Kultur : Friede allen Kickern

„B-Jugend“ – eine schnörkellose Uraufführung des Grips-Theaters in der Schiller-Theater-Werkstatt

Christine Wahl

So wird das natürlich nichts mit der Fußballprofi-Karriere: Fabian vergeigt schon in Zeile drei der Nationalhymne. Dass seine Freundin Pauline ihn mit dem ehrgeizigen Künstlernamen Fabinho straft und zudem aus schnödem Eigennutz vom teamgeiststabilisierenden Kicken mit dem Vereinskollegen Olli abhält, kommt erschwerend hinzu. Wo die Mannschaftsmoral derart aus dem Lot ist, können natürlich auch die altklugen taktischen Finessen, mit denen der weibliche Fan Elisabeth die Jungs dauernervt, nur ins Leere laufen.

Tatsächlich birgt die Aufstellungspolitik wenig Überraschungspotenzial in Jörg Menke-Peitzmeyers Sportdrama „B-Jugend“ für Jugendliche ab vierzehn. Da ist der von der Freundin unter Erfolgsdruck gesetzte Ehrgeizling, der vorm Tor nicht abspielen, aber eben leider auch nicht solistisch in es hineintreffen kann und so den Aufstieg des redlich auf den untersten Plätzen dümpelnden Vfl Schöneberg 06 gefährdet. An seiner Seite: das Girlie, das sich zwar nicht mit dem Regelwerk, wohl aber mit der Kleiderordnung der Spielerfrauen auskennt und dabei insbesondere Frau Beckham Kardinalkompetenzen zuschreibt. Doch wie der Ehrgeizling Fabian (Christoph Letkowski) im rechtschaffen in sich ruhenden Teamworker Olli (Frank Engelhardt), hat natürlich auch das Girlie Pauline (Sonia Hausséguy) eine ungirliehafte Gegenspielerin: Elisabeth (Laura Leyh) kennt sich mit Abseits, Viererketten und Pressing so gut aus wie Pauline mit Oversize-Sonnenbrillen und Goldsandaletten. Da sich aber ARD-Sportmoderatorin Monica Lierhaus noch nicht derart als Rollenmodell durchsetzen konnte wie Spielerfrau Victoria Beckham, trägt Fan Elisabeth schlabbrige Vereinstrikots über geschlechtsneutralem Jeans- und Schuhwerk und muss sich „Kleiner“ nennen lassen.

Als statt „Fabinho“ Olli zum Probetraining in einen Regionalligaverein eingeladen wird, kommt es zu den erwarteten Konflikten: Teamplayer versus Solist, Job gegen Privatleben, schweißtreibender Vereinssport gegen Hochglanz-Werbefußball – all das schnurrt bei Menke- Peitzmeyer routiniert ab und löst sich letztlich in einem erbaulichen Bild des Friedens am Kickerautomaten auf. Schließlich weiß der Dramatiker, wovon er schreibt: Abgesehen davon, dass er selbstredend über aktive Vereinserfahrung verfügt, hat er vom „Manndecker“ über den „Abstiegskampf“ sowie das „Golden Foul“ bis eben zur „B-Jugend“ bereits alle Aspekte des Populärsports ausgelotet und das Fußballstück quasi als eigenes dramatisches Genre etabliert. Sein Werk „Steht auf, wenn ihr Schalker seid“ wurde 2006 für den Deutschen Jugendtheaterpreis nominiert.

Der Uraufführungsregisseur Gabriel Frericks hat „B-Jugend“ – eine Produktion des Grips-Theaters in der Schiller-Theater-Werkstatt – schnörkellos nach vorn inszeniert, ohne Querpässe und spektakuläre Fallrückzieher. Tom Prestings grün ausgelegte Bühne verneigt sich stilecht vor Sepp Herbergers Fußballweisheit „Wichtig ist auf’m Platz“. Darauf, dass der Weg vom Vfl Schöneberg zu Jogi Löw und Co. kein leichter sein wird, stößt man Spieler und Zuschauer wiederholt via Video im Bühnenhintergrund: Dort ist die aufgebrezelte Victoria Beckham mitsamt Gatten und Champions-Schuhwerk zu besichtigen. Die „B-Jugend“ des Grips-Theaters hält sich vor den sportlichen Pop-Ikonen wacker: Jugendtheatergemäß spielt jeder seine Figur sehr klar und patent. In einem Punkt emanzipiert sich die Inszenierung dann allerdings doch von Sepp Herberger: Das Spiel dauert hier keine neunzig, sondern lediglich schlappe 65 Minuten.

Wieder am 25. 3., 18 Uhr, 19. 4., 11 Uhr.

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