Fotoausstellung im Palais Populaire : In der Zwischenzeit

Wie viel Vergangenheit und Zukunft steckt in der Gegenwart? Die Ausstellung „Time Present“ zeigt Fotografien aus der Sammlung Deutsche Bank im Palais Populaire.

„Gasbehälter“. Das Bild von Bernd und Hilla Becher ist Teil der aktuellen Ausstellung „Time Present“ - Fotografien der Deutsche Bank Collection.
„Gasbehälter“. Das Bild von Bernd und Hilla Becher ist Teil der aktuellen Ausstellung „Time Present“ - Fotografien der Deutsche...Foto: Estate Bernd & Hilla Becher

„Time Present“, was für ein schöner Titel für eine Ausstellung über Fotografie, die Kunst, den Augenblick festzuhalten. Klingt naheliegend, aber der Gedanke geht viel weiter.

Der Katalog zu der eleganten Schau aus der Sammlung Deutsche Bank, zitiert ein Gedicht des amerikanischen Lyrikers T.S. Eliot. Darin fragt der Dichter, wieviel von der Vergangenheit und wieviel von der Zukunft in der Gegenwart enthalten ist.

Die Ausstellung im Palais Populaire, wie das Prinzessinenpalais Unter den Linden inzwischen etwas prätentiös genannt wird, zeigt fotografische Arbeiten, die eine Zeitspanne beschreiben, obwohl sie im Bruchteil einer Sekunde aufgenommen wurden.

Zwar tourten die Bilder bereits vor einigen Jahren durch Museen in Asien, jetzt aber passen sie punktgenau in eine Zeit, die auf ihr altes Leben zurückschaut und auf ein neues wartet, das dem alten gleicht.

Die Familie des albanischen Fotografen Adrian Paci hat nur noch ein Abbild ihres alten Lebens. Paci fotografiert das Paar und die beiden Kinder in seinem Studio in Italien vor der Kulisse ihres Hauses in Albanien. Samuel Fosso sagt: „Ich leihe mir eine Identität.“

Macht des Lichtbildes

In seinem Atelier in Bangui, in der Zentralafrikanischen Republik, inszeniert er sich selbst in unterschiedlichen Rollen. Da verkörpert er ein Image aus der Vergangenheit, verkleidet sich als „Chief“ mit Leopardenrock, Fellmütze und Goldketten.

Dann wieder tritt er als Repräsentant des modernen Lebens auf, als „Businessman“ mit Smartphone und Krawatte. Nur der wirkliche Samuel Fosso ist nicht zu sehen. Die Porträts überliefern vielmehr langlebige Klischees.

An die Fotografie war anfangs die Angst gekoppelt, dass die Bilder die Persönlichkeit rauben könnten. Mit dem Medium ist aber auch die Hoffnung verbunden, das Verschwinden aufzuhalten.

Die niederländische Künstlerin Mathilde ter Heijne spielt mit der Unzulänglichkeit und der Macht des Lichtbildes, mit Würde und Bedeutungslosigkeit von Porträts.

Nachleben von Bildern und Menschen

Für ihre Serie „Woman to Go“ hat sie Fotografien von Frauen aus dem 19. Jahrhundert auf Postkarten drucken lassen. Sie posieren alle in ihrer besten Kleidung, mit ihrem Schmuck vor der Kamera. Aber ihre Namen sind vergessen.

Auf die Rückseite hat die Fotografin die Geschichten von anderen Frauen geschrieben, die Historisches geleistet haben. Aber ihr Bild existiert nicht. Besucherinnen und Besucher dürfen jetzt die Karten mit nach Hause nehmen und sie aufbewahren.

Das Nachleben von Bildern und Menschen beschäftigt Andreas Mühe schon lange. Im Palais Populaire ist die Aufnahme seines Autos zu sehen, das nachts vor dichten Bäumen am Straßenrand steht.

„Es geht nicht weiter - Februar 2007“ bezieht sich auf den Moment, als der Fotograf erfuhr, dass sein Vater, der Schauspieler Ulrich Mühe, nicht mehr lange leben würde. Aber das Bild erfasst nicht nur die spontane Reaktion, an den Straßenrand zu fahren. Mühe hat das Foto ein Jahr später aufgenommen, zur gleichen Stunde, in der gleichen Stimmung. Das Bild beschreibt das Jahr der Trauer.

Zukunft als vage Möglichkeit

Manchmal kommt die Vergangenheit erst ans Tageslicht, wenn alle Bilder verschwunden sind. „Arbre généalogique - Stammbaum“ nennt die französische Fotografin Yto Barrada ihr Motiv der vergilbten Wohnzimmerwand im Haus ihrer Mutter in Tanger.

Zum Putzen hatte die Haushälterin die gerahmten Fotos abgehängt. Dort, wo die Familienporträts hingen, hat die Tapete ihre ursprüngliche Farbe bewahrt. Das Moirée-Muster der Wandverkleidung erinnert an die Rindenzeichnung eines Baumes.

Während die Vergangenheit entschwindet taucht die Zukunft eher als vage Möglichkeit auf. Bei Kader Attia steht ein Mann auf Wellenbrechern aus Beton und schaut aufs diesige Meer. Und die japanische Fotografin Miwa Yanagi lässt in der Serie „My Grandmother“ junge Frauen das eigene Alter vorhersehen, sie inszeniert sie fünfzig Jahre später.

Gefühl der Produktivität der Ungleichzeitigkeit

Da sitzt Sachiko mit blau gefärbtem Haar als alte Dame im Flugzeug. Der Text daneben erzählt die fiktive Geschichte. Weil sie sich einsam fühlt, nimmt sie den ersten Flieger, will in Ibiza eine Freundin oder Verwandte besuchen, vielleicht aber auch dort sterben.

Dann wäre der Blick aus der Gegenwart in die Zukunft bald Vergangenheit. Die Ausstellung gibt ein Gefühl für die Produktivität der Ungleichzeitigkeit. Die Realität spielt in der Zwischenzeit, im fließenden Übergang von Vergangenheit und Zukunft. In der ganzen Länge des Augenblicks.
„Time Present“ – Fotografie aus der Sammlung Deutsche Bank bis zum 17. August 2020 Im Palais Populaire, Unter den Linden 5, geöffnet täglicher außer Dienstag von 11–18 Uhr, Donnerstag bis 21 Uhr, Online-Tickets: www.ticketspopulaire.de

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