Forum Expanded der Berlinale : Im Grenzbereich von Kunst und Kino

Das Forum Expanded der Berlinale zeigt, wie sich unsere Wahrnehmung verändert, vielleicht sogar die Realität.

Schräge neue Welt. Filmstill aus Jen Lius Beitrag „Pink Slime Caesar Shift“ von 2018.
Schräge neue Welt. Filmstill aus Jen Lius Beitrag „Pink Slime Caesar Shift“ von 2018.Foto: Jen Liu

Blau geht es los, in der Ausstellung zum Forum Expanded, der Berlinale-Sektion, die sich am weitesten in den Grenzbereich zwischen Kunst und Kino hineinwagt. Die Schau ist in der Akademie der Künste in Tiergarten zu sehen, aber das ist schnell vergessen. Denn eigentlich sind wir am Meer. Gleich in der ersten Arbeit schimmert der Ozean in Beirut azurblau. Eine Schwimmerin kreuzt den Screen. 12 Stunden dauert der Film und fast so lange ist die Künstlerin Nesrine Khodr tatsächlich geschwommen. Die Besucher können ihr in Echtzeit dabei zusehen, wie sie durch das Nass pflügt, aus dem Bildausschnitt hinausschwimmt und wieder hinein. Von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang. Die Zeit verstreicht im Film mit derselben Geschwindigkeit wie im Leben. Und was passiert nicht alles außerhalb des Sichtfeldes, während sich im statischen Blickfeld der Kamera kaum etwas bewegt?

„A Mechanism Capable of Changing Itself“ lautet die Überschrift der Ausstellung in diesem Jahr. Der Satz stammt von der Avantgarde-Regisseurin Maya Deren, die die Aussage eigentlich auf den Marxismus bezog und dann auf das Kino übertrug. Gerade neue dokumentarische Spielarten des Films, wie sie im Forum Expanded durchgespielt werden, verändern die Wahrnehmung. Vielleicht sogar die Realität. Wie üblich besteht das Programm aus verschiedenen Teilen. Neben der Ausstellung gibt es ein Kurzfilmprogramm im Kino und eine Einzelausstellung im Kunstraum Savvy Contemporary, die in diesem Jahr von der in Kairo lebenden Künstlerin Jasmina Metwaly bestritten wird. Aber zurück ins Wasser.

Das ist auch in der Video-Installation der polnischen, in Rotterdam lebenden Künstlerin Marta Hryniuk omnipräsent. Viele Minuten lang ist der Bildschirm von Unterwasser-Blau ausgefüllt, dann treibt die Kamera an die Oberfläche. Auf einer zweiten Leinwand wird es konkreter. Hryniuk führt uns in den Frachthafen von Rotterdam oder mittels historischem Material hinein in den Bauch von Schiffen. Eine Stimme wiederholt: „It used to be all water here.“ Am Anfang war das Wasser.

Arbeitskampf und Rindfleischknappheit

Schon nach wenigen Metern hat man als Zuschauer die Orientierung im Ausstellungsraum der Akademie verloren. Das mag daran liegen, dass die Videoinstallationen eher in Geschichten hineinziehen, als dass sie mit Sehgewohnheiten brechen. Auch an der Art der Installation. Jedes Werk hat extrem viel Platz, die Bildflächen sind riesig und Stellwände so eingefügt, dass sich teils autarke Nischen für die Werke ergeben. Man fließt durch eine weite Leere und bleibt an den Erzählungen hängen wie Plankton am Riff.

Die brandneue Arbeit „Pink Slime Caesar Shift“ der US-Künstlerin und Aktivistin Jen Liu, die bereits in den vergangenen Jahren im Forum-Expanded-Programm vertreten war, bringt die Themen Arbeitskampf und Rindfleischknappheit in China zusammen. Ausgangspunkt ihrer „recherchebasierten Fiktion“ ist die Tatsache, dass Chinas Fabrikarbeiter sich kaum organisieren können, weil die sozialen Medien – und damit die Vernetzung untereinander – stark kontrolliert werden. In dem Video wird darüber spekuliert, wie die DNA von künstlich hergestelltem Hackfleisch so manipuliert werden könnte, dass mittels Hamburgern geheime Nachrichten aus dem Arbeitskampf ausgetauscht werden können. Jen Liu kombiniert Inhalte aus Erklärvideos von Biotech-Firmen mit Gedichten und animierten Charakteren, die glücklich davon berichten, wie sie ihren Organismus mit fremder DNA in Schwung bringen. Die dafür nötige Genkanone gibt es wirklich. Auch wenn sie in der Realität eher für die Manipulation von Pflanzen und Saatgut verwendet wird. Die Ästhetik ist poppig: Gesichter drehen sich im virtuellen Nichts, werden mit Molekülen zugekleistert und wie Fleischteile zerlegt.

In einer Zwei-Kanal-Videoinstallation des Kairoer Künstlers Ash Moniz taucht das Gesicht als politisches Feld auf. In dem ägyptischen Dokument „Artikel 9303“, so heißt auch die Arbeit, wird festgelegt, wie Passbilder für maschinenlesbare Ausweise beschaffen sein müssen. Um das Verhältnis von Körper und Kamera zu untersuchen, hat Muniz zwei Alltagsfotografen interviewt. Es geht hier um das Recht an der eigenen Mimik, die wir mit der digitalen Sicherheitstechnik allmählich aufgeben. Die Stärke dieser Arbeiten ist, dass sie sich nicht in der essayistischen Verwebung verschiedener Bildquellen verlieren. Sie kommen thematisch auf den Punkt, ohne dabei die Gemengelage der Welt zu vereinfachen.

Konzentrierter als 207

Als Kuratorin der Ausstellung zeichnet Maha Maamoun zuständig, sie ist neu im Team des Forum Expanded. Man spürt eine andere Handschrift. Im Vergleich zur Ausstellung 2017 wirkt diese Ausgabe konzentrierter. Jedes Werk überzeugt, der Blick ist globaler, irrt weniger pflichtbewusst den Problemlagen der Welt hinterher.

Ein Highlight ist „The Third Part of the Third Measure“, eine auf die Ästhetik des „Black Radicalism“ verweisende Inszenierung der Otolith Group, die in einem pechschwarzen Raum mit dunklem Teppich auf zwei Bildschirmen installiert ist. In den Videos werden Musik und Texte des Avantgardemusikers Julius Eastman aufgeführt, einem der wenigen Schwarzen, die mit minimalistischer Musik bekannt wurden, obwohl minimale Strukturen seit Ewigkeiten ein Element schwarzer Musik sind. Das hypnotisierende Stück „The Crazy Nigger“ wird von vier weißen Pianisten performt, die in Paaren auf zwei schwarz glänzende Flügel einhämmern. Die Texte spricht eine schwarze Frau im Poetry-Slam-Stil. Dopplungen, Wiederholungen und die Dichotomie des Schwarz und Weiß sind minimalistische Stilelemente und hier auf das bewegte Bild übertragen.

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Akademie der Künste, Hanseatenweg 10, bis 26. 2., Savvy Contemporary, Plantagenstr. 31, bis 25. 2.

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