Fotodienst #Faceapp : Altern per App? Überschätzt!

Per #Faceapp lassen Nutzer Bilder von sich im Internet künstlich altern. Unser Autor ist da schon weiter.

Grauzone. Mit dem Fotodienst Faceapp können Nutzer Bilder von sich künstlich altern lassen.
Grauzone. Mit dem Fotodienst Faceapp können Nutzer Bilder von sich künstlich altern lassen.Foto: AFP

Zu den eher harmlosen Varianten des Wunsches, in die Zukunft sehen zu können, zählt die Neugier, wie man wohl selbst in 20, 30 oder 40 Jahren aussehen wird. Ein Ratschlag, der nicht gerne gehört wird, ist der, die eigenen Eltern anzuschauen. Gene spielen nämlich bei dem, was aus einem – äußerlich – wird, eine gewisse Rolle. Für all jene, die glauben, aus dem Internet und mit dem Einsatz künstlicher Intelligenz zuverlässigere Hinweise bekommen zu können, gibt es eine App, die gerade bei Instagram und Co. wieder zum Trend wird: Mit Faceapp kann man sich ausmalen lassen, was man später einmal im Spiegel sehen wird. Fünf Millionen Nutzer gibt es bereits, zusätzlichen Push bekam die Geschichte, nachdem die Redaktion des „Boston Globe“ mit einigen Redakteuren das Spiel des Älter-Werdens vormachte und im Netz damit beachtliche Clickraten erzeugte.

Im Moment sei die App vor allem ein Funprojekt, ein riesiger Spaß, sagen User. Dabei werden sie gewarnt: Die Server dieses Dienstes stehen alle in Russland, und was Putin mit den vielen Bildern macht, weiß man nicht genau. Wenn man erst mal ein gewisses Alter erreicht hat – ich selbst bin gerade 76 geworden –, kann man ein umgekehrtes Spiel spielen. Das zeigt einem die Vergänglichkeit der Welt mit manchmal gnadenloser, in jedem Fall aber nachdenklich stimmender Klarheit. Vor einigen Monaten schickte mir eine Schulfreundin alte Fotos von einer Theateraufführung, an der ich 1961 als Laiendarsteller mitgewirkt hatte. Plötzlich sah ich mich selbst wieder, als knapp 18-Jährigen. Helle, blonde Haare, ein Kindergesicht, in dem das Leben noch keine Spuren markiert hatte. Was ich nicht ahnte: Die Schulfreundin wusste, dass sie bald sterben würde, sortierte ihre Erinnerungen und wollte noch einmal die Kontakte aus ihrer Jugend aufnehmen. Ich konnte mich erst an ihrem Grab dafür bedanken.

Einige Monate zuvor hatte mir ein Kollege 30 Jahre alte Fotos geschickt, die mich bei einer Vortragsveranstaltung zeigen. Ich sah auf dem Bild einen Gerd Appenzeller, der längere Haare als heute hatte, der mir in der Körperspannung deutlich straffer erschien, und ein Doppelkinn hatte er auch nicht. Ich dachte also, Faceapp könne mir nichts Neues bieten. Der Kollege im Büro nebenan lachte mich aus und führte mir vor, wie man dank der Anwendung aus einem 76-Jährigen einen Greis machen kann. Danke, war lehrreich.

Im Alter treten gute wie schlechte Eigenschaften hervor

Was einem Faceapp nicht vorspielen kann, sind die Folgen der vielen Zigaretten, des Lebenswandels, der Drogen, des Alkohols, die Folgen von Kummer und Freude, von freudigen wie schmerzhaften Erfahrungen – all der Dinge, die im Laufe von Jahrzehnten nicht nur ein Gesicht verändern, sondern auch mit dem Wesen des Menschen etwas machen. Im Alter treten alle Eigenschaften stärker hervor, die im Menschen angelegt sind, die guten und die schlechten. Und manche davon sieht man den Menschen an.

Faceapp ist da eher gnädig, vielleicht wird das Spiel auch deshalb so gemocht. Die Software bearbeitet das Gesicht nach logisch nachvollziehbaren Regeln. Falten werden tiefer, Augenlider hängen, die Muskulatur gibt nach.
Ob die, die dieses Spiel spielen, die Erzählung von Dorian Gray kennen? Oscar Wildes einziger Roman schildert die Geschichte eines reichen und sehr schönen Mannes, Dorian Gray. Der besitzt ein Porträt, ein Gemälde, das ihn als jungen Mann zeigt. Dieses Bild altert statt seiner. Während Dorian Gary ein Leben voller Maßlosigkeiten, Gemeinheiten und Niedertracht in makelloser Schönheit lebt, verändert sich das Bild, das in einem Schrank hängt. Es zeigt nach und nach alle Spuren des körperlichen und moralischen Verfalls. Am Ende bringt sich Dorian Gray angesichts des Bildes um. Als er gefunden wird, hat er das verwüstete Gesicht eines Menschen, dem kein Laster fremd war – im Schrank aber hängt ein Gemälde des schönen, unverkommenen, jungen Dorian Gray.

Ich will kein Spielverderber sein. Aber ich schlage den Nutzern von Faceapp selber ein Spiel vor: Druckt die Fotos aus. Packt sie beiseite. Holt sie in zehn, zwanzig Jahren hervor. Und freut euch daran. Oder seid entsetzt.
Oder macht es ganz anders: Spielt das Spiel und vergesst es wieder. Das Leben ist sowieso unberechenbar.

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