Kultur : Gefühltes Klima

Naturmächte und Wissenschaft: Warum wir Optimismus brauchen

Caroline Fetscher

April 1336, in der Provence. Der Dichter Francesco Petrarca beschreibt einem Freund seine Besteigung des Mont Ventoux. „Den höchsten Berg dieser Gegend, den man nicht unverdient Ventosus, den Windumbrausten, nennt, habe ich am heutigen Tage bestiegen, einzig von der Begierde getrieben, diese ungewöhnliche Höhenregion mit eigenen Augen zu sehen.“ Petrarca sieht „die Alpen selbst, eisstarrend und schneebedeckt“, zur Rechten erkennt er „die Gebirge der Provinz von Lyon, zur Linken sogar den Golf von Marseille“. Die Rhône hat er „geradezu vor Augen“; staunend genießt er das Szenario „mit Leib und Seele“.

In Petrarcas Gipfelgang entdeckten Kulturhistoriker einen abendländischen Wendepunkt. Dass ein Zeitgenosse die Natur allein aus Lust zu ergründen sucht, ungeachtet aller Dämonen, Götter oder Geister, ohne Interesse an Landnahme oder auch nur an Brennholz, Wild, Früchten: Das war eine Sensation. Sie wurde symbolhaft für die Geburt des Individuums im Humanismus der Renaissance.

März 2007, in einer Stadt in Westeuropa. Nach seiner Geigenstunde erklärt ein 10-jähriger Schüler der Lehrerin, weshalb er den Spaß am Üben verliert. Bis er das Instrument meistern könne, sei die Welt ja gar nicht mehr da. „Die Erde ist doch weg in ein paar Jahren, wegen der Stürme und Überschwemmungen.“ Die Musiklehrerin beruhigt ihn. So schnell, sagt sie, gehe das nicht. Aber sie traut den eigenen Worten nicht ganz.

671 Jahre nach Petrarca schmelzen die Gletscher seines Alpenszenarios, und windumbrauste Gipfel erregen nicht nur Staunen. Wissenschaftler erklären, die Dämonen der Natur seien wieder da, ganz real – und geweckt von uns selbst, den Konsumenten des Industriezeitalters. Die heutige Natur eignet sich weder als Kant’scher Ort der Erhabenheit und des interesselosen Wohlgefallens noch als romantische Spiegelung der Freiheit des Menschengeschlechts, die auch die Französische Revolution in ihr sah. Vielmehr sind Naturgewalten jetzt dramatisch agierende Hauptdarsteller – etwa in Al Gores Dokumentar-Drama „Eine unbequeme Wahrheit“, das den Klimawandel als erschütterndes Aufklärungsstück inszeniert. „Dieser Film wird Sie stärker schockieren als alles, was Sie bisher gesehen haben!“, verspricht Gore und zeigt ausgetrocknete Flussbetten, tosende Ozeane, überflutete Innenstädte, emporkletternde Klimakurven, geborstene Böden und qualmende Schlote – und eine Fülle wissenschaftlicher Daten, die unter anderem 100 Millionen Klimaflüchtlinge prophezeien. 2004 hatte Roland Emmerich Visionen apokalyptischer Unwetter für einen bombastischen Spielfilm aktiviert und in „The Day After Tomorrow“ eine neue Eiszeit heraufbeschworen, in der New Yorks Bevölkerung Bücher als Heizmaterial verwendet wie Sarajewos Einwohner im wirklichen Krieg. Weltweiter Wetterwandel liefert Endzeitbilder. Anders als Petrarcas reicht unser Panoramablick von einem Pol zum anderen, von Tokio bis Toronto, von Neuseeland bis Grönland. Wissenschaftlich gelangt der Blick in die höchsten Strati der Erdatmosphäre wie in die Tiefen des Erdinneren. Wir fürchten uns vor uns selbst, vor unserer Manipulation des Blauen Planeten, und nach der Veröffentlichung des UN-Klimaberichts teilte die „Bild“-Zeitung Ende Februar in gigantischen Lettern mit: „Nur noch 13 Jahre!“ Am Freitag, als Europa sein Klimaschutzprogramm beschloss, unterzeichnete US-Präsident Bush in Brasilien ein Abkommen zur Entwicklung alternativer Kraftstoffe wie Biosprit und sagte pragmatisch, jeder Schritt, die Abhängigkeit vom Öl zu reduzieren, sei gut. Alarm in Kombination mit wirtschaftlichen und politischen Zwängen scheint eine echte Wende einzuläuten. Aber werden Akteure wie China und Indien mitmachen? Das momentane Katastrophenklima scheint keineswegs gebannt.

Ob und wie sich globales Bewusstsein wirklich und wirkmächtig wandelt, lässt sich meist nur rückwirkend lesen. Als 1972 der Club of Rome seinen Bericht „Die Grenzen des Wachstums“ zur Zukunft der Weltwirtschaft ablieferte, als er auf die Endlichkeit der Rohstoffe und die Unumkehrbarkeit unserer Eingriffe in die Ökosysteme hinwies, gab es zum ersten Mal Anzeichen globalen Ökoalarms: Zwölf Millionen Exemplare des Berichts in 37 Sprachen wurden verkauft. Ende der siebziger Jahre gründete sich in Deutschland, als Erste überhaupt, eine Partei der „Grünen“, wenig später bildete sich die deutsche Sektion von Greenpeace. Das Reaktorunglück von Tschernobyl im April 1986 wirkte im Westen als Fanal zum Atomausstieg. Gleichwohl ließ man sich in Russland wenig davon beeindrucken, auch nicht von horrenden Klimaprognosen. Als sich Ende der achtziger Jahre Klimaforscher in Hamburg versammelten, schwärmten sowjetische Wissenschaftler: „Orangen und Zitronen in Moskau, kaum noch Heizkosten – für uns Fortschritt!“ Erst das Verschwinden von Väterchen Frost würde dem Kapitalismus seinen Vorsprung vor dem Kommunismus nehmen, hoffte man in der Sowjetunion, wo schon Lenin auf Energiepotenzierung und Elektrifizierung gesetzt hatte. Heute dreht Russlands Präsident Putin kühl am Gashahn, um Nachbarn in die Kälte zu schicken – solange es die gibt.

Wäre die Erderwärmung vielleicht tatsächlich von Vorteil? Hat es für uns Individuen tatsächlich Sinn, weniger zu fliegen, kürzer zu duschen, sparsamer zu heizen? Wie genau kann die Wissenschaft vorausberechnen, was uns blüht? Erleben wir eine weitere Modewelle, einen politischen und medialen Hype im Zeitalter der Events? Entsteht wirklich weltweit ein neues Klima- und Umweltbewusstsein, und – brauchen wir es? „Ohne Zweifel wird es Gewinner und Verlierer des Klimawandels geben“, sagt Gerd Leipold, Direktor von Greenpeace International in Amsterdam. Illusionen, „alles sei halb so schlimm“, dürfe sich dabei jedoch niemand machen. „Zur Zeit meiner Promotion am Max Planck Institut“, erinnert sich der Physiker und Meteorologe, „hatten wir in den Achtzigern die besten Rechner der Welt, heute sind Klimamodelle allerdings weitaus differenzierter.“ Klarer voraussagen lassen sich inzwischen etwa die „Feedback“-Faktoren zum Ausstoß von Kohlendioxid durch Kraftwerke und Verkehr. Mehr Hitze ergibt mehr Wolkenbildung, also auch mehr Schatten und Abkühlung, mehr Wärme lässt mehr Pflanzen wachsen, die wiederum mehr CO2 binden können, und wo es weniger kalt wird, spart man Heizkosten. „Aber selbst diese Dynamik fängt den Gesamteffekt nicht auf“, wissen Leipold und andere Forscher heute.

Dennoch setzen sie auf Optimismus. Hysterie und Panik, wissen sie, können nur am Anfang einer Bewusstseinsänderung stehen, allein bewirken sie gar nichts. Hans Joachim Schellnhuber, Direktor des Potsdamer Instituts für Klimaforschung, freute sich dieser Tage in der „FAZ“ über den unglaublichen Zufall, „dass die Menschheit in diese Klimakrise stürzt, aber gleichzeitig die Mittel in der Hand hält, die Krise vorauszusagen und zu lösen.“ Wie Schellnhuber sieht der Greenpeace-Direktor keine Perspektive in den Gesten, die mit „Untergang“ drohen und Ohnmacht erzeugen, denn schon kleine Maßnahmen im Alltag können eine große Rolle spielen. Vor kurzem waren Greenpeace-Campaigner in Bombay unterwegs, um Glühbirnen gegen Energiesparlampen auszuwechseln: „Wenn ganz Mumbai Energiesparlampen verwendet, kann Indien auf ein neues Kohlekraftwerk verzichten. Immerhin macht elektrische Beleuchtung rund zehn Prozent des Weltenergieverbrauchs aus.“ Zum UN-Klimareport hatte die Organisation an den Eiffelturm ein Plakat gehängt mit der Aufschrift: „Es ist nicht zu spät.“ Auch die eingangs erwähnte Lehrerin des jungen Geigers will sich jetzt solche Birnen besorgen.

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