Frauen im Bauhaus : Meisterinnen in der Minderheit

Die Schule galt als Heimstätte der Avantgarde. Doch der weibliche Ansturm wurde den Leitern zu viel. Eine „scharfe Aussonderung“ folgte.

Gunta Stölzl (mit Krawatte, 2.v.r.) war Meisterin am Bauhaus. Mit ihren Weberinnen schuf sie Bedeutendes und führte das Industriedesign ein.
Gunta Stölzl (mit Krawatte, 2.v.r.) war Meisterin am Bauhaus. Mit ihren Weberinnen schuf sie Bedeutendes und führte das...Foto: ullstein

Wera Meyer-Waldeck setzt den Schleifklotz an. Alltag in der Bauhaustischlerei Dessau, die Studentin arbeitet mit Kraft an ihrem Werkstück. Das Foto geschossen hat ihre Kommilitonin Gertrud Arndt. Zwei Frauen, zwei Wege: Mit einem Architektendiplom in der Tasche verlässt Meyer-Waldeck 1932 die Schule, unterzeichnet von Ludwig Mies van der Rohe. Sie hatte es nach ihrer Tischlergesellenprüfung tatsächlich in den männerdominierten Zweig „Bauplanung“ geschafft. Nicht so Gertrud Arndt, Berufswunsch Architektin. Sie landete widerwillig in der Webereiklasse, wie die meisten Bauhäuslerinnen. „Die vielen Fäden…!“, stöhnte die junge Frau.

Ob an Webstuhl oder Kameraobjektiv, Schreibmaschine oder Töpferscheibe: Frauen prägten das Gesicht des Bauhauses. Aber sie hatten es nicht leicht, zwischen ihren männlichen Kollegen, Vorgesetzten und Lebenspartnern. Altbackene frauenfeindliche Strukturen saßen in den Köpfen fest, auch in den eigenen. Aber die alten Handlungsmodelle wurden jetzt neu bestimmt – genau wie die überkommenen Stile, Gestaltungsmethoden und Kunstformen. Alles neu! „Nichts Hemmendes ist an meinem äußeren Leben, ich kann mir´s gestalten, wie ich will …, kaum fass ich es noch,“ jubelte Erstsemesterin Gunta Stölzl 1919.

Gunta Stölzl übernahm die Leitung der Weberei

Gleich im ersten Jahrgang schrieben sich 84 Studentinnen neben 79 Kommilitonen ein. Gründungsdirektor Gropius tönte: „Keine Unterschiede zwischen dem schönen und dem starken Geschlecht. Absolute Gleichberechtigung.“ Er wollte radikal sein, Aufbruch in jeder Hinsicht. Außerdem war in der Weimarer Verfassung neuerdings die Gleichstellung von Mann und Frau verankert. Mit dem enormen weiblichen Ansturm hatte er allerdings nicht gerechnet. Die Meisterriege ruderte hinter den Kulissen zurück. Gropius empfahl künftig „scharfe Aussonderung, vor allem bei dem der Zahl nach zu stark auftretenden weiblichen Geschlecht“. Die Frauenquote sank und pegelte sich bei etwa einem Drittel ein. In Leitungspositionen rückte kaum eine Bauhäuslerin auf. Mit Ausnahme von Gunta Stölzl.

Sie übernahm die Leitung der Weberei, die seit 1920 als reine Frauenklasse galt. Energisch und experimentierfreudig ging Stölzl daran, mit ihren Mitstreiterinnen die Handwebkunst und das Industriedesign zu modernisieren. Testreihen, Grundlagenforschung, Materialbeherrschung: Viele Schülerinnen setzten das Gelernte später in deutschen und internationalen Textilunternehmen um. Ausgerechnet die Frauennische Weberei erwies sich schon früh als einer der ökonomisch erfolgreichsten Zweige des Bauhauses, überlebenswichtig für das finanzschwache Institut. Die farbig leuchtenden Wandteppiche und strapazierfähigen Bezugsstoffe waren gefragt. Marcel Breuers Stahlrohrstühle hätten ohne ihre kongeniale Bespannung nicht funktioniert, weder ästhetisch noch praktisch.

Eine der berühmtesten Bauhaus-Absolventinnen wurde Anni Albers, die im US-Exil als Textilkünstlerin und Designdozentin wirkte. Pädagogiktalent Benita Koch-Otte brachte ihre Bauhauserfahrung in den Behindertenwerkstätten Bethel ein. Die farbenfrohen Geschirrhandtücher Kitty van der Mijll-Dekkers hängen bis heute in Hollands Küchen. Aber im Kreativpool Weberei gab es auch Zoff. Nach einer Mobbing-Kampagne mit antisemitischen Untertönen kündigte Leiterin Stölzl 1931. Eine ihrer Gegenspielerinnen war Grete Reichardt, später in der DDR für ihre fantasievollen Tapisserien hoch verehrt. Nach 1933 gingen viele Bauhäuslerinnen ins Exil. Einige stellten ihre Karriere auch in den Dienst der Nationalsozialisten. Die Jüdin Friedl Dicker aus Wien unterrichtete ab 1942 im Konzentrationslager Theresienstadt Kinder im Malen, um ihnen einen Moment von Freiheit zu schenken. Ihre Methoden waren die des Bauhaus-Vorkurses.

Es wurde getuschelt, geknutscht und geheiratet

Die meisten Frauen, die ans Bauhaus kamen, brachten ein solides Kunstgewerbestudium und oft Berufserfahrung mit. Sie waren motiviert. Aber Spaß haben wollten sie auch. Die amerikanische Bauhausstudentin Lotte Gerson verstärkte mit ihrem Saxophon die Bauhaus-Kapelle. Bauhaus war auch Partyzone und Experimentierfeld für Beziehungskisten. Es wurde geflirtet und gestritten, gewitzelt und getuschelt, geknutscht und geheiratet. 71 Bauhaus-Ehen zählt die Chronik. Ise Gropius verdiente sich ihren Spitznamen „Frau Bauhaus“ als Journalistin, Managerin, Lektorin und PR-Abteilung des überlasteten Chefs. Noch im amerikanischen Exil sorgte sie zusammen mit Gropius für den Nachruhm. Lucia Moholy-Nagys Fotos von Bauhausbauten, -produkten und -gesichtern kamen dazu gerade recht. Die Urheberin sah sich ausgenutzt und übergangen. Jahrzehntelang kämpfte die Fotografin und Ehefrau des Bauhausmeisters Laszlo Moholy-Nagy darum, ihre angeblich auf der Flucht verlorenen Negative wiederzuerlangen.

Kaum bekannt ist eine der einflussreichsten Figuren der expressionistischen Weimarer Anfangsjahre: Gertrud Grunow. Die Musikerin war fast fünfzig, als Itten und Gropius sie 1919 engagierten. Ihr ganzheitlich-experimenteller Unterricht, genannt „Praktische Harmonisierungslehre“, inspirierte viele. Mit Bewegungsübungen zu Farbe und Licht arbeitete Grunow daran, die nervösen Individualisten ins psychisch-physische Gleichgewicht zu bringen: „Tanzen Sie die Farbe Blau!“ Später in Dessau, als das Bauhaus in Richtung Technik und Industrie umsteuerte, trat eine junge Sportlehrerin mit Kurzhaarschnitt und athletischem Elan an ihre Stelle. Karla Grosch trainierte mit der Bauhaus-Belegschaft auf dem Flachdach der Schule Luftsprünge. Sie war auch die Idealbesetzung, um in Oskar Schlemmers sperrigen Bühnenkostümen Bauhaustänze zu performen. 462 Frauen studierten am Bauhaus. Die Fotografin Florence Henri, die japanische Textilspezialistin Michiko Yamawaki und Marianne Brandt, die das Bauhaus-Teekännchen entwarf: Was haben sie gemein? Nichts. Außer dass sie Frauen waren und für eine winzige Spanne ihres Lebens an einer Schule lernten, die die Hoffnung ausstrahlte, alles neu und anders zu machen.

Buchtipp: Patrick Rössler & Elizabeth Otto: „Frauen am Bauhaus. Wegweisende Künstlerinnen der Moderne“, Knesebeck Verlag, München 2019, 35 Euro

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