Fotografien von Mary Frey : Frisieren und Frikadellen formen

Alltag in den USA der Siebziger: Küche, Wohn- und Schlafzimmer sind bevorzugte Orte der Szenen der Fotografin Mary Frey.

Kleine Freude. Fotografie aus Mary Freys Serie über Springfield.
Kleine Freude. Fotografie aus Mary Freys Serie über Springfield.Foto: argus fotokunst

Anfangs schwarz-weiß, später in knalligen Farben schuf die Amerikanerin Mary Frey ab den siebziger Jahren eine Art Bilderbuch aus dem Leben einer mittelständischen Familie und ihrer Nachbarn. Ort des Geschehens ist die Kleinstadt Springfield in Massachusetts, wo Frey seit 1979 lebt. Ort und Zeit spielen auf den inszenierten Fotos, die nun in einer Auswahl der Galerie argus fotokunst (Marienstraße 26, bis 2. März) zu sehen sind, keine Rolle; es sei denn, man erkennt in der biederen Einrichtung und der zumeist lässigen Kleidung ein signifikantes Merkmal jener Jahre. Aber auch im privaten Rahmen passiert nichts Wesentliches. Eher erweisen sich Ruhe und Stille als Grundton.

Küche, Wohn- und Schlafzimmer sind bevorzugte Orte der Szenen, bei denen die Fotografin nachgeholfen hat. Das Eltern- oder Großelternpaar macht sich vor dem Frisierspiegel zum Ausgehen fertig, die jungen Mütter besprechen ihre Sorgen und in der Küche sind zwei kleine Mädchen eifrig dabei, Frikadellen zu formen. Immer geschieht etwas Gutes, Nützliches. Ruhe beseelt die Gesichter der jungen Frauen, die der Fotografin Modell stehen, und dämpft den aufmüpfigen Geist der Burschen, die draußen herumhängen. Nach Spannung und Spaß zu fragen erübrigt sich bei dieser quasi pietistischen Lebenshaltung, mit der Frey zweifellos sympathisierte. Ihre Motive könnten zu einem altmodischen Fotoroman passen, zu dem hier der Text fehlt. Die Gattung ist aus der Mode gekommen, seine Leser versorgt heute der Fernsehapparat, der auf einem der Bilder missachtet in der Ecke steht.

Eine dünne Schicht Ironie trennt den Betrachter von dieser Bilderwelt, die sich deutlich als inszeniert zu erkennen gibt. Man ginge fehl, wenn man nach einem dokumentarischen Bezug suchen würde, wie ihn große amerikanische Fotografen in der Weite Amerikas herstellten. Freys Menschen wirken, als seien sie von irgendeiner Hoffnung oder Sehnsucht gänzlich frei. Vielleicht verbergen ihre ausdrucksarmen Gesichter aber eine tiefe, bereits in jungen Jahren angenommene Resignation (Einzelpreis: 900–1200 Euro).

Zwölf Newsletter, zwölf Bezirke: Unsere Leute-Newsletter aus allen Berliner Bezirken können Sie hier kostenlos bestellen: leute.tagesspiegel.de

Mehr lesen? Jetzt E-Paper gratis testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben