Die Europäische Erinnerung an Friedrich ist auf Polen angewiesen

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Friedrich und Polen : Ablehnung und Verachtung
Hans-Jürgen Bömelburg

In dem Maße, in dem sich seit etwa 1960 in der deutschen Forschung und Öffentlichkeit ein kritisches Friedrich-Bild durchsetzte, entfalteten polnische Darstellungen auch Grautöne und Nuancen. Je reflektierter und kritischer die deutschen Diskussionen über Friedrich, um so eher ist auch in Polen eine nuancierte Einschätzung möglich.

Das gilt natürlich auch anders herum: In dem Maße, in dem sich in und um Berlin eine rein sentimental-verklärende Erinnerung entwickelt, die die Seidenraupenzucht aufgreift, aber blutige Schlachten und brutale Machtpolitik verdrängt, wird dies Kritik auslösen. Wenn die deutsche Seite den vorgeblich sparsamen Landesvater Friedrich angesichts der überbordenden Staatsverschuldung zum Schutzpatron einer neuen deutschen Sparpolitik macht, wird dies die polnische Wachsamkeit gegenüber einem Revival einer Preußenwelle verstärken.

„Wielki Fryderyk“. Werbeplakat für das Theaterstück von Adolf Nowaczynski im Teatr Ateneum von Hubert Hilscher, 1977.
„Wielki Fryderyk“. Werbeplakat für das Theaterstück von Adolf Nowaczynski im Teatr Ateneum von Hubert Hilscher, 1977.Foto: Warschau, Muzeum Plakatu w Wilanowie

Dabei ist eine europäische Erinnerung an Friedrich auf Polen angewiesen. Die Territorien der preußischen Monarchie aus den Zeiten Friedrichs II. liegen heute zu etwa 70 Prozent in Polen. Unser östlicher Nachbar ist zu einem erheblichen Teil zum Erben zumindest der baulichen Überreste Preußens geworden; hier wird ein Gutteil der preußischen Archivalien und Bibliotheksbestände aus dem 18. Jahrhundert verwahrt. Obwohl nach 1945 im Zuge der staatlich verordneten „Entpreußung“ große Teile des klassizistischen architektonischen Erbes des 18. Jahrhunderts abgeräumt wurden, kann es einem polnischen Bürger in Kulm (Chelmno), Bromberg (Bydgoszcz), Stettin (Szczecin) oder Breslau (Wroclaw) auch bei oberflächlichen Spurensuche kaum entgehen, dass er in den Überresten des friderizianischen Preußen lebt.

Bis hin zu Schleusen aus dem 18. Jahrhundert sind Reste des Netzekanals erhalten, die zu einer attraktiven Preußenroute für touristische Binnenschiffer – von der Spree und Oder bis zur Weichsel – ausgebaut werden könnten. An dieser Stelle könnte eine – durchaus kritisch gehaltene, aber zu einer offenen Auseinandersetzung mit friderizianischen Traditionen einladende – Beschäftigung mit Friedrich II. und Preußen stattfinden. Diese wird zwar im Falle des Preußenkönigs notwendigerweise kontrovers ausfallen, könnte aber ein historisch authentischeres und für zukünftige Generationen von Europäern eher aktualisierbares Bild des Monarchen vermitteln, als die gegenwärtige Kulturalisierung und Brandenburgisierung im Westentaschenformat.

Der Autor ist Professor für osteuropäische Geschichte in Gießen. Sein neuestes Buch „Friedrich II. zwischen Deutschland und Polen“ ist im Alfred-Kröner-Verlag erschienen.

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