Fritz-Ascher-Retrospektive : „Leben ist Glühn“

Die Wiederentdeckung des Expressionisten Fritz Ascher: eine Doppelausstellung in der Villa Oppenheim und im Potsdam Museum.

Genie im Porträt. Fritz Ascher (1893 – 1970) malt Beethoven, 1924/1945.
Genie im Porträt. Fritz Ascher (1893 – 1970) malt Beethoven, 1924/1945.Foto: Malcolm Varon / Bianca Stock

Einen so vollständig vergessenen Künstler zurückzuholen in die Aufmerksamkeit, braucht Kraft, Geduld und kreative Energie. Vor 30 Jahren stieß die deutsch- amerikanische Kuratorin Rachel Stern bei einem Sammler auf Arbeiten von Fritz Ascher. Sie hatte noch nie von ihm gehört. Jetzt ist sie als quasi weltweit einzige Expertin für den 1893 geborenen Maler wieder zurück in der Stadt, wo auch er einst gelebt und gearbeitet hat. Hier bei Max Liebermann holte der junge Wilde sich als 16-Jähriger nach abgebrochener Schule die höheren Weihen einer Empfehlung an die Königsberger Kunstakademie und startete zwischen Secessionisten und Expressionisten seine Karriere. Hier in Berlin war es, wo er von den Nazis drangsaliert, inhaftiert, in Kellerverstecke gedrängt wurde und trotzdem überlebte. 1945 hatte Fritz Ascher mehr als ein Drittel seines Lebens noch vor sich. In die Öffentlichkeit zurückgetreten ist er nicht mehr. Bis jetzt.

Eingekapselt in einer Wohnung in Grunewald schuf der Maler sein Spätwerk, das nun in der Charlottenburger Villa Oppenheim zu sehen ist. Die Menschen sind aus diesen Bildern verschwunden. Dafür ist die Sonne da, in ganzer Glutintensität. Ein bleich leuchtender Mond beansprucht Vollformat. Der Wald will schweigen. Was der Maler aus diesen Naturdingen macht, spiegelt seine Verfassung und stemmt sich gegen die Düsternis. Ob das nun Expressionismus ist oder wie man es nennen mag, zählt wenig. Fritz Aschers Werk steht quer zu den Stilabfolgen und Strömungen der Vorkriegs- und Nachkriegsmoderne. Für eine lineare Kunstgeschichte ist sein Werk uninteressant.

Aber darum geht es hier nicht. Ohne Künstler wie ihn fehlt etwas in der vielstimmigen Berliner Kulturgeschichte. Daher hat Rachel Stern in den USA 2014 die Fritz Ascher Society gegründet, die sich mittlerweile auch anderer vergessener Künstler annimmt. Über Ascher spricht sie fast, als habe sie ihn persönlich gekannt. Dabei trieb sie die letzten noch lebenden Zeitzeugen per Zeitungsannonce auf.

Etwas Dunkles, Gewalttätiges in den Werken

Ein geplanter Online-Werkkatalog soll 250 Ölgemälde und 1500 Papierarbeiten auflisten. Die Retrospektive „Leben ist Glühn“ zitiert im Titel ein Gedicht des Künstlers und wird weiterreisen nach Leipzig, München und schließlich in die USA. Parallel zur Charlottenburger Schau zeigt das Potsdam Museum jetzt Aschers frühe Werke, flankiert von einer dokumentarischen Ausstellung in der Gedenkstätte Lindenstraße über das Gestapogefängnis Priesterstraße. Dort war Fritz Ascher inhaftiert.

Etwas Dunkles, Gewalttätiges ist in seinen Werken schon vor 1933 da. Den mächtigen, mythischen „Golem“ besitzt das Jüdische Museum. Dem genialischen Beethoven erwies der Künstler mehrfach Reverenz. Oder er ballte Menschenmassen zu einer dramatischen Golgatha- Szene, die den Gekreuzigten in den Hintergrund drängt. Mit derselben physischen Präsenz ließ er die muskulösen Körper von Fußballspielern oder Boxern gegeneinander anrennen: Großstadtleben der Zwanziger.

Nicht nur Seelenbilder, sondern Berliner Motive

Nach 1945 suchte der Maler andere Motive. Die Stämme seiner Bäume biegen sich nicht. Sie stehen breit und sperrig da, machen sich stark und beharren auf kräftigen Konturen. Mit mehrfachen Strichen markiert der Pinsel, was Halt gibt und in der Tiefe wurzelt. Diese stämmigen Baumkörper leisten quasi Widerstand, gegen die Verunsicherung, die innere Leere, die Angst, die Depression. So viel Schwärze in jedem Bild. Oder interpretiert der Blick zu viel hinein in diese formal oft grob und ungehobelt wirkenden Naturbilder? Aus der Nähe betrachtet zeigen sie ungeahnt vielschichtigen Farbenreichtum, in fluidem Violett, Orange, Gelb, Blau.

Dass dies nicht nur Seelenbilder sind, dass Ascher mit seinen Werken im Hier und Jetzt andockt, hat die Kuratorin auf Berliner Streifzügen mit Ortskundigen herausgefunden. Ein mächtiges Kreuz aus schwarzen Strichen: der Selbstmörderfriedhof im Grunewald. Ein orangefarbenes Dach zwischen Baumriesen: das Jagdschloss Grunewald. Hinter schwarzen Straßenbäumen eine hellbunte Häuserzeile: die farbstarke „Papageiensiedlung“ Onkel Toms Hütte von Bruno Taut. Hier war der Künstler also unterwegs damals. Endlich ist Fritz Ascher in sein angestammtes Terrain zurückgekehrt.

Villa Oppenheim, Schloßstr. 55, bis 11. 3.; Di bis Fr 10–17 Uhr, Sa/So 11–17 Uhr. Potsdam Museum, Am Alten Markt 9, bis 11. 3.; Di, Mi, Fr 10–17 Uhr, Do bis 19 Uhr, Sa/So 11–18 Uhr. Katalog 29 €. Stiftung Gedenkstätte Lindenstraße 54/55, Potsdam, bis 29. 4.; Di–So 10–18 Uhr

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