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Kollegah auf einem Konzert.

© imago/HMB-Media

Tagesspiegel Plus

Frauenfeindliche Texte, sexuelle Übergriffe: Warum Teile der Deutschrap-Szene immer aggressiver werden

Lange waren Männer im Deutschrap unter sich, Sexismus und Gewalttaten wurden geduldet. Jetzt setzen sich die Frauen zur Wehr.

Fast jeden Tag kommt eine neue Geschichte dazu. „Ich habe ihn auf einem seiner Konzerte kennengelernt, als ich 17 war“, schreibt eine Frau über die Begegnung mit einem Rapper. Er habe ihr geschmeichelt, ihr häufig geschrieben. Als sie sich schließlich in einem Hotel trafen, habe er sie nach einer kurzen Unterhaltung aufs Bett geworfen. „Ich konnte nicht nein zu ihm sagen, denn ich hatte Angst vor den Konsequenzen“, schreibt sie. „Was ist, wenn er aggressiv wird?“

Die Geschichten, die seit einigen Wochen auf dem Instagram-Account Deutschrapmetoo zu lesen sind, ähneln sich. Junge Frauen, oft minderjährig, erzählen, wie von ihnen verehrte Rapper sie umgarnten, in Backstage-Bereiche einluden. Einmal in privaten Räumen angelangt, kommt es zu sexuellen Übergriffen durch die Rapper selbst oder Mitglieder ihrer Crew. Jeden Tag würden sich Betroffene bei ihnen melden, sagen die Initiatorinnen des Instagram-Accounts, die anonym bleiben möchten, in einem schriftlichen Interview mit dem Tagesspiegel. Der letzte Anstoß für den Instagram-Account seien die Enthüllungen von Nika Irani gewesen.

Der Rapper Samra bestreit Vergewaltigungsvorwürfe gegen ihn.
Der Rapper Samra bestreit Vergewaltigungsvorwürfe gegen ihn.

© imago images/Photopress Müller

Das 22-jährige Model beschuldigte Mitte Juni den Rapper Samra, sie vergewaltigt zu haben. Samra bestreitet die Anschuldigungen und will den Sachverhalt juristisch prüfen lassen. Irani selbst hat inzwischen nach eigener Aussage Anzeige gegen den Rapper erstattet. Iranis Schilderungen haben eine Welle der Solidarität und Empörung unter den Frauen der Rap-Szene ausgelöst, darunter die Rapperin Shirin David und die Hip-Hop-Journalistin Visa Vie.

Dieses Milieu, diese Szene kann wirklich ekelhaft sein.

Das Model Nika Irani im „Spiegel“-Interview

Übergriffe seien ein „absolut selbstverständlicher Bestandteil des Tour- und Rapperlebens“, schrieb Letztere auf Instagram. „Labels, Mangements, Promo-Agenturen, Medien, Werbepartner… (fast) alle haben davon gehört, es gewusst, toleriert und einfach weiter mit den betreffenden Künstlern zusammengearbeitet.“ Es habe sich oft angefühlt, als seie die Rapszene ein „rechtsfreier Raum“. Nika Irani selbst bestätigt jetzt in einem „Spiegel“-Interview diese Auffassung. Sie habe sich geäußert, damit andere erfahren, was hinter den Kulissen passiert, sagt Irani. „Dieses Milieu, diese Szene kann wirklich ekelhaft sein.“

Anschuldigungen sind bisher im Sande verlaufen

Es ist nicht das erste Mal, dass die Deutschrap-Szene wegen frauenfeindlicher, gewaltverherrlichender Lyrics und Videos und Schilderungen von sexuellen Übergriffen in der Kritik steht. Bisher sind diese Aufschreie stets im Sande verlaufen – ist es diesmal anders? Und woher kommt der Hass auf Frauen, der anscheinend Teile der Szene dominiert?

„Insbesondere im Gangsta-Rap ist eine sehr traditionelle, überbetonte Form von Männlichkeit dominant, eine Form der Hypermaskulinität“, sagt Heidi Süß. Sie lehrt an der Universität Hildesheim und forscht seit Jahren zu Rap, ihre Dissertation hat sie über „Rap-Männlichkeiten zwischen Tradition und Transformation“ geschrieben. Während Frauen in den Videos und Texten vieler Gangsta-Rapper wie Gzuz, Bonez MC oder Kollegah als Sexobjekte degradiert werden, ist auch ihr Bild von Männlichkeit klar gezeichnet: Es geht um Muskelkraft und Brutalität, um Autorität und Wettbewerb.

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Um dieses Männlichkeitsbild zu verstehen, sei es wichtig, auch Faktoren wie Klasse und Ethnizität mit einzubeziehen, sagt Süß. Hip-Hop ist in einkommensschwachen Vierteln von New York der 70er Jahre entstanden, als schwarze Musikkultur, die soziale Ungleichheit sichtbar machte. Im Zentrum der Subkultur Hip-Hop stehe eine „Männlichkeit, die aufgrund der schwarzen Hautfarbe und durch Klasse doppelt marginalisiert ist“, sagt Süß.

Viele Rapper haben früh Rassismus erfahren

In den USA kommt die Geschichte der Sklaverei dazu, während der schwarze Männer „entmännlicht“ wurden. Klassische Rollen wie die des Beschützers oder des Ernährers fielen ausschließlich weißen Männern zu. „Die Überhöhung der Männlichkeit ist auch ein Bewältigungsmechanismus, der aus dieser Unterdrückungserfahrung resultiert“, sagt Süß. Das habe immer auch über die Unterordnung und Missachtung von Frauen funktioniert. Dieses Männlichkeitsbild schwappte mit dem Hip-Hop aus den USA nach Deutschland. Statt der Geschichte der Sklaverei stehen hier häufig Migrations- und Fluchtgeschichten im Vordergrund. Viele der Akteure im Gangsta-Rap haben früh Rassismuserfahrungen gemacht.

Die Rap-Szene war lange Zeit fast ausschließlich von Männern geprägt. „Homosoziale Männergemeinschaften“, nennt Süß diese Bündnisse. In den vergangenen Jahren ist die Dominanz allerdings brüchig geworden. Rapperinnen wie Shirin David, Loredana oder Haiyiti schaffen es nach oben in die Charts, Rap-Zeitschriften haben auf einmal weibliche Chefredakteurinnen. Dass sich die Szene langsam zu verändern scheint, hat Auswirkungen.

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„Es haben sich selten so viele Gangs und Banden gebildet wie in den letzten Jahren“, sagt Heidi Süß. Auch Songs, die Männer-Crews zelebrieren, hatten in den vergangenen Jahren großen Erfolg. „Ohne mein Team“ von Bonez MC und Raf Camora etwa, „Für die Gang“ von Ufo361 und Gzuz oder „Bros“ von Rin. „Die homosozialen Männergemeinschaften werden derzeit viel beschworen“, sagt Süß.

Teile der Rap-Szene sind immer brutaler geworden

Sie beobachtet eine Art Backlash, eine immer übertriebenere, brutalere Darstellung von Männlichkeit in Teilen der Rap-Szene. Einige brechen das ironisch, andere meinen es todernst. Paradebeispiel ist die 187 Strassenbande, eine Crew aus Hamburg. Sie posieren in ihren Videos mit Waffen, fallen regelmäßig durch gewaltverherrlichenden und frauenverachtenden Texte auf.

Frauenhass verkauft sich grundsätzlich gut.

Die Rap-Wissenschaftlerin Heidi Süß

Die Wissenschaftlerin Rehyan  Sahin, die als Rapperin Lady Bitch Ray aktiv war, beschreibt Hip-Hop in ihrem Buch „Yalla, Feminismus!“ von 2019 als „Gangster, der im letzten Jahrzehnt noch mehr zum Frauen- und Homohasser geworden ist“, der noch gewalttätiger und machistischer geworden sei, „nicht mehr über Sex, sondern über Vergewaltigung rappend.“ Darüber, ob Rap-Texte mit dem Handeln der Rapper selbst zusammenhängen, wird seit langem diskutiert.

Performance „authentischer“ Männlichkeit: Gzuz auf einem Konzert.
Performance „authentischer“ Männlichkeit: Gzuz auf einem Konzert.

© imago images/HMB-Media

Authentizität habe im Rap in jedem Fall eine größere Bedeutung als in anderen Kunstformen, sagt Heidi Süß, gerade im Bereich Straßen- und Gangsta-Rap.Der Hip- Hop-Forscher Martin Seeliger vertritt die These, dass Vorwürfe etwa von Gewalt gegen Frauen, die bestimmten Gangsta-Rappern immer wieder gemacht werden, deshalb sogar förderlich für deren Image sein können. Klar ist: die Songs kommen beim Publikum gut an. „Frauenhass verkauft sich grundsätzlich gut“, sagt Heidi Süß.

Männer dominieren überall, von Rock bis Klassik

Dass es Männerbanden, in denen Männer sich gegenseitig decken, nicht nur vor, sondern auch hinter den Kulissen gibt, ist kein exklusives Problem der Rap-Szene. Im Vorstand des Bundesverbandes Musikindustrie etwa sitzen fünf Männer, darunter die Chefs der drei Major-Labels Universal, Warner und Sony.

2015 hat der Verband unabhängiger Musikunternehmer:innen (VUT) erhoben, dass nur 7,4 Prozent der VUT-Mitgliedsunternehmen von Frauen geführt werden. In allen Musikbereichen sind nur wenig Frauen in Führungspositionen zu finden, von Klassik bis Rock. Inwieweit dem Rap trotzdem eine Sonderstellung zukommt, beschreibt Nika Irani im „Spiegel“-Interview. Machtgefälle würden überall ausgenutzt, sagt sie. „Der Unterschied ist: Sonst wird es totgeschwiegen – im Rap wird es sogar verherrlicht.“

Unter sich: Die 102 Boyz auf einer Award-Verleihung.
Unter sich: Die 102 Boyz auf einer Award-Verleihung.

© imago images / Jan Huebner

Von den Major-Labels ist Universal das einzige, das sich auf Anfrage zu der Debatte im Deutschrap öffentlich äußert. Man nehme die Verantwortung des Labels sehr ernst und solidarisiere sich mit den Opfern, so ein Sprecher des Unternehmens. Die Zusammenarbeit mit Samra hat das Label nach Bekanntwerden der Vorwürfe vorerst ruhen lassen.

Ob sich diesmal wirklich etwas ändert in der Rap-Szene, liegt neben dem Aufbrechen männlicher Dominanz hinter den Kulissen auch daran, ob sich männliche Rapper äußern – das ist bisher nur sehr vereinzelt passiert. Trotzdem scheint es diesmal anders zu sein, auch durch Deutschrapmetoo.

Die Initiatorinnen wollen eine feste Beratungsstelle etablieren, gerade befänden sie sich in Gesprächen mit einer Organisation. Durch soziale Medien gibt es inzwischen nicht nur mehr Wege für Rapperinnen, ohne mächtige Männer im Hintergrund an Reichweite zu gewinnen. Auch jede Person, die Gewalt durch Rapper erfahren hat, kann sich öffentlich äußern. Auf Dauer ist das nicht zu ignorieren.

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