Galerie Helle Coppi Berlin : Der schöne Antonio

Die Galerie Helle Coppi widmet sich in ihrer Sommerausstellung dem Porträt in Malerei und Skulptur.

Angelika Leitzke
Verbunden. Das Aquarell „Schnürungen III“ von Ulrike Urban (2005).
Verbunden. Das Aquarell „Schnürungen III“ von Ulrike Urban (2005).Foto: Helle Coppi

18 Künstler, knapp 70 Werke und ein von der Gegenwartskunst eher stiefmütterlich behandeltes Thema: das Abbild des menschlichen Kopfes. Dabei hat soeben Christoph Bouet für das Berliner Abgeordnetenhaus Ex-Bundespräsident Joachim Gauck traditionell in Öl konterfeit.

Bouets 2009 vollendetes Bildnis eines Arbeiters in wildem, expressiven Strich empfängt den Besucher in der Galerie Helle Coppi: Ein Mann mit Kopfverband und Zigarette als anonymer Held des Alltags. Die meisten Künstler dieser Ausstellung stammen aus der ehemaligen DDR, Berlin wurde ihr Schaffenszentrum. Mit dem Porträt, einer klassischen Disziplin akademischer Ausbildung, öffnet sich bei Coppi ein weites Feld, das von der Selbstreflexion über eine authentische Wiedergabe bis zum Gesellschaftsspiegel reicht.

Bei Florian Flierl, Mitbegründer einer Kunstgießerei in Weißensee, blickt ein eiserner Heiner Müller durch sein Markenzeichen – eine Brille, die jedoch nur aus den Augengläsern besteht. Katharina Gerold lässt aus der Wand Scherenschnitte in bemaltem Ton wachsen, die sich dank raffinierter Beleuchtung verdoppeln. Die engobierte Terrakotta-Büste des schönen „Antonio“ von Robert Metzkes präsentiert sich dagegen in praller Lebensechtheit. Senior Harald Metzkes, zu Ost-Zeiten kein Adept des Sozialistischen Realismus, entführt im Kostüm der Figuren der Commedia dell’arte in ein malerisches Welttheater.

Elfriede Jelinek wurde zum Modell

Für Wieland Förster wurde Elfriede Jelinek zum Modell, die Bronze mit der markanten Haartolle der Schriftstellerin entstand als Charakterkopf nach Fotografien. Mit Gaze und Asche zeichnet Jinran Kim die zu Icons gewordenen Physiognomien von Beckett und Beuys, Tolstoi und Karl Marx. Das Porträt ist für die Südkoreanerin, die Berlin in Grisaillen als Trümmerlandschaft dargestellt und damit 2015 in der Kirche St. Matthäus am Kulturforum zu Gast war, eine geheimnisvolle Landschaft, deren Klippen zu den Falten menschlicher Existenz werden.

Auf historische Persönlichkeiten berief sich auch die 2017 verstorbene Ellen Fuhr in ihrer Dichter-Serie „Ohne Worte“ mit schemenhaften Gesichtern von Fernando Pessoa oder Elvis Presley. Der Frankfurter Marc Taschowsky verwendet ein berühmtes Goethe-Bildnis als Basis seiner großformatigen Close-up-Malerei. Bei Klaus Süß, einst Mitglied der nonkonformistischen Chemnitzer Gruppe Clara Mosch, entfaltet sich im Farbholzschnitt das menschliche Haupt in surreal hintergründiger Weise.

Eine radikale, bizarre Innenschau

Auf die „Insel Utopia“ entführen die Grafiken von Michael Arantes-Müller, die gleichsam auf Papier Masken der „Primitiven“ abdrücken. Bettina Moras nimmt sich das Dreiviertel-Porträt, nachdenklich schauen ihre Frauen den Betrachter an. Sibylle Prange wandert in ihren Selbstbildnissen allen Selfies zum Trotz auf den Spuren der Berliner Impressionistin Sabine Lepsius. In die Glashütte begibt sich Gerd Sonntag, Schüler von Harald Metzkes und Theo Balden, der seit über 20 Jahren das Durchsichtige als Material nutzt, um Malerei und Skulptur wie ein Alchemist zu verschmelzen. So malt der gebürtige Weimarer mit und auf dem Glas für seine radikale, bizarre Innenschau, die zugleich den künstlerischen Prozess transparent macht. Seine farbigen, dreidimensionalen Reliefköpfe, die je nach Lichteinfall schillern, sind Produkte aufwendiger Arbeitsvorgänge, wobei Sonntag die Fixierdrähte der Glasbrennerei wie ein gezeichnetes Liniengeflecht als Aderwerk des Kopfes bewusst stehen lässt. Die Preise der ausgestellten Werke bewegen sich zwischen 450 und 43 000 Euro.
(Galerie Helle Coppi, Auguststr. 83; vom 16. 7.–2. 8., Di–Fr 13–18 Uhr, Sa 12–18 Uhr)

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