Die finnische Literatur ist geprägt von einem konventionellen Realismus.

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Gastland Finnland auf der Frankfurter Buchmesse : Von der coolen finnischen Literatur

Teirs „Winterkrieg“ ist einer der herausragenden finnischen Romane in diesem Herbst, Verweise auf Jonathan Franzen liegen da nahe. Trotzdem fällt auch hier der konventionelle Realismus auf, der die finnische Literatur insgesamt ausmacht. Sprachliche Experimente gibt es nur wenige, kaum ästhetische Eigenheiten, keinen elitären Gestus. Dem Publikum zugewandtes Schreiben ist Trumpf – was wieder historische Ursachen hat. Finnland war Jahrhunderte lang eine Provinz des schwedischen Reichs, bevor es Anfang des 19. Jahrhunderts in die Machtsphäre des Zaren und Russlands geriet. Schwedisch war die bestimmende Sprache, zumindest in den Städten, in Verwaltung und Militär, Wissenschaft und Bildung. Erst 1861 ging die Mehrheit zum Finnischen über, der Sprache des Volkes.

Der erste auf Finnisch geschriebene Roman erschien deshalb erst 1870, Alexis Kivis „Sieben Brüder“ (Jung und Jung, neu übersetzt von Gisbert Jänicke). Mit diesem Roman richtete sich die finnische Literatur von Beginn an primär an die breite Bevölkerung. Ihr stilistischer Zugriff orientiert sich seitdem an der Alltags- und Umgangssprache. Obwohl es in den fünfziger Jahren eine berühmte schwedische Avantgarde gab, bevorzugen auch viele finnland-schwedische Autoren eine volksnahe, naturalistische Schreibweise, steht auch bei ihnen das Verhältnis des Menschen zu seiner Umgebung im Zentrum des Prosageschehens.

Die finnisch-schwedische Autorin Ulla-Lena Lundberg und ihr Roman "Eis"

„Wer einmal die Veränderung in einer Landschaft gesehen hat, sobald ein Schiff ins Blickfeld kommt, wird sich nie mit der Behauptung einverstanden erklären können, dass ein einzelnes Menschenleben ohne Bedeutung ist.“ Mit diesem schönen, programmatischen Satz beginnt die 1947 auf den Åland-Inseln geborene finnland-schwedische Autorin Ulla-Lena Lundberg ihren Roman „Eis“ (Mare, übersetzt von Karl-Ludwig Wetzig), mit dem sie 2012 den Finlandia-Preis gewann.

Lundberg erzählt darin eine Geschichte aus den späten vierziger Nachkriegsjahren. Der junge, enthusiastisch seinem Beruf nachgehende Pfarrer Peter Kummel bekommt eine Stelle auf den Örar-Inseln, wo er mit seiner Frau Mona und Töchterchen Manna hinzieht und auf eine rückständige, der Natur verbundene Gesellschaft trifft. Lundberg beschreibt die Begegnung zweier Welten und wie ein Idyll langsam zerbricht; sie macht das mit einem langen, manchmal auch einem zu langen erzählerischen Atem und einer gewissen stilistischen Schlichtheit. Trotzdem versteht sie es gekonnt, die Zeit in Szene zu setzen, auf kurzem Raum Leben zu erzählen, immer nah an ihren Figuren.

Kjell Westö ist eine Art Stadthistoriker Helsinkis

Als freundlichen Widerpart zu Lindberg lässt sich Kjell Westö verstehen, der gleichfalls zur schwedischsprachigen Minderheit gehört. Mit Romanen wie „Vom Risiko, ein Skrake zu sein“ oder „Wo wir einst gingen“, wurde er nicht nur berühmt, sondern auch eine Art Stadthistoriker von Helsinki. „Helsinki ist immer einer der wichtigsten Protagonisten in meinen Romanen“, sagt er bei einem Treffen in seiner Wohnung in der Cygnaeuksenkatu, Vorderhaus, 5. Stock, nicht weit von der Töölö-Bucht. Läuft man mit ihm durch die Stadt, ist das ein ständiges schnelles Gehen und abruptes Halten, oft macht er auf historische Schauplätze aufmerksam. Oder er erzählt, dass seine Großväter in den Kriegen mit der Sowjetunion gefallen sind. Sein Roman„Trugbild“ (btb, übersetzt von Paul Berf) spielt im Jahr 1938. Was in Europa gerade geschieht, die historischen Zeitläufe beeinflussen auch die Schicksale von Westös Figuren: hier Matilda, eine junge Rechtsanwaltsgehilfin, die als Rote in einem Lager der Weißen vergewaltigt wurde; dort der Anwalt, der sich regelmäßig mit Freunden zum Trinken und Debattieren trifft; die politischen Strömungen, der Antisemitismus, die partielle Sympathie für die Deutschen zerstören die Freundschaften zusehends.

Westös Figuren sind fiktiv, viele der Ereignisse in dem Roman hingegen wahr, mit Auswirkungen bis heute. Westö schildert einen 100-Meter-Lauf, der im Juni 1938 stattfand und bei dem ein jüdischer Läufer als eigentlicher Sieger auf den 4. Platz gestuft wurde. Nach Erscheinen von „Trugbild“ wurden die Resultate nach Hinweisen der Literaturkritik vom finnischen Leichtathletik-Verband korrigiert, der 1976 verstorbene Läufer nachträglich rehabilitiert. Kjell Westö ist stolz darauf.

Obwohl auch er registriert hat, dass Sofi Oksanen der Star der finnischen Literatur ist, sich mit ihr, ihrem Glam und Charisma die Anforderungen an Schriftsteller verändert haben, hat er in seinem Roman lieber der größten Autorin Finnlands des 20. Jahrhunderts ein Denkmal gesetzt: Tove Jansson. Zweimal taucht sie auf, ohne dass ihr Name genannt wird: „Am ehesten ähnelte sie einem Faun. Oder einem scheuen Tier, einem der letzten Exemplare irgendeiner seltenen Art“.

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