Gedichte von Matthew Sweeney : Meeresrauschen und Currywurst

Skurrile, melancholische Geschichten: Jan Wagner übersetzt die Gedichte seines irischen Kollegen Matthew Sweeney ins Deutsche.

Gisela Trahms
Der irische Autor Matthew Sweeney.
Der irische Autor Matthew Sweeney.Foto: Neil Astley

Matthew Sweeney beackert sein dichterisches Feld mit einem hierzulande ziemlich selten benutzten Werkzeug: dem Spaten des Erzählens. Erstaunliche, skurrile, melancholische Geschichten kommen uns in mühelos fließenden Versen entgegen, ohne Reimzwang, ohne Abstraktionsehrgeiz, bildreich und bezaubernd. Sie stellen uns eine Welt vor Augen, die wir kennen, erweitert um jene Zonen, denen Schwerkraft, Logik oder Alltagsmonotonie gewöhnlich einen Riegel vorschieben.

In zehn Zweizeilern berichtet da ein Mann, wie er hinterm Werkzeugschuppen einen Schlüssel vergräbt, den Hund in die Freiheit entlässt, in eine blaue Hängematte steigt, an Clint Eastwood und Spaghettiwestern denkt und sich darauf freut, in Lissabon Brechts Gesamtwerk zu übersetzen. Was für ein Plan! Aber die Birke reckt sich schließlich auch bis zum Mond, und die Möwen in der Alfama sind „sehr musikalisch. / Die Krähen verbringen die meiste Zeit am Boden.“ Damit hört das Gedicht auf. Der Leser sollte jetzt nicht „Ja und?“ fragen, sondern Ennio Morricones Musik mitsummen, sich für die Vielfalt der Szenen bedanken und höchstens fragen, welcher Schlüssel vergraben wurde und ob es denn in Gottes Namen je eine Chance gibt, sich von einer Krähe in eine Möwe zu verwandeln.

Wer den 1952 geborenen Iren Matthew Sweeney kennt („Rosa Milch“, ebenfalls von Jan Wagner übersetzt, erschien 2008), weiß vielleicht, dass „Sweeney“ auch eine irische Sagenfigur bezeichnet, einen König, der verrückt wird und als Vogel im Wald herumirrt. Seine Geschichte wurde jahrhundertelang immer neu und anders erzählt und passt daher wie ein Wappen zu des Dichters Namen, in dessen Texten Irland aufersteht.

Sweeney verbrachte einige Jahre in Berlin

Man hört die See rauschen, erfährt, wie auf den Bauernhöfen Bratwurst gemacht wurde, aber auch, dass Vögel geschossen und verzehrt werden. Letzteres leitet über zum Wunsch „to remake myself as a painter“, um die Vögel zu malen, als nature morte, wie die Franzosen das Stillleben nennen. Zwei schwebende Strophen, weder kurz noch überlang, schweifende Verse, vom empfindsamen Kollegen ins Deutsche gebracht, aber am schönsten doch im Original. Keine Folklore, kein billiges Licht; Finsteres, Beängstigendes, Geister und Trauer fehlen diesen Texten so wenig wie Heiterkeit.

Ein paar Jahre hat Matthew Sweeney in Berlin verbracht, davon zeugt unter anderem „Heckewald“, eine Stadtmoritat, die so beginnt: „Heckewald ist tot. Heckewald is dead“ und fortfährt: „Heckewald will eat no more Currywurst, as he rushes to the U-Bahn in the morning /… Where has he vanished to, Heckewald? / Has somebody knifed him in Neukölln“, um schließlich mit der Frage zu enden: „Should I put an ad in Tagesspiegel, saying  / Heckewald is dead ...?“ Ja, gern! Und klänge diese Todesanzeige nicht wie eine für Kilroys Enkel? Düstere Zeiten, Kamerad.

Matthew Sweeney: Hund und Mond. Gedichte. Aus dem Englischen von Jan Wagner. Zweisprachige Ausgabe. Hanser Berlin 2017. 139 S., 18 €.

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