Frank Witzels BRD-Trilogie : Zur Schau getragene Makellosigkeit

Frank Witzel beendet mit „Innerer Schiffbruch“ seine bundesdeutsche Mentalitätsgeschichte. Seine Collage-Technik ist überaus lesenswert.

Anja Kümmel
Zum Abschluss seiner Trilogie reist Frank Witzel bis zurück in die Wirtschaftswunderjahre.
Zum Abschluss seiner Trilogie reist Frank Witzel bis zurück in die Wirtschaftswunderjahre.Foto: Maja Bechert

Oft sind es gerade banale Dinge, die einen jäh zurückschleudern in die Vergangenheit. Was für Marcel Proust die berühmte in Tee getunkte Madeleine, ist für Frank Witzel ein Freibadbesuch mit seiner Tochter, nach dem er sich in fast schon rituell beim Bäcker eine Mohnstange kauft.

Dass er hier unbewusst eine Handlung seiner Kindheit wiederholt, vielleicht gar versucht, eine flüchtige Nähe zu seinem Vater heraufzubeschwören, geht ihm erst nach dessen Tod auf, „wie in einem antiken Drama, in dem der Held erkennen muss, dass er genau das Schicksal erfüllt hat, dem er mit aller Kraft zu entfliehen versucht hatte“.

Als Teil seines Trauerprozesses beginnt Witzel mit der Arbeit an „Inniger Schiffbruch“, dem Abschluss seiner so ambitionierten wie abgründigen Trilogie zur Mentalitätsgeschichte der BRD.

2015 wurde er für seinen Monumentalroman „Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969“ mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet; 2017 legte er mit „Direkt danach und kurz davor“ einen ebenso sprachgewaltigen, wenn auch fast gänzlich handlungslosen Stimmenchor vor.

Der Nachlass der Eltern wird durchforstet

„Inniger Schiffbruch“ ist minimal schlanker geraten und gibt sich – zumindest auf den ersten Blick – relativ zugänglich: Schonungslos autobiographisch durchforstet Witzel den Nachlass seiner Eltern, ruft sich das eigene Aufwachsen in den sechziger Jahren in Erinnerung und taucht zugleich tiefer und tiefer in die Vergangenheit seiner Eltern ein.

Zu Beginn der Wirtschaftswunderzeit lässt sich das junge Paar in Wiesbaden nieder, wo Frank Witzel 1955 geboren wird. Schweren Herzens gibt der Vater seine Karriere als Kirchenmusiker auf, um die Familie als Orchester- und Chorleiter durchzubringen. Das kleinbürgerliche Leben gibt ihm Halt – und kann doch nicht darüber hinwegtäuschen, „zeitlebens bis hinein ins Intime und Private unbehaust zu sein“.

Er hinterlässt eine Reihe von Tagebüchern, in denen er akribisch Termine, Ausgaben, ja sogar die Klavierübungszeiten seines Sohnes notiert hat, penibel verrechnet mit dessen Fernsehstunden. Material gibt es also genug. Doch enthalten diese Listen wirklich „alles Wichtige und Wesentliche“, wie der Vater einst behauptete? Vieles bleibt im Dunkeln; die Schrecken des Krieges etwa, die er als Jugendlicher erlebte, reduzieren sich aufs Anekdotische.

Collage aus Hoch- und Popkultur

Ähnlich bruchstückhaft offenbart sich dem Autor das Leben seiner Mutter: Über ihre Erfahrungen im russischen Arbeitslager, in das sie mit 15 verschleppt wurde, und ihre Flucht aus der schlesischen Heimat schweigt sie hartnäckig.

Folglich bleibt Witzel nichts anderes übrig, als die Leerstellen mit Spekulationen, Fantasien und Versatzstücken aus Hoch- und Popkultur zu füllen. Ein Glück, möchte man beinahe sagen – schließlich hat uns seine eigenwillige Collage-Technik bereits zwei überaus lesenswerte Bücher beschert. Auch wenn hie und da die klassische Heldenreise nach dem Vorbild der griechischen Tragödie anklingt, durchkreuzt Witzel derlei Erwartungen immer wieder, und vermutlich nicht ohne Genuss.

Zum Beispiel wenn er damit kokettiert, „dass ich ganz bewusst ohne Karte und Kompass in See gestochen war, um bereits an der ersten Klippe zu zerschellen“. Wer seine Vorgängerwerke kennt, weiß: Die Offenlegung der literarischen Konstruktion ist bei Witzel Programm. Dennoch wirkt sein assoziatives Mäandern nie altklug oder beliebig, sondern zieht einen – gerade wegen seiner unerwarteten Haken und Abschweifungen – langsam aber sicher in den Bann.

Im Zoo mit Adorno

Als thematische Klammer fungiert ein surrealer Traum, der Witzel während des gesamten Schreibprozesses in Variationen heimsucht: Darin begegnet ihm ein abgemagertes Rhinozeros („eher Gespenst als Symbol“), das für die erste der unzähligen Verästelungen seiner Erzählung sorgt. Eine dieser Abzweigungen führt geradewegs zu Adorno – genauer gesagt zu einer Postkarte mit der Abbildung eines Nilpferds aus dem Zoo im Central Park, die Adorno 1939 an seine Eltern schickte.

Eine andere Abzweigung katapultiert ihn in die eigene Kindheit, zu einem ganzen Arsenal toter oder verletzter Tiere, die ihn erstmals mit der Vergänglichkeit konfrontieren. Doch selbst durchs vermeintlich authentische Erinnern und Empfinden blitzt allerorts – sonst wäre Witzel nicht Witzel – das Gerüst der literarischen Komposition.

So wundert sich sein Erzähl-Ich über die merkwürdige Künstlichkeit seiner Träume, misstraut ihrer allzu offensichtlichen Symbolträchtigkeit und den kuriosen Wechselwirkungen zwischen Fiktion und Wirklichkeit. Oder warum kommen ihm, als er vom Tod seiner Mutter erfährt, als erstes die Anfangssätze von Albert Camus’ Roman „Der Fremde“ in den Sinn?

Briefe aus der Nervenheilanstalt

Am eindrucksvollsten gelingt Frank Witzel die Rekonstruktion jener Abgründe und Fallstricke der Vergangenheit immer da, wo er sie „ex negativo“ entdeckt: Etwa in dem Ausschuss-Karton der Familienfotos, die „keine Aufnahme in die offizielle Familienikonographie gefunden hatten“, anhand derer er im Nachhinein versucht, nicht nur den ästhetischen, sondern auch den moralischen Kodex seiner Eltern zu entschlüsseln.

Oder in den Briefen eines Bekannten seines Vaters aus einer nahegelegenen Nervenheilanstalt. Geographisch nicht weit entfernt und dennoch rigoros von der Gesellschaft abgeschnitten, ringt der Absender mit paranoiden Wahnvorstellungen, die Witzel bei näherer Betrachtung weitaus weniger irrsinnig erscheinen als die „zur Schau getragene Makellosigkeit“ der jungen Bundesrepublik, das Dahinleben seiner Eltern in scheinbarer Normalität.
In weiten Schleifen umkreist Witzel, mal melancholisch, mal selbstironisch, „das Verdrängte und Vergessene“, das gleich dem Rhinozeros in seinem Traum „in unübersehbarer Größe wiedererstanden“ ist. Dabei zeigt er sich abermals als brillanter Chronist der jüngsten Vergangenheit.
Frank Witzel: Inniger Schiffbruch. Verlag Matthes & Seitz, Berlin 2020. 355 Seiten, 25 €.

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