Galerierundgang in Charlottenburg : Lob der Zeichnung

Raum- und Lichtphänomene, Farbhäute, Kugelschreiber-Bilder - Papierarbeiten sind endlos variabel.

Dorothea Zwirner

Wer sich im Berliner Kunstherbst in den Charlottenburger Galerien umschaut, kann ein erstaunliches Spektrum von Arbeiten auf Papier entdecken. Dabei bildet die dem intimen Medium der Zeichnung eigene Konzentration, Sensibilität und Experimentierfreude einen wohltuenden Kontrast zur gewohnten Reizüberflutung des Kunstmarktes.

Michael Haas (Niebuhrstr. 5, bis 28. 9.; Mo–Fr 9–18 Uhr, Sa 11–14 Uhr) nutzt die vorübergehend leer stehenden Galerieräume gleich nebenan, um jede Woche einen anderen seiner Künstler mit Papierarbeiten zu zeigen. Aktuell beschäftigt sich Jakob Mattner mit Raum- und Lichtphänomenen. Die hinreißende Präsentation seiner diesjährigen Sommerproduktion aus der Uckermark ist so erfüllt von der Sonne und weißen Vollmondnächten, als hätte sie das Licht eingefangen.

Tatsächlich handelt es sich um Arbeiten, bei denen sich die auf das Blatt gelegten Nessel-, Akanthus- oder Holunderzweige unter einem Farbsprühnebel als Negativform abzeichnen. Entsprechend scheinen auch die Trauerweiden der „Daphne“-Serie über das goldgrundierte Japanpapier zu tanzen, während die Scheibe der Sonne geradezu magisch hinter den Gräsern einer Nachtaufnahme hervorleuchtet. Selbst der weiße Mond vor dem Fensterkreuz steht nicht unter Kitschverdacht dank der abstrahierten Strenge dieses urromantischen Motivs.

An der Grenze zur dekorativen Schönheit von marmoriertem Papier bewegen sich die Farbexperimente der sogenannten „Lackskins“ von André Thomkins bei Wolfgang Werner (Fasanenstr. 72, bis Ende Oktober, Di–Fr 10–18 Uhr, Sa 11–15 Uhr). Neben den vier farbenprächtigen Großformaten, die mit ihren eleganten Linienschwüngen und leuchtenden Flächen einen regelrechten Strudel vegetabiler und geologischer Strukturen erzeugen, kann man dem gebürtigen Schweizer in einer kurzen Film-Dokumentation von 1966 dabei zuschauen, wie er den Zufall bis zur Perfektion lenkt.

Dabei bilden die auf ein Wasserbett geträufelten Lackfarben Farbhäute, deren Verläufe sich mithilfe von Holzstäbchen so lange beeinflussen lassen, „bis sich das Bild einstellt“. Thomkins kombiniert in seinen Lackskins ein kontrolliertes Eingreifen mit spontaner, gestischer Malerei, die sich aus dem Automatismus der Surrealisten herleiten lässt und auf den Abstrakten Expressionismus und das Action Painting der 60er Jahre verweist.

Wie ein Mantra schabloniert der Künstler Linien

Die Galerie Klaus Gerrit Friese (Meierottostr. 1, bis 2. 11.; Di–Sa 11–18 Uhr) präsentiert erstmals intensive Kugelschreiberzeichnungen auf Bütten und Silberstiftzeichnungen mit Tusche von Thomas Müller. Der 1959 in Stuttgart geborene Künstler arbeitet mittlerweile ausschließlich im Medium der Zeichnung, wenngleich man den Blättern mitunter noch die malerische Herkunft ansieht. In einer großen Vielfalt zeichnerischer Mittel wechselt die präzise Strenge der wie ein Mantra schablonierten Linien mit der tastenden Achtsamkeit der freien Hand.

Wie meditative Übungen sind die kleineren Arbeiten gruppenförmig so angeordnet, dass sich Leerstellen, Querverweise und Brechungen der einzelnen Motive ergeben, die in den Großformaten zu höchster Meisterschaft gelangen. Parallele Linienbündel in Blau bewegen sich mit fließenden Richtungswechseln quer über das Blatt wie ein wehendes Seidentuch. Das Fließen, Bündeln und Lenken von Energieströmen gleicht einer nonverbalen Sprache und kreisenden Denkbewegung, die im besten Fall zur erhöhten Wachsamkeit einer transzendenten spirituellen Erfahrung führt.

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