Galerie Gilla Lörcher : Francisco Rozas stellt Sehgewohnheiten auf die Probe

Können wir unserer Wahrnehmung trauen? Der chilenische Künstler Francisco Rozas spielt in der Galerie Lörcher mit Erwartungen und Zuschreibungen.

Laura Storfner
Federleicht. Wirkt wie aus Beton, ist aber Papier: Rozas’ Skulptur.
Federleicht. Wirkt wie aus Beton, ist aber Papier: Rozas’ Skulptur.Foto: Pablo Ocqueteau

Wüsste man es nicht besser, man könnte meinen, in der Pohlstraße hätte ein neuer Einrichtungsladen eröffnet. Im Schaufenster hängen schwarze Pendelleuchten. Das Hinterzimmer ist durch einen gerafften, hellen Vorhang abgetrennt, der den Blick auf eine graue Deckenskulptur freigibt. Nichts Neues also. Oder etwa doch? In den Lampen brennen keine Glühbirnen. Von der Decke baumeln keine Kabel, sondern schwere Metallstangen.

Es sind kaum merkliche Irritationen, die den chilenischen Künstler Francisco Rozas interessieren. Er stellt Sehgewohnheiten auf die Probe, indem er Formen des Alltags kopiert, Materialität jedoch nur imitiert. Rozas’ Werke entziehen sich jedem Zweck. Mit seinen Arbeiten lenkt er den Blick von der Funktion zurück auf die Form: Was aus der Ferne wie eine Lampe aus massivem Stahl wirkt, entpuppt sich als filigranes Gebilde aus Kartonpapier, minutiös gefaltet wie Origami (je 2800 Euro). So bricht Rozas mit den Erwartungen gleich doppelt: Seine Objekte dienen weder dem Gebrauch, noch weisen sie die gewohnte Beschaffenheit auf.

Rozas schafft Rauminterventionen

„Francisco Rozas’ Arbeiten kreisen um die Frage, ob wir unserer Wahrnehmung trauen können. Erste vermeintlich eindeutige Zuschreibungen lösen sich bei genauer Betrachtung wieder auf“, erklärt Galeristin Gilla Lörcher. „Wenn Rozas Ausstellungen entwickelt, schafft er nicht nur einzelne Kunstwerke, sondern Rauminterventionen.“

Das Gespür für Räume teilt Rozas mit dem Installationskünstler Gregor Schneider, bei dem er bis 2010 studierte. Doch während Schneider sein Publikum irritiert, indem er ganze Häuser entkernen und andernorts wieder aufbauen lässt, täuscht Rozas durch die Dekontextualisierung und Verfremdung von Baustoffen, die die Architektur im Inneren zusammenhalten. In der Vergangenheit nutzte er hölzernes Laminat, um Regale zu bauen. Der Fußbodenbelag verlieh dem Pseudomöbelstück durch seine vielschichtige Maserung eine beinahe malerische Qualität, gab seine eigentliche Funktion jedoch vollkommen auf.

Von allem ein bisschen

Rozas’ neue Papierskulpturen haben ihren Ursprung auf nicht viel mehr als einem Blatt Millimeterpapier: In seinem Atelier in Treptow entwickelt er die abstrakten Formen nicht nur, er berechnet ihre komplexen Falzmuster und Strukturen auch selbst. Die zweidimensionale Konstruktionsskizze baut er anschließend im Raum auf. Aus einem flachen Bogen Karton lässt er verkantete Polyeder in die Höhe wachsen, ohne ein einziges Mal mit der Schere oder dem Messer anzusetzen. Nichts stabilisiert die Figuren von innen, allein die scharf gefalzten Kanten halten sie in Form. An komplexen Körpern wie der modularen Skulptur aus körnigem Papier, die im Hinterzimmer der Galerie stalaktitengleich von der Decke hängt, arbeitet er bis zu sechs Monate (7000 Euro).

Indem Rozas Karton als Metall oder Stein ausgibt, erzeugt er Räume mit eigenen Gravitationskräften. Seine Papierwelt ist ein Paralleluniversum, in dem sich das Gefühl für Leichtigkeit und Schwere umkehrt. Soll man Rozas nun einen Bildhauer nennen? Einen Zeichner? Oder doch eher einen Weltenbauer? Wenn das Papier in seinen Händen zu modellierbarer Masse wird, ist er von allem ein bisschen.

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Galerie Gilla Lörcher, Pohlstr. 73; bis 29. 11., Do–Sa 15–18 Uhr

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