Gallery Weekend 2019 : Wenn das Wageninnere zum Wohnzimmer wird

Frieda Toranzo Jaeger erkundet in der Galerie Barbara Weiss den Fetisch Auto. Ein Besuch im Atelier der Künstlerin.

Frieda Toranzo Jaeger in ihrem Atelier.
Frieda Toranzo Jaeger in ihrem Atelier.Foto: Mike Wolff

Autofahren und Malen ähneln sich, glaubt Frieda Toranzo Jaeger. „Beides aktiviert deine Vorstellung, aber du bleibst sitzen.“ In ihrem kleinen Kreuzberger Studio hängt ein sternförmiges Klappbild mit dem Titel „Der Wert der Ware drückt sich am Besten in den Körpern der Anderen aus“. Im Zentrum sind die weichen roten Polster eines Autos zu sehen. „Der Innenraum des Wagens ist der Negativabdruck des Körpers“, sagt die Künstlerin. Sie malt die Wülste der Ledersitze wie Muskelstränge im rohen Fleisch. Der Blick ins Innere der aufgeschnittenen Karosserie erinnert bei dieser athletischen Malerei an ein Operationsbild. Ringsum blühen bunte Wiesenblumen.

An der Wand daneben hängt die Ansicht eines ölverschmierten Motors, mit dunklen Kabeln, Rohren und Zylindern. Die Künstlerin hat in die Leinwand ein winziges Herz gestickt, sie lässt die zarten Fäden wie feine Blutbahnen zu Boden hängen. In der Malerei von Frieda Toranzo Jaeger irritiert die Mischung aus glänzend weichen Formen und Angriffslust. Beim Auto geht es wie beim Malen um Liebe, Macht und Sex.

Frieda Toranzo Jaeger wuchs mit deutschen Wurzeln in Mexiko auf. Sie studierte Malerei bei Jutta Koether in Hamburg. Die Schau „Deep Adaptation“ in der Galerie Barbara Weiss ist ihre erste Einzelausstellung in Deutschland (Preise von 4000 bis 20 000 Euro). Zu erleben ist eine Malerin, die sich feministisch positioniert und die über Geschlecht, Herkunft und Selbstbestimmung in einer postkolonialen Gesellschaft nachdenkt. Das Vehikel für diese Überlegungen bildet mit überraschend klarer Konsequenz das Auto. Sie hat es zu ihrem Symbol erhoben.

„Ich kam zum Auto, weil ich mich fragte, wie Minderheiten ihre Autonomie zurückgewonnen haben“, erklärt Frieda Toranzo Jaeger. Sie erinnerte sich an den Autokult in Mexiko – „Pimp your car“. Da donnern Autofetischisten amerikanische Straßenkreuzer auf und überführen die Luxusschlitten mithilfe von bunten Verzierungen in ihre eigene Kultur.

Auf wohltuende Weise verwirrend

Für Frieda Toranzo Jaeger sind Cockpit und Motoren Sinnbilder von Maskulinität und Potenz. Zugleich verkörpern sie aber auch die Verletzlichkeit von Männlichkeit. Aus Prinzip malt sie nur Modelle mit Elektromotor oder Hybridantrieb und denkt darüber nach, wie selbstfahrende Autos die Machtverhältnisse verschieben können. Wenn das Wageninnere zum Wohnzimmer wird und nur die Stimme lenkt, werden sich die Menschen wieder wie Kinder fühlen, hilflos gefangen in einem autark operierenden System. Und wie wird diese neue Erfahrung das Verhältnis der Geschlechter verändern?

Gleichzeitig erprobt die Künstlerin, was mit der Malerei geschieht, wenn man die virilen Motive mit einer weiblichen Tätigkeit konfrontiert. „Leben heißt Strumpfhosenstricken“ seufzte schon Rosemarie Trockel. Frieda Toranzo Jaeger widmet sich einer noch qualvolleren Frauenarbeit, dem Sticken, und bezieht so die kunsthandwerkliche Tradition Mexikos in die zeitgenössische Malerei ein. Die emsige Handarbeit mit dekorativem Ergebnis kombiniert sie mit den kraftvollen Karossen. Der Effekt ist auf wohltuende Weise verwirrend.

Erinnert an ein Operationsbild. „Autoportrait“ von 2016.
Erinnert an ein Operationsbild. „Autoportrait“ von 2016.Foto: Frieda Toranzo Jaeger

Manchmal stickt sie auch selbst. Für die Arbeiten in der Galerie Barbara Weiss aber bat sie ihre Familie in Mexiko um Hilfe. Normalerweise ist das kein Thema, diesmal aber rebellierten die Mutter und die Cousinen, weil das Projekt so aufwendig war. An drei Säulen in der Galerie sollen weiße Leinwände hängen, auf die mit rotem Faden blutende Wunden gestickt sind. Dahinter der auseinandergeschnittene Innenraum eines Wagens. Der epische Titel bezieht sich auf die Renaissance: „Deep adaptation on Audi Aicon 2020 costume design by H. Memling“.

Inzwischen hat Frieda Toranzo Jaeger ihre Leidenschaft für Technik auf den Weltraum ausgedehnt. Das Herzstück in der Galerie-Ausstellung bildet das Cockpit eines Raumschiffs, in dem Kopien historischer Gemälde die Schalttafeln ersetzen. Das im Halbrund aufgestellte Großformat soll die Besucher gleichsam verschlingen, wie das All. Zugleich zitiert es die Form des aufklappbaren Altarbilds. Das bewegliche Triptychon lernte die Malerin erst in Europa kennen. In Mexiko hängten die Kolonisatoren Leinwände in die Kirchen.

Offensiver Umgang mit Sexualität

Eine kleine Stickerei im Atelier stellt eine braunhäutige Frau dar, die in einem giftgrünen Raumschiff schwebt – die schwarzen Haare stehen ihr in der Schwerelosigkeit zu Berge. Ihr Geschlecht ist mit flammend rotem Faden gestickt. Für Frieda Toranzo Jaeger ist die Arbeit mit Nadel und Faden ein Angriff auf die Leinwand, begleitet von dem unheimlichen Geräusch, wenn der Stoff perforiert wird. Beim Betrachten fließt in die Wahrnehmung mit ein, dass man nicht unterscheiden kann zwischen brutaler und femininer Aktion.

Die wollene Oberfläche der Haut erschreckt und zieht einen gleichzeitig an. Besonders fasziniert ist Frieda Toranzo Jaeger davon, dass der ganze Körper in der Schwerelosigkeit leidet, nur die weiblichen Reproduktionsorgane nicht. Als sei der Mensch dazu geschaffen, eines Tages im Orbit zu überleben.

Wegen ihres offensiven Umgangs mit Sexualität erinnert diese Kunst an die Wiener Feministinnen, an die frühen Werke von Valie Export, aber auch an die Malerei von Elke Silvia Krystufek, die in ihren zarten Männerakten weibliches Begehren thematisiert. Frieda Toranzo Jaeger testet die Strategie aus der Perspektive einer nicht-heterosexuellen Frau, die in Lateinamerika groß wurde.

Keine Angst vor Konfrontation

Die große Stärke ihrer Malerei ist, dass sie die Konfrontation nicht fürchtet. Die bewusst provokativen Arbeiten spiegeln die Rohheit von Machtverhältnissen, aber auch die Direktheit von Lust. Das Klappbild, das im Atelier gerade fertiggestellt wird, lässt sich wie ein Altarbild schließen. Die Außenseite zeigt „Ärsche“, wie die Künstlerin unverblümt sagt. Von Lucas Cranach hat sie den schwarzen Grund abgeschaut. Die Farbe der Haut aber sollte bei ihr dunkel sein.

Mit dem Ergebnis ist die Malerin noch nicht zufrieden. Die „Ärsche“ erscheinen seltsam stumpf. Anderes wirkt frisch und drastisch. Da holt die Künstlerin die große Keule heraus. Frieda Toranzo Jaeger hat genug Kraft, ihre Mittel zu reduzieren und trotzdem präsent zu bleiben. Ihre Bilder sind integer, befremdlich – und kühn.

bis 15.6., Galerie Barbara Weiss, Kohlfurter Straße 41/43, Kreuzberg, Fr ab 18 Uhr, Sa und So 11 – 19 Uhr, sonst Di –Sa 11 – 18 Uhr

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