Fotobücher zum Blättern : Gebäude sagen die Wahrheit

Industriearchitektur und domestizierte Natur: Vier Bildbände deutscher Fotografen von den Bechers bis Hans-Christian Schink.

Thomas Struth, aus der Serie „Unconscious Places“, Pasaje Gaspar, Lima, 2003.
Thomas Struth, aus der Serie „Unconscious Places“, Pasaje Gaspar, Lima, 2003.Foto: Thomas Struth / courtesy Schirmer/Mosel

„Wenn der Weise mit dem Finger auf den Mond zeigt, schaut der Einfältige den Finger an“, lautet ein chinesisches Sprichwort. In Bernd und Hilla Bechers Aufnahmen von Fördertürmen, Hochöfen, Gasbehältern, Wassertürmen, Getreidesilos und Kohlebunkern findet sich beides: das Große, die Industriearchitektur, ebenso der Fingerzeig, die Fotografie.

Voll Bewunderung und Demut dokumentierten die beiden seit den 60ern ob in Chicago, Dortmund oder South Wales die Funktionsbauten einer im Schwinden begriffenen Schwerindustrie und schufen ihr auf diese Weise ein Denkmal.

Heute können wir uns nicht sattsehen an den kugeligen Gasbehältern, auf Stelzen stehenden Fördertürmen, tristen Kohlebunkern, die wie monumentale Minimalskulpturen in die Landschaft ragen. Es gibt sie kaum noch. „Grundformen“ lautet der Titel eines „Becher-Handbuches“, das kurz vor dem Tod von Bernd Becher 2007 erschien und nun bei Schirmer Mosel neu verlegt ist (29,80 €).

Melancholie mischt sich heute in die Betrachtung ihrer typologischen Serien, auch wenn Bernd und Hilla Becher damit nichts im Sinn hatten. Sie verstanden sich keineswegs als Chronisten, obwohl ihre Fotografie in der Tradition eines Eugène Atget und August Sander steht.

Ihre Aufnahmen sind vielmehr eine späte Rehabilitation lange unbeachteter technischer Bauten, in denen die Idee ansonsten so bewunderter funktionalistischer moderner Architektur in Reinform steckt.

Bernd & Hilla Becher: „Grundformen / Formes élémentaires“, Wasserturm, Trier Ehrang, D, 1982
Bernd & Hilla Becher: „Grundformen / Formes élémentaires“, Wasserturm, Trier Ehrang, D, 1982Foto: Nachlass Bernd & Hilla Becher / courtesy Schirmer/Mosel

Benjamin Katz' Serie „Berlin Havelhöhe“

Ein Denkmal in Schwarzweiß schuf auch der Fotograf Benjamin Katz, als er 1960/61 für 18 Monate wegen Tuberkulose in der Klinik Havelhöhe in Berlin- Wannsee verbringen musste. Die Kamera rettete ihm das Leben, hat er später erzählt. Mit ihr erfasste der junge Kunststudent seine Umgebung, die Mitpatienten.

Über seinen Bildern liegt eine eigenartige Spannung. Der Krieg liegt gerade anderthalb Jahrzehnte zurück, die jüngste Vergangenheit steckt noch im Gemäuer der Klinik, denn das Gebäude beherbergte einst die NS-Luftkriegsakademie, die hier ausgebildeten Soldaten bombardierten 1937 Guernica.

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Auf einem Bild sind noch die steinernen Heldenskulpturen zu sehen, die zuvor den Bau schmückten. Nun liegen ihre abgeschlagen Köpfe am Boden. Später wird Katz Porträtist der Kölner Kunstszene. In der eindringlichen Serie „Berlin Havelhöhe“ (Hirmer Verlag, 24,90 €) entwickelt er sein psychologisches Instrumentarium, das Menschen und Räume erfasst.

Diese Sensibilität spricht auch aus den Fotografien von Thomas Struth, der bei Bernd und Hilla Becher studierte. Seine „Unconscious Places“ (Schirmer Mosel, 29,80 €) entdeckte er in Sao Paolo, New York, Neapel, St. Peterburg und Leipzig. Häufig ähneln sie sich sogar: Shanghai, San Francisco und Palermo sind gar nicht so weit voneinander entfernt.

Shanghai, San Francisco und Palermo sind gar nicht so weit voneinander entfernt

Den Anfang machen Ende der 70er Jahre lakonische Schwarzweiß-Aufnahmen von Düsseldorfer Straßen, schnurgerade die S-Bahnschienen entlang.

Wie bei seinen Lehrern fehlen Menschen, ist die Atmosphäre schattenlos, kühl. Und doch schenkt Struth den trostlosen Fassaden eine Anteilnahme, als wären sie Lebende, ähnlich wie man in den Wassertürmen der Bechers traurige Dinosaurier zu erkennen glaubt.

„Gebäude sagen immer die Wahrheit, scheint mir“, hat Thomas Struth einmal gesagt. „Sie zeugen vom Charakter der Menschen, bringen Stolz, Zorn, Ignoranz, Liebe zum Ausdruck – alles, was Menschen eben auszudrücken vermögen.“

Ob auch Landschaften die Wahrheit sagen? Der Erfurter Hans-Christian Schink hat in Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg fotografiert: mit Raureif überzogene Wiesen, abgeerntete Felder, verlassene Höfe, Windräder, die im Nebel verschwinden. „Hinterland“, der Titel seines Bildbands (Hartmann Books, 45 €), verrät Mitleid und Trotz.

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Auch seinen Aufnahmen wohnt ein heroischer Moment inne. Die domestizierte Natur behauptet dennoch ihre Schönheit.

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