Gallery Weekend 2019 : Feministische Kunst aus hundert Jahren

Looping durch die Geschichte: Der Schinkel-Pavillon zeigt 56 Werke von 43 feministischen Künstlerinnen und Künstlern.

Wiederholung. Sturtevant kopierte die Bilder ihrer Pop-Art Kollegen, hier Roy Lichtenstein.
Wiederholung. Sturtevant kopierte die Bilder ihrer Pop-Art Kollegen, hier Roy Lichtenstein.Foto: Estate Sturtevant, Paris

Im Keller des Schinkel-Pavillons seziert Sarah Lucas eine Bratwurst. Etwas unbeholfen, denn das dicke Grillding rutscht ihr im „Sausage Film“ (1990) mehrmals vom Teller. Doch wenn die Künstlerin, ein Star der Young British Artists aus den frühen neunziger Jahren, das erste Stück verzehrt, ist die Symbolik überdeutlich: Lucas verspeist ein männliches Glied.

In der Feinjustierung kunsthistorischer Revision fallen einem dazu Bilder der „Vagina dentata“ ein. Die Ausstellung „Straying from the Line“ zieht jedoch eine andere, direktere Linie in die Kuppel des Pavillons, wo Cosey Fanni Tutti, ebenfalls Britin und zehn Jahre älter als Lucas, für Pornoaufnahmen posiert. Auch hier gibt es die kleine, entscheidende Irritation: Über ihren Fotos in einem erotischen Magazin von 1980 prangt als Überschrift „Throbbing Gristle“, was umgangssprachlich Erektion meint – und außerdem der Name von Tuttis damaliger Industrial-Band ist.

Vor diesem Hintergrund wird glaubhaft, dass sie die Sexindustrie für eigene Zwecke genutzt hat: Selbstermächtigung mit dem Ziel, die weibliche Lust ins Zentrum zu rücken. Bei den Feministinnen ihrer Zeit kam diese Form von Mimikry dennoch nicht gut an: Die Ähnlichkeiten in der Bildsprache mit Lack, Leder und Fetischen irritiert bis heute. Ein Grund mehr für Kuratorin Nina Pohl, jene expliziten Arbeiten in das jüngste Pavillon-Projekt zu integrieren.

56 Werke von 43 Künstlerinnen und Künstlern versammelt die Ausstellung; so viele wie nie zuvor an dem Ort, den sich einst Erich Honnecker für glamouröse Empfänge reservierte. „Straying from the Line“ will die „Vielstimmigkeit feministischer Tendenzen in der Kunst der letzten 100 Jahre abbilden“. Kein Wunder, dass sie breit differenzieren und neben Positionen wie von Sturtevant, Maria Lassnig, Barbara Hammer oder Lynda Benglis auch weniger Arriviertes zu bieten hat, etwa von Irma Hünerfath oder Heji Shin.

Gesten der Verweigerung

Diese Mischung macht die Schau sehenswert. Von Gabriele Münter etwa gibt es zwei kleine Bleistiftzeichnungen. Auf einer lümmelt die Berliner Journalistin Sylvia von Harden breitbeinig im Sessel und scheint völlig desinteressiert an der Frage, wie sich eine Frau der 1920er Jahre zu geben hat. Teresa Burga, 1935 in Peru geboren, verwebt Fremd- und Selbstbild in einer eingängigen Installation miteinander, während Ellen Gallagher in ihrer vielteiligen Collage „DeLuxe“ die Manipulation des (schwarzen) Körpers in ein Mosaik aus Anpassungsstrategien zersplittern lässt.

Es gibt die Geste der Verweigerung in unterschiedlichen Spielarten. Während Lee Lozano erst monumentale Malereien von Werkzeugen mit phallischer Analogie schuf, um sich 1971 aus der Kunstwelt zu verabschieden, setzte Charlotte Posenenske von Beginn an auf industrielle Materialien. Am Ende stieg auch sie aus: Der Unmut über die bedingungslose Rezeption selbst radikalster Skulpturen war einfach zu groß.

Noch jetzt könnte man ihre stählerne Arbeit „From Series D“, die aus dem Pavillon auf die Terrasse wächst, problemlos für einen Abluftschacht halten. Welch ein Kontrast zu den surrealen Welten, die Raphaela Vogel im Untergeschoss entwirft. „Uterusland“ (2017) spielt mit Assoziationen an eine schaumgeborene Venus, Milch spendende Melkmaschinen und farbigem BlingBling in einer Film-Installation, die den Betrachter geradezu verschlingt. Welch eine Achterbahn, angetrieben von der Überzeugung: Was hier an feministischen Fragestellungen verhandelt wird, will den Horizont erweitern – und nicht einengen.

bis 28.7., Schinkel-Pavillon, Oberwallstr. 1, Fr von 12 – 21 Uhr, Sa/So 11 – 17 Uhr, Do-So 12-18 Uhr

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