Galerie Marzona zeigt Magnus Plessen : Innere Orientierungslosigkeit

Auf den Kopf gestellt: In der Galerie Daniel Marzona setzt sich der Maler Magnus Plessen mit dem Seelenleben traumatisierter Soldaten auseinander.

Lorina Speder
Installationsansicht der Plessen-Ausstellung in der Galerie Daniel Marzona.
Installationsansicht der Plessen-Ausstellung in der Galerie Daniel Marzona.Foto: Thomas Bruns, Courtesy Magnus Plessen, Daniel Marzona Berlin

Über Jahre lag Ernst Friedrichs Buch „Krieg dem Kriege“ von 1924 in Magnus Plessens Atelier. Lange wollte sich der Künstler nicht mit den darin abgebildeten Fotografien von entstellten Kriegsrückkehrern auseinandersetzen. 2014, hundert Jahre nach dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs, ließ Plessen die Abbildungen schließlich doch in seine Serie „1914“ einfließen. Vier Jahre arbeitet er nun daran – so lange, wie der Krieg dauerte. Die fünf jüngsten Bilder zeigt nun die Galerie Daniel Marzona (Friedrichstraße 17, bis 9. Juni) in ihrer Ausstellung „Schablone und Fragment“.

Man sieht: Körper und Alltagsgegenstände. Weiße oder übermalte Flächen lassen die Gemälde luftiger wirken als frühere Bilder der Serie. Das Auge kann nicht länger zwischen Vorder- und Hintergrund unterscheiden. Waren Plessens schwarze, balkenhaft gemalte Streifen sonst stets ein Indiz für Tiefe und Hintergrund, verschmelzen sie nun mit den Figuren und Körperteilen, die abstrakt erkennbar sind. Die innere Orientierungslosigkeit der traumatisierten Soldaten überträgt sich auf den Betrachter. Nicht nur die Fragmente auf den Bildern wirken willkürlich angeordnet, auch die Gliedmaßen, Totenköpfe oder Blumen sind so abstrakt gehalten, dass sie dem Auge keinen Halt geben. Lediglich blaue Streifen, die an Pflaster erinnern, scheinen die Elemente der Komposition „Untitled (45)“ zusammenzuhalten.

Der Betrachter verliert seinen festen Standort

Das Bild kann nicht nur – wie nun in der Galerie – als Längsformat hängen, sondern ebenso um 90 Grad gedreht. Bei der Monate dauernden Arbeit veränderte Plessen die eigene Perspektive immer wieder, indem er die Leinwände kontinuierlich drehte. Das Ergebnis sind Kompositionen, die den Betrachter in eine ähnliche Situation versetzen wie die Soldaten: Er verliert seinen festen Standort und damit, was in seinem Leben bislang als Gewissheit galt. Plessen, der am letzten Tag seiner Ausstellung (9. Juni, 17 Uhr ) in der Galerie spricht, gelingt mit dieser Methode und seiner künstlerischen Übersetzung eine Verbindung in eine Zeit, deren Zeugen schwinden. Das Phänomen der damals unbekannten Kriegsneurose, die Sigmund Freud 1920 erstmals erwähnte, war ein Novum der Forschung. Als Konsequenz falscher oder fehlender Behandlungsansätze prägten die traumatisierten Soldaten ihre Kinder und diese wiederum folgende Generationen. In der intensiven Auseinandersetzung gewinnt dieses Thema bei Magnus Plessen eine permanente Aktualität, die zwar nicht greifbar, aber doch spürbar ist. Es verhält sich wie in seinen neuen Bildern – man verzweifelt an dem Versuch, eine konkrete Aussage in den Fragmenten zu finden (Preise: 95 000–120 000 Euro).

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