Castorf versüßt und versülzt, was Malaparte als letzte Tage der europäischen Menschheit beschwört.

Seite 2 von 2
Frank Castorfs "Kaputt" an der Volksbühne : Apokalypse mau

Etwa vier von sechs Stunden agieren die Spieler nur per Videos, die allerdings auf keine Leinwand, sondern ein Metallgitter geworfen werden, weshalb auch das indirekte Bild (als doppelter Abgesang auf die Präsenz des Schauspielers) noch anstrengend gerastert erscheint. Trotzdem ergeben sich dort zwei Schlüsselszenen, wenn der ansonsten allzu verwirrt verrupft wirkende Patrick Güldenberg, ein schmaler Mensch, mit Anflügen gespenstischer Melancholie von einer neuen Seife erzählt, die leider nur „diesen alten Geruch“ noch habe. Güldenberg spielt dabei Hans Frank, Hitlers und Himmlers Generalgouverneur im besetzten Polen. Man erwartet, in Anwesenheit Malapartes, noch den Boxer Max Schmeling zum Dinner, und Frank schlägt zur Unterhaltung dann eine Spazierfahrt (hier irrtümlich: einen Spaziergang) durchs Warschauer Ghetto vor.

Max Schmeling hat diese Episode nach 1945 als Erfindung Malapartes bestritten. Während die in der Münchner Céline-Aufführung noch so famose junge Britta Hammelstein die Ehefrau Franks als nymphomane Tussi chargiert und Frank Büttner nur äußerlich gewisse Schmeling-Züge markiert, ist Güldenberg (als fiktiver Typus) ganz unheimlich. Das wiederholt er noch mal, als er Stunden später bei den im Ghetto zusammengepferchten Juden die leider mangelnde Hygiene (im Vergleich zu den wohlsituierten Deutschen) beklagt. Ein Massenmörder als sentimentalischer Zyniker. Leise, lauernd. Doch diese Szenen sind Inseln der Spannung in einem Meer von Langeweile.

Fast nur sentimental erscheint leider Jeanne Balibar. Die französische Actrice markiert den vermutlich bisexuellen Malaparte zwar mit romanischer Grazie, aber oft auch in einem hohen Jammerton. Das Monströse, zwielichtig Spannende der Figur wird da unfreiwillig verkitscht. Castorf, wenn er nicht gerade hysterisch brüllen und zappeln lässt, versüßt und versülzt, was Malaparte als letzte Tage der europäischen Menschheit beschwört. Und am Ende geht die sonst völlig textlastige, undramatische Aufführung buchstäblich baden, apokalyptisch geflutete Leiber und Schreier, doch die Sintflut ist bloß knöcheltief.

Wieder am 13., 22. 11. und 5., 12., 20. 12.

  • Apokalypse mau
  • Castorf versüßt und versülzt, was Malaparte als letzte Tage der europäischen Menschheit beschwört.
Artikel auf einer Seite lesen
Mehr lesen? Jetzt E-Paper gratis testen!