Gemäldegalerie im Dresdner Zwinger : Das neue Licht der Alten Meister

Dresden feiert die Wiedereröffnung der Gemäldegalerie im Zwinger. Die Sammlung von Weltrang präsentiert 700 Bilder – und dazu nun auch 420 Skulpturen.

Nah am Wasser gebaut. Bernardo Bellotto, besser bekannt unter dem Namen Canaletto, malte 1748 diese Ansicht Dresdens.
Nah am Wasser gebaut. Bernardo Bellotto, besser bekannt unter dem Namen Canaletto, malte 1748 diese Ansicht Dresdens.Foto: Museum/Elke Estel/Hans-Peter Klut

Sieben Jahre lang befand sich die Dresdner Sempergalerie in Restaurierung, sieben Jahre lang war sie mitsamt ihren Schätzen nur jeweils zur Hälfte zu besichtigen. 50 Millionen Euro, nahezu vollständig aus eigenem Haushalt, gab der Freistaat Sachsen vor allem für die haustechnische Ertüchtigung aus. Die Durststrecke ist beendet, und an diesem Freitag wird das Haus festlich wiedereröffnet.

Unterdessen sind nicht weniger als 45 Gemälde ganz und 162 teilweise restauriert und zu ursprünglicher Leuchtkraft befreit worden. Auf die sieben mageren Jahre mögen, in Umkehrung der biblischen Weissagung, sieben fette Jahre folgen und mehr. Ab jetzt kann die Gemäldegalerie Alte Meister, wie ihr richtiger Name lautet, in behutsamer Neuorganisation ihrer Bestände und doch vertraut wieder als das bewundert werden, was sie seit jeher war: eine der neben München und Berlin drei großen Altmeistersammlungen Deutschlands.

Unter diesen ist das Dresdner Museumsgebäude das jüngste. Als in Berlin das Alte Museum Schinkels und in München die Alte Pinakothek Klenzes längst eröffnet waren und jeweils bereits Nachfolgebauten um die Mitte des 19. Jahrhunderts an die Seite gestellt bekamen, war auch in Dresden die Notwendigkeit eines eigenen Museumsgebäudes für die überreiche Gemäldesammlung erkannt worden. Gottfried Semper wurde mit dem Neubau an einer heiklen Stelle betraut: der offenen Flanke des Zwingers, dieser Festbauten des sächsischen Kurfürsten-Hofes. Semper entwarf ein Neo-Renaissance-Gebäude, das sich überraschend harmonisch in den Rokoko-Zwinger einfügt – eine lang gestreckte Galerie, angelehnt an Klenzes Vorbild, jedoch mit mittiger Kuppel. Darunter befindet sich der Rotunde genannte Verteilerraum sowohl in die beiden Arme der Galerie als auch ins zweite Obergeschoss.

700 Gemälde werden gezeigt

Die Zweiteilung der Galerie entspricht dem Aufbau der Sammlung, die nach Anfängen in der kurfürstlichen Kunstkammer ganz wesentlich durch August III., den Sohn Augusts des Starken und Nachfolger auf dem sächsischen Kurfürsten- wie auf dem polnischen Königsthron, geprägt wurde. Der jüngere August war ein manischer Sammler und überaus erfolgreich. So konnte er 1745 aus dem Bestand des notleidenden Herzogs von Modena einhundert italienische Meisterwerke erwerben, die den Rang seiner Dresdner Kollektion in höchste Höhen heben.

Italiener – vom Haupttreppenzugang aus gesehen zur Rechten, Niederländer zur Linken – so war die Sempergalerie, wie sie bald genannt wurde, seit ihrer vollständigen Eröffnung 1856 organisiert. So hat sie auch der jetzige Direktor, der 2016 aus Wien gekommene Stephan Koja, aufgeteilt, und wiederum auf rotem Grund rechts und grünem links. Zudem prangt eine kleine, qualitativ hochrangige Auswahl französischer und spanischer Gemälde auf sattem Blau in den Seitengalerien. In den intimeren Sälen des zweiten Obergeschosses haben die großen querformatigen Veduten des Bernardo Bellotto endlich einen angemessenen Platz gefunden. 26 Bellottos besitzt Dresden, die das gültige Bild von Elbflorenz geschaffen haben, einschließlich des nach der Restaurierung nochmals schöneren Canaletto-Blicks auf die Stadtsilhouette, benannt nach Bellottos Markennamen Canaletto.

Die sichtbaren Veränderungen im Haus sind die, die Koja in der Auswahl und Hängung vorgenommen hat. Jedes Werk wurde eingehend begutachtet, wie es heute wirkt, wohin es gehört. Gewählt wurden innerhalb der nördlichen und südlichen Schulen thematische Säle, die den überbordenden Reichtum der Bildsujets zusammenbinden. 700 Gemälde werden gezeigt, nur zwei Dutzend weniger als früher – dafür aber 420 Skulpturen aufgenommen. Es ist das schiere Staunen angesichts dieser unfassbar dichten und reichen Sammlung, die da in zumeist zwei Reihen übereinander gehängt ist und doch nie das Gefühl von bloßer Masse oder gegenseitiger Erdrückung aufkommen lässt.

Von Patina befreit. Blick in die renovierten Räume der Gemäldegalerie Alte Meister. Ab Freitagabend wird es hier voll werden.
Von Patina befreit. Blick in die renovierten Räume der Gemäldegalerie Alte Meister. Ab Freitagabend wird es hier voll werden.Foto: Sebastian Kahnert/dpa

„Edle Einfalt, stille Größe“

Verantwortlich dafür ist Kojas Gespür für Zusammenhänge visueller und thematischer Art, für Verweise von einem Bild auf andere und für feine Ironie. Dass Rembrandts vor Schreck Wasser lassender „Ganymed in den Fängen des Adlers“ die niederländische Abteilung an der Schmalseite beschließt, so wie Raffaels „Sixtinische Madonna“ hundert Meter entfernt an der entgegengesetzten Schmalseite die italienische, ist ein solches Augenzwinkern.

Doch gehen die Änderungen tiefer. Koja ist zugleich Direktor der Skulpturensammlung bis 1800, und endlich hat er den Schatz der Dresdner Plastiken aus den Gewölben des Albertinums, wo sie etwas verloren dastanden, befreit und in die Sempergalerie überführt. Im Erdgeschoss hat er die frühere Rüstkammer zum Antikensaal umgewidmet, der zwanglos deutlich macht, worauf alle nachantike Kunst sich beruft. Es waren die Dresdner Antiken, an denen Winckelmann die klassizistische Ästhetik entwickelte, es waren die drei edlen Figuren aus Herculaneum, vor denen er sein Diktum „Edle Einfalt, stille Größe“ gewann. Jetzt herrschen die drei – vermutlich – Göttinnen in dem ihnen angemessenen Saal.

In die Gemäldesäle hat Koja Skulpturen eingestreut, wo sie in Korrespondenz wie in Konkurrenz zur Malerei entstanden sind. Für Renaissance und Barock war das Miteinander der Gattungen selbstverständlich, und jetzt nehmen Meister wie Giambologna oder Adriaen de Vries, denen zudem Säle mit Seitenlicht und zusätzlich pointierender Kunstbeleuchtung gewidmet sind, wieder vollgültig teil. Dem Rembrandt’schen „Ganymed“ ist der Kopf eines „Weinenden Kindes“ von Hendrik de Keyser“ zur Seite gestellt, vor Rubens’ „Satyr und Tigerin“ baut sich die antike Skulptur eines Silen auf.

Die schiere Bilderlust

Nur einmal stockt der optische Hochgenuss. Das Achteck in der Mitte, das vier Wandflächen zwischen den Auf- und abgängen freilässt, soll doch an die berühmte Tribuna erinnern, das Herzstück der Florentiner Uffizien. Doch unter der blassrosa Kuppelbemalung fehlt angesichts pietätvoller Gemälde der Überwältigungsmoment, dem man sich in Dresden doch so gerne hingeben möchte.

Alles in allem offeriert Dresden die schiere Bilderlust. Da weht einen nicht die Kühle wissenschaftlicher Ordnung der enzyklopädischen Berliner Gemäldegalerie an, da dräuen weder die Riesenformate der Münchner Pinakothek noch mahnt der Ernst ihrer altdeutschen Meister. In Dresden sind 16. und 17. Jahrhundert in jenem weltlich-genussvollen Zuschnitt zu sehen, der die Sammlungspolitik beider Kurfürst-Könige kennzeichnet. Beide frönten der Jagd, was sich in den sehr irdischen Jagddarstellungen der Niederländer perfekt spiegelt; dazu die Stillleben, die von leiblichen Genüssen zeugen.

Andererseits mag man sich für die in früheren Zeiten aufs Höchste gelobten Bibelszenen eines Correggio heute nicht mehr gleichermaßen begeistern, und Kowa hat sie dementsprechend im Altarbilder-Saal an die Seiten gerückt. Da nämlich prangt Raffaels Postkartenmadonna, und mögen auch russische Besucher vor ihr sich bekreuzigen, springen doch zuvörderst die beiden sattsam bekannten Putti ins Auge – die haben die Staatlichen Kunstsammlungen zur Eröffnung denn auch als Neonröhren-Umrisse aufs Dach des Hauses montiert.

Die Sempergalerie ist eine Weltmarke, mehr denn je. Drei Viertel ihrer zuletzt trotz Teilschließung 370 000 Jahresbesucher kommen aus dem Ausland, ein Drittel von ihnen aus Russland. Das ist durchaus Verpflichtung. Kulturministerin Barbara Klepsch hatte die Zahlen parat, dazu aber ein schönes Zitat. Dostojewski nämlich habe die „Sixtina“ als sein Lieblingsgemälde bezeichnet, das er lange betrachte, damit er „an den Menschen nicht verzweifelt“. So elegant kann man umschreiben, welche beglückende Wirkung Dresdens Gemäldegalerie entfaltet.

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