Botschaft von Kanada, Leipziger Platz 17, bis 17.2.

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