Geburtstagsrede zum 100. : Heinrich Böll, die Liebe und die Religion

Der Glaube war die Konstante in Bölls Leben, radikal frei und auf den Menschen gerichtet. In seiner Literatur hat er ihn transformiert, gefeiert - und die Kirche kritisiert. Ein Gastbeitrag.

Karl-Josef Kuschel
Der Unangepasste. Heinrich Böll in seiner Kölner Wohnung im Jahr 1977.
Der Unangepasste. Heinrich Böll in seiner Kölner Wohnung im Jahr 1977.Foto: Heinz Wieseler/dpa

Ich glaube, dass man das Wort Gott für eine Weile aus dem Verkehr ziehen sollte; nicht Gott selbst, nicht das, was mit diesem Wort gemeint ist. Ich denke, dieses Wort ist im Grunde nur – und das kommt in der Murke-Satire zum Ausdruck – ein Füllwort. Gott ist dann oft ein Abladeplatz für viele Probleme, die wir Menschen lösen könnten. Und wenn erst Politiker das Wort Gott aussprechen! Das ist für mich die einzige Form der Blasphemie, die ich noch kenne.“

Diese Sätze stammen aus einem Gespräch, das ich 1983 mit Heinrich Böll führen konnte. Die Grundthemen halten sich durch, nicht erst nachdem Böll 1955 seine Kurzgeschichte „Doktor Murkes gesammeltes Schweigen“ geschrieben hatte. Wenn es in seinem Leben eine Konstante gegeben hat, die ihm Orientierung im Sinne einer Heimat bot, dann war es der Glaube. In der Tat hat dieser Mann nie einen Zweifel daran gelassen, dass er als Kölner nun einmal katholisch geprägt ist und auf seine ganz eigene Weise Christ sein will, obwohl er dies nie plakativ vor sich hertrug. Aber nie konnte und wollte er katholisch sein wie der korporierte westdeutsche Katholizismus, wie er das nannte, nie christlich sein, wie eine bestimmte Parteipolitik christlich war.

Er praktizierte eine politisch wache und sozial empathische Katholizität

Scharf hat er unterschieden zwischen der „Corporation deutscher Katholizismus“, der er sich verweigert und aus der er 1976 austritt, und dem „corpus Christi mysticum“, dem er sich zugehörig fühlt: einer Gemeinschaft von Menschen, die die Nachfolge des Nazareners ernst nehmen und sich dem Ethos dieses Menschgewordenen verpflichtet fühlen, weil sie die Arbeit an der Menschwerdung des Menschen noch nicht der bleiernen Resignation geopfert oder in der Säure des Zynismus zersetzt haben.

Zum Autor

Karl-Josef Kuschel, geb. 1948 in Oberhausen, war von 1995 bis 2013 Professor für Theologie der Kultur und des interreligiösen Dialogs an der Universität Tübingen. Kuschel hielt diesen Vortrag auf Einladung von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier auf Schloss Bellevue bei einem Abend zum 100. Geburtstag von Heinrich Böll.

Katholizismus also als gesellschaftlich-organisiertes System ist für Böll das eine und eine soziologische Kategorie, das andere ist das Ideal von Katholizität, das sich spirituell und ethisch aus der Grundhaltung des jesuanischen Ethos speist. Gemeint ist bei Böll eine moderne Götzenanbetung (sprich: Kapital und Kanonen) verweigernde, politisch wache, ökonomisch kritische und sozial empathische Katholizität, zu der rebellische französische, englische und irische Katholiken wie Leon Bloy, Georges Bernanos, Gilbert Kieth Chesterton und Brendan Behan ebenso gehören wie unangepasste deutsche: ein Reinhold Schneider, ein Walter Dirks, ein Friedrich Heer, ein Karl Rahner. Alternative Kirchenlehrer Böll’scher Couleur, Gewissenstäter, Widerständler, Zeitgeistresistente, Unangepasste.

Seine Literatur spiegelte das ganze Spektrum des Menschlichen

Aber billig wäre es, Bölls Einstellung nur nach Äußerungen über den bundesdeutschen Katholizismus zu bestimmen. Unwürdig einem Schriftsteller gegenüber. Was er zu sagen hat, hat er literarisch gestaltet. Sein literarisches Werk ist es, das ihn unverwechselbar gemacht hat. Und in diesem Werk findet wie bei keinem anderen deutschsprachigen Schriftsteller seiner Generation und seines Formates eine Transformation des Katholischen statt, eine poetische Verwandlung zu dem, was er die „Ästhetik des Humanen“ genannt hat. Literarische Figuren hat er erfunden, die an die katholische Welt gebunden sind, zugleich aber das ganze Spektrum des Menschlichen spiegeln, all das, was nicht in moralische Schemata und ideologische Schablonen passt: eine Käte Bogner in „Und sagte kein einziges Wort“, einen Hans Schnier in „Ansichten eines Clowns“, eine Leni Pfeiffer in „Gruppenbild mit Dame“, eine Katharina Blum und eine Erika Wubler in „Frauen vor Flusslandschaft“.

Eine Kirche mit irischem Antlitz hat er beschrieben und im „Irischen Tagebuch“ schon früh imaginiert. Denn die rheinische Katholizität hatte mit der irischen eines gemeinsam: Sie war lange von einer nicht katholischen Macht beherrscht und zugleich verächtlich von oben herab behandelt worden: ob von den anglikanischen Briten oder den protestantischen Preußen. Bölls irisch-rheinländische Katholizität dagegen stand in kritischer Äquidistanz zum preußischen Berlin und zu einem zentralistischen Rom, aber von einem Papst aus Lateinamerika wie Franziskus hätte sich dieser Autor verstanden gefühlt: „Mir ist eine verbeulte Kirche, die verletzt und beschmutzt ist, weil sie auf die Straßen hinausgegangen ist, lieber“, schreibt Franziskus, „als eine Kirche, die aufgrund ihrer Verschlossenheit und ihrer Bequemlichkeit, sich an die eigenen Sicherheiten zu klammern, krank ist“, nachzulesen im ersten Apostolischen Schreiben „Evangelii Gaudium“, Nr. 49.

Die Nächstenliebe galt ihm als erstes Gebot

„Im Grunde interessieren mich als Autor nur zwei Themen“, hat Böll einmal gesagt, „die Liebe und die Religion. Für beide Themen ist im innerdeutschen Katholizismus kein Platz.“ Von seinem Roman „Ansichten eines Clowns“ versteht man besser, was damit gemeint ist, und von der „Katharina Blum“ und der „Fürsorglichen Belagerung“ her auch dies: Bei Böll hatte das so verbrauchte Wort „Gnade“ in sicherheitspolitisch aufgeheizter und ökonomisch gnadenloser Zeit einen neuen, das so missbrauchte Wort „Demut“ im Zeiten militärindustrieller Omnipotenz einen nahezu subversiven Klang.

Gerade Bölls Weggefährte Günter Grass hat das in seinem Nachruf in der „Zeit“ glaubwürdiger als andere bezeugt: „Sein Verständnis des christlichen Seins war radikaler, als es sich Linke, etwa ich, jemals träumen ließen, und freier, als es dieser oder jener Papst erlaubt hätte. Nicht nur, dass er, geprägt von Kriegserfahrungen, Pazifist war, vielmehr galt ihm, bei aller Lust an polemischer Zuspitzung, die Nächstenliebe als erstes Gebot. Gleich danach kamen die Gnade der Vergebung und radikal praktiziertes Mitleid: lauter Ladenhüter in einer mehr und mehr vom Konsum und dem permanenten Konkurrenzkampf bestimmten Gesellschaft.“

Wozu er als Schriftsteller angetreten ist, lässt sich in diesem seinem Satz festhalten: „Ich sagte, die Menschwerdung des Menschen habe wahrscheinlich noch nicht begonnen, schon gar nicht im Roman, aber wahrscheinlich hat das Christentum noch gar nicht begonnen.“ Aber im menschgewordenen Christus war es für Böll an- und aufgebrochen.

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