Galeristin Barbara Thumm im Interview : Teuer geht besser

Barbara Thumm führt in Berlin eine der wichtigsten Galerien des Landes. Im Interview spricht sie anlässlich des 20-jährigen Jubiläums über Idealismus und Kunst-Spekulation.

Christiane Meixner

Frau Thumm, Sie führen eine der wichtigsten Galerien des Landes – und der Kunstmarkt boomt. Freuen Sie sich oder ärgern Sie sich über Kunden mit Profit-Interesse?

Ich freue mich über jeden Kunden, spekulierende Sammler kommen allerdings weniger zu mir. Lieber sind mir auch die Überzeugungstäter mit ambitionierten und individuellen Sammlungen. Sie haben die Galerie über die Jahrzehnte getragen. Seit einigen Jahren finanziert sie sich zum großen Teil durch Ankäufe von etablierten Museen. Vielleicht ist das ein Grund, weshalb mir die Künstler treu bleiben. Weil ich sie immer wieder an wichtigen Orten platzieren kann.

In Ihrer Ausstellung zum 20-jährigen Jubiläum der Galerie machen Künstler mit, die Sie schon lange nicht mehr vertreten. Wer ist da wem untreu geworden?

Diese Frage stellt sich mir nicht. Eine gute Galerie muss sich immer im dynamischen Prozess befinden. So hat sich im Lauf der Jahre mein Programm neu ausgerichtet und geschärft. Und mitunter hat auch ein Künstler eine andere Richtung eingeschlagen.

Manche Künstler, die Sie nicht mehr vertreten, sind inzwischen sehr erfolgreich. Bereuen Sie solche Trennungen?

Nein, vor allem nicht, wenn ich den Künstlern immer noch verbunden bin. Die Entscheidungen waren ja wesentlich vielschichtiger als nur den kommerziellen Erfolg betreffend. Das Inhaltliche stand für mich immer im Vordergrund.

Woran machen Sie das konkret fest?

Die Künstlerpositionen, die meine Galerie vertritt, bilden ein stimmiges Gefüge. Es definiert sich durch die Vertretung komplexer konzeptioneller Lebenswerke, wie des Nachlasses von Anna Oppermann. Dies präzise zu formulieren, ist Voraussetzung für meine internationale Anerkennung. Es beinhaltet auch, das zeigte sich im Lauf der Jahre, einen immer bewussterer Umgang mit feministischen Positionen, mit Künstlerinnen wie Ann-Sofie Sidén, Chloe Piene oder Fiona Banner.

Sie haben Kunst studiert. Hatten Sie kein Interesse, sich selbst anstelle anderer als Künstler zu etablieren?

Als ich nach dem Studium von London nach Berlin zog, wollte ich vernetzen und vermitteln, habe Ausstellungen organisiert. Ich kannte die Szene der Young British Artists, die es Anfang der neunziger Jahre mit selbst inszenierten Ausstellungen zu internationalem Erfolg brachte. Diese Erfahrungen wollte ich in Berlin einbringen. Es sollte zunächst eine Produzentengalerie werden – kein kommerzieller, sondern ein experimenteller Raum, der den Bedürfnissen der Künstler statt denen des Marktes gehorcht.

Das klingt ziemlich idealistisch.

Das war es auch, und es war gnadenlos naiv. Es waren Gründerjahren, in denen sich die Galerienszene in Berlin selbst erfand. Mittlerweile hat sich natürlich alles professionalisiert, aber mein Blick auf die Kunst ist immer noch idealistisch und der einer Künstlerin. Ich habe ja selbst intensive Jahre im Atelier verbracht. Mich interessiert der kreative Prozess der Werkentstehung. Für mich findet die Galeriearbeit – also die wirkliche Kollaboration mit den Künstlern – weiterhin in der Galerie und den Ausstellungen statt. Daraus entwickeln sich die interessantesten Arbeiten, die man anschließend auf Messen präsentiert. Eine fatale Tendenz ist die Produktion von Arbeiten nur für Messen, es vereinheitlicht schon sehr, was messekompatibel dort gezeigt wird.

Weshalb nehmen Sie an Messen teil, wenn Sie deren Entwicklung skeptisch sehen?

Von Berlin aus war es immer wichtig, über die Stadt hinaus sichtbar zu sein. Einen Teil seines Booms verdankt Berlin genau diesem Zwang: Wir mussten nach außen gehen, weil es hier lange keine größere Sammlerschaft gab. So hat sich nach außen vermittelt, was in Berlin kulturell passiert. Insgesamt sind Kunstmessen in den vergangenen zehn Jahren immer wichtiger geworden – und der Prozess spitzt sich weiter zu.

Wird der Kunstmarkt schneller oder schwieriger?

Beides. Der Markt hat sich globalisiert und diversifiziert Das hochpreisige Segment funktioniert besser. Extrem schwer haben es Künstler, die eigentlich erfolgreich sind und in der Mitte ihrer Karriere stehen, aber keinen Boom vorweisen können. Sie sind auf Auktionen und im Secondary Markt weniger vertreten und werden deswegen weniger von Sammlern wahrgenommen.

Was bedeutet das für Ihre Arbeit?

Ich bin in der glücklichen Lage, in beiden Segmenten gut aufgestellt zu sein. So kann ich die Herausforderung annehmen. Da kommt wieder Idealismus ins Spiel, denn ich denke nach wie vor, dass sich Exzellenz und Verbindlichkeit behaupten. Und es erfüllt mich mit Stolz, dass Künstlerinnen wie Jo Baer oder Teresa Burga deshalb auf mich vertrauen.

Die beiden sind inzwischen über 80 Jahre alt …

Jo Baer ist eine Ikone des amerikanischen Minimalismus. Ihr späteres figuratives Werk wird seit einiger Zeit neu bewertet. Teresa Burga wurde 30 Jahre lang vergessen und nun wiederentdeckt. Ihnen geht es darum, die korrekte und präzise Deutung ihres Lebenswerkes zu erleben. Für mich ist das eine Herausforderung, ihre manchmal sperrigen, vielleicht verkannten oder jetzt neu entdeckten Positionen nicht nur kunsthistorisch, sondern auch kommerziell zu etablieren. So hat sich ihr Marktwert durch unsere Kooperation verzehnfacht.

Das Gespräch führte Christiane Meixner.

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