Fotografien von Barbara Wolff : Betörende Nächte

Fernweh, Melancholie und Sehnsucht bestimmen ihre Bilder: Die Collection Regard zeigt poetische Fotografien von Barbara Wolff.

Fasching auf dem Münchner Viktualienmarkt 1988 von Barbara Wolff . Aus dem Zyklus Biografie West.
Fasching auf dem Münchner Viktualienmarkt 1988 von Barbara Wolff . Aus dem Zyklus Biografie West.Foto: Barabara Wolff / Collection Regard

Andächtig legt der Mann seine gefalteten Hände auf das Geländer und blickt versonnen durch die Fenster des Fernsehturms. Seine Miene entspannt sich unter dem Eindruck des schönen Traums. „Den kenne ich“, sagen Freunde der Fotografin Barbara Wolff bis heute, weil ihnen der Gesichtsausdruck so vertraut erscheint. Die Sehnsucht, das Fernweh und die Melancholie sind der Stoff, aus dem Barbara Wolffs tagträumerische Bilder entstehen.

Zum ersten Mal zeigt Marc Barbey in seiner Privatsammlung Collection Regard einen umfassenden Überblick über das Werk der Fotografin. Mit exquisiten Originalabzügen, die in ihren weichen Kontrasten den Eindruck der Entrücktheit noch verstärken. Barbara Wolff, 1951 in Kyritz geboren, hat ihr Handwerk von Jugend an gelernt. Sie absolvierte eine Lehre im Studio ihres Vaters, der in der Kleinstadt Hochzeiten, Beerdigungen und Passbilder fotografierte.

Ab 1970 studierte sie an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig. Die Experimente der Studienzeit stehen sichtbar in der Bauhaus-Tradition, sind aber in der technischen Umsetzung ungewöhnlich. Für die sogenannten Translucents zieht Barbara Wolff ihre Vergrößerungen auf Reprofilm ab. Da treten geheimnisvoll Schemen aus der Dunkelheit hervor. Mitunter legt sie zwei transparente Bilder übereinander und erzielt so eine Dreidimensionalität.

Ewig jung und doch steinalt

Für ihre Diplomarbeit entwirft sie Illustrationen für den Band mit Erzählungen von Alberto Moravia: „Das Paradies“. In einer surrealistisch anmutenden Collage fotografiert sie das Porträt eines Kindes durch eine Glaskugel und montiert es zwischen die Zahnräder eines Uhrwerks. Wie in einer Zeitkapsel eingefroren blickt das Mädchen nun ewig jung und doch steinalt in die Welt.

Das Paradies, die absolute Sehnsucht der Menschheit, ist bei Barbara Wolff nicht gefeit vor Katastrophen. Ein brennender Mond – eigentlich ein Lampion – stürzt kopfüber auf die Dächer von Leipzig. Silbrig schimmernde Fernsehantennen strecken sich in den Nachthimmel als Sehnsuchtsfühler der DDR. Nach dem Studium arbeitet Barbara Wolff freiberuflich für Magazine und als Illustratorin. Immer wieder fotografiert sie Alltagseindrücke aus ihrem Leben. Daraus entsteht nun eine ost-westliche Bilderbiografie.

Spaß in abgesteckten Grenzen

Auf ihr Lieblingsfoto weist Barbara Wolff ausdrücklich hin. Da sitzen ihre Freundinnen in einem Hotelbett auf Hiddensee. Die eine strickt mit dicken Nadeln, die andere schminkt sich gerade im Spiegel. „Wir hatten unseren Spaß in den abgesteckten Grenzen“, sagt Barbara Wolff. Die dunkelhaarige, zierliche Frau bewegt sich in ihrer Ausstellung rasch und fast lautlos.

In Sechzehneichen, einem Dorf in Brandenburg, porträtiert sie Anfang der achtziger Jahre die Bewohner. Alles findet am Rande der langen Pflastersteinstraße statt, die sich schnurgerade durch das Dorf zieht, bis hin zum Friedhof mit seiner Kapelle unter einer großen Eiche. Die letzten Bilder vor der Ausreise sind Blicke durch das Haus, das Atelier ihres Mannes, den Strauß Bauernblumen auf dem Holztisch. „Ankommen ist wichtiger als wegfahren“, wischt Barbara Wolff die Erinnerung beiseite. Aber diese Abschiedsfotos sind aufgeladen mit Wehmut.

Der Müll schimmert im Licht der Scheinwerfer

Schon neun Monate vor ihrer Ausreise 1985 schickt sie ihre Bilder in einzelnen Päckchen an Verwandte nach Göttingen. So ist auch die Serie vom Brandenburger Tor erhalten geblieben. Da lehnen Ost-Berliner am Grenzzaun und schauen Richtung Siegessäule. Später fotografiert Barbara Wolff die gleiche Situation aus anderer Perspektive. In West-Berlin schaut sie mit der Kamera von unten durch das Stahlgitter einer Aussichtsplattform an der Mauer. Sie sieht Schuhe, Hosenbeine, seltsame verfremdete Körper, die in eine Richtung gewandt sind.

Bis heute arbeitet die Fotografin für den Kamerahersteller Linhof in München. Dort unterrichtete sie auch zwölf Jahre lang an der Designschule, inzwischen hat sie ihren Lebensmittelpunkt nach Berlin verlegt. Das Kapitel Biografie West umfasst vor allem Reisebilder. Da schreitet eine toughe Pariserin bei Nacht über das nasse Trottoir, im Rinnstein türmen sich Plastikberge, Mülltüten liegen vor den vergitterten Ladentüren. Aber die Frau im schwarzen Ledermantel bleibt vom Chaos unberührt. Im Licht der Autoscheinwerfer schimmert bei Barbara Wolff selbst der Müll transparent wie ein Brautschleier. Die Schönheit entwickelt ungeahnte Widerstandskräfte.

Collection Regard, Steinstr. 12, bis 8.12., Fr 14–18 Uhr. Im Rahmen des „Salon Photographique“ stellt am 16.11. der Autor Jens Pepper sein Buch „Gespräche über polnische Fotografie“ vor (19 Uhr)

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