Die neuste Serie von Struth stammt aus Kalifornien.

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Fotograf Thomas Struth im Interview : Es wird kalt in unseren Städten
Thomas Struth.
Thomas Struth.Foto: AFP

In der Ausstellung ist eine neue Werkgruppe aus dem kalifornischen Anaheim zu sehen, wo Walt Disney sein erstes Disneyland eröffnete. Hier erfährt das Artifizielle eine Steigerung durch künstliche Welten. Wollen Sie einen skeptischen Blick lehren?

In Disneyland lassen sich Fantasien des Menschen sichtbar machen. Das ist ein Bestandteil der Conditio humana: dass der Mensch sich etwas ausmalen kann, einen Gedanken vor sich hinstellen kann. Die deutsche Sprache drückt dies sehr schön aus. Disneyland ist ein Ort, wo diese Idee Gestalt annimmt in Form eines Environment, eine Umgebung aus der Erinnerung von Gesehenem. Das Disney-Matterhorn ist letztlich eine Interpretation aus der Erinnerung an das reale Matterhorn.

Mit den Bildern aus St. Petersburg und Südkorea knüpfen Sie an Ihre Städteporträts an. Sie leben von der Spannung, dass der Mensch einerseits abstrakte Größe ist, andererseits diese Rasterung durch Schicksal, Seele, Individualität sprengt. Wie sehen Sie sich selbst als urbaner Mensch?

Das ändert sich gerade. Wir haben ein Grundstück nördlich von Berlin erworben. Da werden wir im Sommer einen Ort haben, wo mehr Stille herrscht. Ich habe mich selbst früher immer als Stadtratte gesehen. Ich mag Städte, hatte aber schon eine genügend große Dosis davon. Als ich zuletzt in Rotterdam war, hat es mich überwältigt, dort einen Eindruck von der Stadt der Zukunft zu bekommen. Wenn künftig alles so aussieht, dann wird es sehr kalt. Die meisten Gebäude sind nach wirtschaftlichen Kriterien gebaut. Der Mensch ist letztlich Erfüllungsgehilfe, ein fleischliches Partikel, das gebraucht wird, damit die kapitalistische Maschine läuft. Ich profitiere zwar auch davon, denn gäbe es keinen Reichtum, könnte ich meine Bilder nicht verkaufen. Trotzdem ist dort eine Entkopplung zu sehen. Der Einzelne findet sich in dieser Architektur nicht wieder. Rotterdam ist die moderne Metropolis.

Also machen Städte Sie melancholisch?

Ja, aber in der Architektur hat sich eine Menge getan. Sie ist selbstkritischer geworden. Die Architekten stellen sich heute mehr Fragen. David Chipperfields Neues Museum in Berlin hat mich begeistert, sein exemplarischer Umgang mit Geschichte. Mich hat berührt, wie er die Schnittstelle zwischen Nicht-Vertuschen und Ergänzen gefunden hat. Diese Frage stelle ich mir selber immer wieder: Wie kann man mutig bleiben, sich nicht desillusionieren lassen? Mir wurde früher nachgesagt, dass ich Idealist sei. Aber was soll ich sonst sein, Zyniker oder Pessimist? Ich kann mir nicht vorstellen, nicht an Verbesserung glauben zu können.

Das Gespräch führt Nicola Kuhn.
Galerie Hetzler, Goethestraße 2 / 3, bis 19. April; Di–Sa 11–18 Uhr

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