Kultur : Geldsklaven

Christian Schröder

Im März 1929 steht die Weimarer Republik vor dem Bankrott. Drei Millionen Arbeitslose, Reparationszahlungen in Milliardenhöhe zwingen den Staatshaushalt in die Knie. In der „Berliner Illustrirten Zeitung“ beginnt der Vorabdruck eines Romans, der den Gegenentwurf zum Untergangsgefühl der Epoche zu entwerfen scheint. „Menschen im Hotel“ spielt in den Raumfluchten eines Luxusrefugiums, doch auch dort ist der Glanz nur noch Fassade. Die meisten der auftretenden Figuren – ein rauschgiftsüchtiger Arzt, der Direktor einer zahlungsunfähigen Firma, ein auf Diamanten spezialisierter Meisterdieb, der todkranke Buchhalter Kringelein – jagen dem knappen Geld nach, und fast alle scheitern dabei.

„Sklaven des Geldes“, so nennt Vicki Baum die Protagonisten ihres Buches, mit dem der in Deutschland schon bekannten Schriftstellerin auch international der Durchbruch gelingt. „Der Roman ist eine Art von Kinofilm des modernen Lebens“, jubelt John B. Priestley in England, am New Yorker Broadway wird eine Bühnenfassung zum Hit, die MGM-Verfilmung mit Greta Garbo steigt in Amerika zum erfolgreichsten Film des Jahres auf. Mit der Figur der gefeierten Balletttänzerin Grusinskaja, im Film von der Garbo gespielt, hat Baum ein verkapptes Selbstporträt geliefert, das ihr weiteres Leben verblüffend vorwegnimmt. So wie die alternde Primaballerina von einem Comeback als moderne Ausdruckstänzerin träumt, wird die Autorin später vergeblich darauf hoffen, von ihrem Image der „geborenen Bestsellerschreiberin“ loszukommen, deren Literatur bloß – so der Kritikerpapst Herbert Ihering – „Kosmetik“ sei.

Dabei sind ihre Romane raffiniert konstruiert, sie lassen das Konfektionelle weit hinter sich. „,Menschen im Hotel‘ ist ein moralfreies Werk, es gibt weder Gut noch Böse, der Motor allen Geschehens ist das ironische Schicksal“, schreibt Nicole Nottelmann in ihrer klug argumentierenden, farbig erzählten Biografie, die von einem Leben handelt, das selber wie ein Roman wirkt. Oder wie ein Märchen. Die Beamtentochter aus Wien, eine gelernte Harfenistin, erobert als Ullstein-Journalistin Berlin, reist um die halbe Welt, geht nach Hollywood, schreibt 17 Romane in 27 Jahren und zieht nebenbei zwei Kinder groß. Mit der Wirklichkeit nahm Baum es nicht immer so genau. Sie behauptete, eine freie Erfindung, für „Menschen im Hotel“ undercover als Zimmermädchen recherchiert zu haben und machte sich nach ihrer Ankunft in Amerika einfach fünf Jahre jünger. „Die Realität ist immer irgendwie ein bisschen blah-blah“, hat sie gesagt.

Nicole Nottelmann: Die Karrieren der Vicki Baum. Eine Biographie. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2007. 442 S., 22,90 €.

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