Genfer Kunstmesse : Keine Sorgen um die Nachfrage auf der Artgenève

Große Galerien, wohlhabendes Publikum: Fast unbemerkt ist die Artgenève zu einer der wichtigsten Kunstmessen aufgestiegen.

Schön streng. Blick in den Stand der renommierten Schweizer Galerie Bailly.
Schön streng. Blick in den Stand der renommierten Schweizer Galerie Bailly.Foto: Art Geneve / Julien Gremaud

In nur sieben Jahren ist die Artgenève fast unbemerkt in die Spitzenriege der Kunstmessen aufgerückt. Unter den aktuell 93 Teilnehmern sind fast alle großen Galerien vertreten. Eine Entdeckermesse ist die Artgenève also nicht mehr. Das Publikum in Genf ist augenscheinlich wohlhabend und entsprechend konservativ, was die Veranstaltung attraktiv für Großgalerien macht: Hier kann man noch ein spin painting von Damien Hirst an die Außenwand der Koje hängen, ohne ausgelacht zu werden. Andererseits ist es möglich, museale Werke der Moderne zu zeigen, ohne sie zu „verbrennen“, sollten sie sich nicht auf Anhieb verkaufen. Die Galerie Le Minotaure aus Paris bietet daher unter anderem eine ganze Wand mit Arbeiten des vom Konstruktivismus beeinflussten Leon Tutundjian an.

Bei Hauser & Wirth wird man sich ohnehin keine Sorgen um die Nachfrage machen müssen. Arbeiten von nicht weniger als 16 Künstlerinnen sind auf dem Stand untergebracht, von Barthi Kher, Jahrgang 1969, bis Louise Bourgeois. Die Preise reichen vom unteren fünfstelligen bis in den siebenstelligen Bereich. Auch Galerist Larry Gagosian sucht den großen Auftritt, weniger mit dem wie immer gemischten Sortiment, sondern mit einer Sonderausstellung der „Estate“-Reihe der Messe mit einer gigantischen Installation von Chris Burden, wie sie sonst nur auf der Art Unlimited in Basel vorstellbar ist. Dort wäre sie allerdings nur eine von vielen Mega-Präsentationen, während sie hier als Solitär im Rampenlicht steht.

Für die einheimischen Kollegen entwickelt sich die Messe zur Pflicht und weiteren Möglichkeit der Kundenpflege. Lorenz Helbing ist Schweizer, aber mit seiner Galerie ShanghART in China erfolgreich. 2018 hat er einen Raum zusammen mit Waldburger/Wouters in Basel eröffnet. In Genf könne er sich viel mehr um seine Schweizer Sammler kümmern als auf der hektischen Art Basel, meint Helbing. Andreas Grimm von der Züricher Galerie Eva Presenhuber erklärt die Genfer Premiere der Galerie ebenfalls mit Kundennähe: Die Westschweizer würden halt selten nach Zürich fahren. Daher kämen sie jetzt zu ihren Kunden. Was diese anscheinend auch goutieren. Die Umsätze zur Eröffnung stimmen jedenfalls.

Aus Berlin ist Capitain-Petzel dabei

Als Auswärtiger hat man es da schon schwerer. Alex Reding von Nosbaum & Reding aus Luxemburg und Arne Zimmermann von Pablo’s Borthday (New York) gehören zu den Veteranen der Messe und sind mit ihrem mittelständischen Segment mittlerweile in der Minderheit. Sie haben sich jedoch über die Jahre einen Kundenstamm aufgebaut, ebenso wie Christine König, die hier einsam die Wiener Fahne hochhält, unterstützt nur noch im gesponsorten Bereich von der Galerie Exile. Aus Berlin ist im Galerie-Sektor lediglich Capitain-Petzel dabei. Direktor Michael Wiesehöfer hat eine zunächst paradox klingende Begründung für die Erstteilnahme: „Ich wollte mit der Galerie wenigstens eine Messe in der Schweiz machen.“ Tatsächlich gehören zwar die Galerien Gisela Capitain aus Köln und Petzel aus New York zum Stamm der Art Basel-Aussteller, doch die Berliner Gemeinschaftsgalerie ist eigenständig. Der Auftritt in Genf hat sich schon gelohnt: Eine Arbeit von Natalie Czech wurde vom örtlichen Musée d'art moderne et contemporain angekauft. Auch die Galerie Blain Southern ist da, aber bloß mit ihrem Londoner Programm. Bleibt PS120, jener Off-Raum, der erst zum Gallery Weekend 2018 auf der Potsdamer Straße eröffnet hat. Er präsentiert eine Handvoll junger Künstler, die man als Millenials bezeichnen könnte, einige studieren sogar noch.

Die Konzentration von Aufmerksamkeit und Umsatz bei den Großgalerien erweist sich für Mittelstand und Nachwuchs zunehmend als Problem. Zum Glück ist Messedirektor Thomas Hug so klug, eine geförderte Sektion für Off-Räume und junge Galerien vorzuhalten. Doch auch wenn keine Standkosten anfallen, bleiben Transport, Hotel und die anderen Nebenkosten. Galerien müssen, im Gegensatz zu Off-Räumen, Umsatz machen. Und das fällt jungen Kollegen mit preiswerter Kunst zunehmend schwer.

Artgenève, Palexpo Genf, www.artgeneve.ch

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