Galerie Johanna Brede : Kostbare Momente des Innehaltens

Analoge Schwarz-Weiß-Fotografie: Johanna Breede feiert das zehnjährige Jubiläum ihrer Berliner Galerie mit der Ausstellung „Magie der Stille“ .

Dorothea Zwirner
"Leiko Dreaming" von Donata Wenders.
"Leiko Dreaming" von Donata Wenders.Foto: Donata Wenders

Die „Magie der Stille“ überkommt einen sofort, wenn man Joanna Breedes Ausstellung betritt, die sie anlässlich ihres zehnjährigen Jubiläums eingerichtet hat. Sie gönnt sich und damit uns nach zehn Jahren Galeriearbeit diesen kostbaren Moment des Innehaltens, den die Fotografie wie kein anderes Medium zu bannen versteht. Zu sehen sind fotografische Bilder von 24 Künstlern und Künstlerinnen aus dem Programm der Galerie, die sich vor allem auf analoge Schwarz-Weiß-Fotografie spezialisiert hat. Hannes Kilian , Liselotte Strelow, Stefan Moses, Robert Lebeck, Sibylle Bergemann, Ulrike Ottinger und Barbara Klemm zählen zu ihren Klassikern, Donata Wenders und Jens Knigge gehören der nächsten Generation an.

Immer finden sich diese besonderen Momente der Stille, die geradezu das Wesen der Fotografie ausmachen, da diese vom Festhalten und Stillstellen der Bewegung lebt. Doch die Stille hat viele Facetten, angefangen vom stillen Glück bis zur Trauer, von der Stille der Einsamkeit, von Menschenferne und Verlassenheit über Staunen, Schweigen und das Unaussprechliche. Da ist die friedliche Stille der Gelassenheit, der Entspannung und des Träumens, wenn wir innerlich zur Ruhe kommen. Unweigerlich geraten wir bei dem großformatigen Abzug „Leiko Dreaming“ ins Träumen, mit dem Donata Wenders die japanische Künstlerin Leiko Ikemura porträtiert hat. Deren Kopf ruht sanft auf einer horizontalen Brüstung wie auf dem Rand einer Badewanne, die den Körper gänzlich verbirgt und die karge Komposition in zwei annähernd gleiche Hälften teilt. Nur der rechte Arm hängt anmutig über der Wannenbrüstung, am Boden der breite Malerpinsel als einziges Attribut. Es ist weniger die asiatische Physiognomie als die Strenge und Schlichtheit des Bildaufbaus, die eine japanische Ästhetik erzeugen, wie sie der buddhistische Mönch Yoshida Kenko im 14. Jahrhundert in seinen „Betrachtungen aus der Stille“ beschrieben hat.

Da ist aber auch die intime Stille der Erregung und Spannung, wie sie der Erotik eignet. Wir spüren förmlich „Das Auge der Liebe“ von René Groebli, das 1953 auf der Rückenansicht (s)einer Frau ruht, die im Begriff ist, ihre weiße Bluse von den Schultern zu streifen. Nur die Nackenlinie und die zusammengedrückten Schulterblätter erzeugen die Verheißungen nackter Haut. Es ist die von der Bewegung verursachte Unschärfe, die auch die Grenzen zwischen Lässigkeit und Anmut, Erotik und Liebe verschwimmen lässt.

Vor über 30 Jahren begann Bredes Beschäftigung mit Fotografie

Da ist ebenso die intensive Stille des Nachdenkens, der Konzentration und Meditation, die zu höchsten Leistungen und tiefsten Einsichten befähigt. Das Gesicht von den Händen bedeckt, den Taktstock in der Rechten, erkennen wir in dem beleuchteten Haarschopf vor schwarzem Hintergrund mühelos Herbert von Karajan, wie Robert Lebeck den Chefdirigenten der Berliner Philharmoniker 1969 in St. Moritz beim angespannten Innehalten zwischen zwei Sätzen porträtierte. Ein anderer in die Hand gestützter Charakterkopf mit nach innen gerichtetem Blick gehört unverkennbar „Alfred Hitchcock in einem Café auf der Reeperbahn“, den Max Scheler 1963 durch eine Glasscheibe hindurch in einer nachdenklichen Haltung fotografiert hat. Eine Ahnung von der inneren Stille geistlicher Übungen vermittelt das Foto „Midnight Meditation“ 2002 von Sheila Rock. In der Mitte eines schwarzen Quadrats öffnen sich die Flügel zu einem Tempeleingang, in dem ein buddhistischer Mönch winzig klein zum Zentrum des Zentrums wird.

Und da ist schließlich die gedämpfte Stille des Schnees, der sich wie ein Puffer über die winterliche Landschaft legt und alle Geräusche dämpft: seien es die „Vogelspuren auf einer verschneiten Treppe“ (1965) von Hannes Kilian, die Pinguine in der Argentinischen Antarktis (1954) von Thomas Hoepker, das verschneite „Zürs“ (1953) von Liselotte Strelow oder die „Northern Roads“ (2018) von Jens Knigge, die sich als schwarzes Band durch die Schneelandschaft ziehen (Preise: 600–8400 Euro). Mit ihrer Magisterarbeit über Liselotte Strelow begann vor über 30 Jahren Johanna Breedes Beschäftigung mit der Fotografie.

[Johanna Breede Photokunst, Fasanenstr. 69; bis 29. 5., Di–Fr 11–18 Uhr, 4.5. 11–16 Uhr; sonst Sa nach Absprache]

Damals gab es kaum Fachliteratur, geschweige denn einen Lehrstuhl für Fotografie. Man vertraute ihr aus dem Nachlass sämtliche Negative an, von denen die Studentin eigenhändige Arbeitsabzüge erstellen durfte, um sie mit den Originalen zu vergleichen. Durch die Arbeit in der Dunkelkammer sei ihr Blick für die technische Qualität und das Handwerk der Fotografie mehr geschärft worden als durch das gesamte Studium, sagt Breede. Mit Begeisterung erläutert die praktisch geschulte Kunsthistorikerin den Herstellungsprozess der Ferrotypie, des Platinumprints oder Polaroidtransfers.

Wichtige Lehrjahre im Auktionshaus Grisebach

Auf diese Expertise setzte Bernd Schultz, als er Johanna Breede zur Leiterin seiner gerade gegründeten Fotoabteilung im Auktionshaus Grisebach machte. Die folgenden acht Jahre waren wichtige Lehrjahre, in denen die künftige Galeristin ihr Auge weiter schulen konnte, bis sie 2009 ihre eigene Fotogalerie auf der Fasanenstraße eröffnete. Ursprünglich war nur eine Ausstellung geplant, die sie mit dem Nachlass von Hannes Kilian parallel zu dessen Retrospektive im Gropius Bau in den leer stehenden Räumen organisierte. Aus der Ausstellung mit einem der erfolgreichsten Bildjournalisten wurden zehn Jahre Galeriearbeit mit Höhepunkten wie der Ausstellung von Stefan Moses’ Emigranten.

Ein Jahr nach dem Tod von Moses und passend zum Galeriejubiläum wird der große Chronist nun gleich mit zwei Ausstellungen im Deutschen Historischen Museum und in der Stiftung Schloss Neuhardenberg geehrt, die in Kooperation mit Johanna Breede entstanden ist.

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