„Ága“ außer Konkurrenz im Wettbewerb : Die Legende vom leuchtenden Rentier

Außer Konkurrenz im Berlinale-Wettbewerb: „Ága“ erzählt vom harten Leben am Polarkreis, wo der Mensch nicht Herrscher, sondern Landschaftsdetail ist.

Maultrommeln des Nordens. So klingt die Ouvertüre von „Ága“.
Maultrommeln des Nordens. So klingt die Ouvertüre von „Ága“.Foto: Kaloyan Bozhilov

So schön. Da ist das Weiß. Und das Blau. Und da sind die Erdfarben der Felsen und Felle. Und einmal, als sich ein Schneesturm zusammenbraut, ist der Himmel grau. Nicht zu vergessen das zarte Rosa und das feurige Orange, wenn die Sonne auf- und untergeht. Mehr ist da nicht.

Diese Familiengeschichte vom russischen Polarkreis ist ein Film, der den Blick klärt und das Herz beruhigt. Viel los ist nicht, aber jede Menge zu sehen. Die schmerzlich vermisste Horizontlinie nämlich. Viele Festivalfilme begnügen sich damit, selbst im Cinemascope-Format in Großaufnahme die Poren ihrer Protagonisten abzutasten und sonst höchstens noch deren Wohnungen und die für das Vorantreiben der Handlung unerlässlichen Fahrten oder Gänge zu zeigen. Wobei die Handkamera den Hauptfiguren im Nacken oder dicht am Gesicht sitzt. Die visuell aufwendigere Verortung der Geschichte im städtischen oder ländlichen Raum scheint auf dem Rückzug zu sein, ebenso wie das sorgfältig gesuchte Bild, das kadrierte Panorama. Mögen digitale Bilderfluten oder kühle Zeiten die Ursache sein: Im Kino zählt Intimität gerade mehr als Distanz, Nähe mehr als Weite.

In „Ága“ ist das Gegenteil der Fall. Sicher filmt Kameramann Kaloyan Bozhilov das Inuit-Paar Nanook (Mikhail Aprosimov) und Sedna (Feodosia Ivanova) in ihrer archaischen Jurte beim Essen, Schlafen, Arbeiten und Plaudern auch in diskreten – Großaufnahmen. Und auf dem wackeligen Hundeschlitten des alten Jägers ist eine GoPro-Kamera festgeschnallt, die die Anstrengung in seinen von Wind und Kälte gegerbten Zügen unmittelbar einfängt. Faszinierender sind jedoch die Totalen, die die Horizontlinie mitunter erst im oberen Drittel statt in der Mitte des Bildes ansetzen und damit Mensch, Schlitten, Jurte zur randständigen Silhouette im Schneerelief schrumpfen. Hier im äußersten Norden ist der Mensch kein Herrscher, sondern ein Landschaftsdetail.

Der Frühling kommt immer eher

Zumindest wenn er so traditionell, so im Einklang mit der Natur lebt wie die beiden Alten. Deren Alltagsgeschäfte wie Eisfischen und Netze weben sind fast ein wenig kunstgewerblich, sprich wie beim Eskimo-Reenactment inszeniert, was der Schönheit der ruhigen Bilder aber keinen Abbruch tut. Das war weiland schon bei „Nanook of the North“, Robert J. Flahertys berühmter, inszenierter Stummfilmdokumentation über das Leben in der Kälte, so.

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Der fiktive Nanook von heute hat seine Rentiere ebenso eingebüßt wie die Kinder, die die Eiswüste längst Richtung Stadt verlassen haben. „Seit ein paar Jahren kommt der Frühling immer eher“, sagt er zu seiner Frau Sedna. Auch die Kondensstreifen und das Donnern der Flugzeuge am Himmel zeugen von der Zerstörung der Nomadenkultur und ihres Lebensraums durch die Zivilisation. Schlimmer noch: Das einzige Rentier, das sich trotz Nanooks gern erzählten Fabeln von leuchtenden, magischen Rentieren noch in der Ferne blicken lässt, wird von einem Laster totgefahren.

Tod, ein Aufbruch, eine Versöhnung

Ága, das ist die verlorene Tochter des Paares, die in einer Diamantenmine arbeitet und deswegen beim Vater so in Ungnade gefallen ist, dass sie – im Gegensatz zu ihrem Bruder Chena – nicht mal mehr zu Besuch kommt. Dass der bulgarische Regisseur Milko Lazarov sein Drama nach einer Figur benennt, die sich erst in den letzten Filmminuten materialisiert, spricht vom Sehnsuchtsbild der intakten Familie. Die gilt auch den wortkargen Inuit als Ideal, wird aber nur noch von den einander innig verbundenen Alten gelebt.

Am Ende stehen ein Tod, ein Aufbruch, eine Versöhnung und die Musik. Nicht die Maultrommel, die eingangs geschlagen wird, sondern das melodramatische Adagietto aus Mahlers 5. Sinfonie, das nach der Untermalung von Luchino Viscontis „Tod in Venedig“ hier nun über der gigantischen Kulisse eines Minenkraters aufschwillt. „Es heißt, Musik reist durch die Luft wie der Wind“, sinniert Nanook einmal und dreht an dem Kofferradio, das sein Sohn in der Jurte gelassen hat. „Ich frage mich, was sie bedeutet?“

24.2., 10 Uhr (Haus der Berliner Festspiele), 15 Uhr (Friedrichstadt-Palast), 25.2., 9.30 Uhr (Zoo-Palast 1)

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