Gentrifizierung : Bazon Brock muss seine Denkerei in Kreuzberg räumen

Über sieben Jahre war die Denkerei am Oranienplatz Veranstaltungsort und Raum für kritische Theorie. Nun wird Gründer und Philosoph Bazon Brock dort verdrängt.

Von der Damenmantelfabrik zum Ideenort. Die Fassade der Denkerei am Oranienplatz.
Von der Damenmantelfabrik zum Ideenort. Die Fassade der Denkerei am Oranienplatz.Foto: Peter Meissner/Imago

Es war ein Samstag, an dem sich Theorie und Praxis verschränkten: Erst zogen am vergangenen Wochenende Zehntausende durch die Straßen Berlins, um gegen Wohnungsmangel und unbezahlbare Mieten zu demonstrieren, dann lud Bazon Brock zu einer Abschiedskunde in die Denkerei am Oranienplatz, die Ende April ihre Räume verlassen muss.

Draußen die bauchlastige Wut, drinnen die kopflastige Trauer. Und doch ist die Sorge die gleiche: die Verdrängung im Stadtraum. „Ein sehr schmerzhafter Abschied“ sei es für ihn, betont Brock. Der 82-jährige emeritierte Professor für Ästhetik an der Bergischen Universität Wuppertal hatte 2011 im Erdgeschoss einer ehemaligen Damenmantelfabrik die Denkerei gegründet.

Siebeneinhalb Jahre lang war das „Amt für Arbeit an unlösbaren Problemen und Maßnahmen der hohen Hand mit Sitz in Berlin“, wie die Denkerei mit vollem Titel heißt, ein Ort für Lesungen, Ausstellungen und Seminare mit wechselnden Gästen aus Kunst, Wissenschaft und Gesellschaft. „Wenn Menschen in Zukunft überhaupt noch etwas gemeinsam haben werden, dann sind es nicht Illusionen kultureller Identität – wie gemeinsame Sprache, Religionen, Tischsitten –, sondern die Konfrontation aller mit nicht lösbaren Problemen“, hatte Bazon Brock einst die Idee dahinter begründet. In Zeiten eines erodierenden Europas und angesichts der schier übermächtig erscheinenden Herausforderungen des Klimawandels möchte man angesichts dieser Worte noch immer demütig nicken.

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Bazon Brock blickt auf über 3600 von ihm organisierte Veranstaltungen in seinem Leben zurück. Fördergelder habe er dafür nie bekommen. Auch in Berlin nicht. Er persönlich komme noch immer für Honorare, Spesen und die Miete auf. Die Finanzierung ist das eine, Raum für kritisches Denken das andere. Und den scheint es immer weniger zu geben.

Brock sagt, dass er im vergangenen September bei Vermieter Dietrich von Boetticher das Jahresprogramm für 2019 einreichte und darauf die Kündigung erhalten habe. Dieser ist Münchener Wirtschaftsanwalt und Besitzer des benachbarten Hotels Orania, das von einigen Kreuzbergern als Symbol der Gentrifizierung abgelehnt wird. „Wir werden faktisch aufgelöst“, sagt Brock. Seine Vorwürfe gegen von Boetticher sind scharf: „Er wollte sich stets als Kulturunternehmer darstellen, um die Akzeptanz für seine Vorhaben in Kreuzberg zu erhöhen. Mit unserem Programm konnte er aber nichts anfangen.“

Denker im Dienst. So nennt Bazon Brock sich selbst.
Denker im Dienst. So nennt Bazon Brock sich selbst.Foto: Petersen/dpa

Einem „solch Unwürdigen“ wolle man ohnehin nicht mehr dienen, stellt Brock fest. Dietrich von Boetticher hatte sich zwischenzeitlich gar den Begriff „Denkerei“ als Markennamen schützen lassen – wovon der Anwalt aber später zurücktrat. Auf Anfrage des Tagesspiegel bestreitet er die Vorwürfe des Rauswurfs. Mehr als ein Jahr habe Brock ohne Mietzahlung die Räume zuletzt nutzen können. Dann sei der Vertrag regulär ausgelaufen.

Die Ideen des Universalphilosophen Brock, der sich selbst als „Denker im Dienst und Künstler ohne Werk“ versteht, mögen zuweilen opak und sprunghaft wirken. Immer wieder schimmert der Geist seines Lehrers Theodor W. Adorno durch, der einst feststellte: „Wahr sind nur die Gedanken, die sich selbst nicht verstehen“. Trotzdem versteht sich die Denkerei auch als Ort des Widerstands, für die „Minderung des Leidens in der Orientierung auf Gerechtigkeit“, wie auf der Webpräsenz zu lesen ist.

Wiederholt opponierte Brock in den vergangenen Jahren gegen die Auswüchse des Kunst- und Kulturbetriebs. Mal griff er die Documenta an, bei der er 1968 selbst noch eine Besucherschule gegründet hatte („Das, was in Kassel geboten wird, ist unter aller Sau und hat keinerlei Profil“). Dann überzog er das Zentrum für politische Schönheit mit harscher Kritik („Schweinerei, dass auf dem Rücken von 48 Millionen Weltflüchtlingen ein paar Ästhetiker ihre Süppchen kochen“).

Und auch die Hauptstadt selbst bleibt nicht verschont. „Es ist nur noch Affirmation in Berlin zu beobachten“, sagt Brock gegenüber dem Tagesspiegel. „Die Stadt verkommt zunehmend zu einer Schampus- und Partymeile.“

Die Denkerei wird zunächst ein mobiles Format erhalten

Trotzdem wollen er und die Denkerei Kreuzberg gerne treu bleiben. „Weil alle Kreuzberge, historisch Golgatha genannt, die entscheidenden Ereignisorte, also Leidensorte der Geschichte waren und sind. Gelitten wird nicht in Palästen, Parlamenten, Generalstabsquartieren und Chefetagen, gelitten wird in prekären Beschäftigungsverhältnissen und auf der Suche nach bezahlbarem Wohnraum. Gelitten wird also in Kreuzberg.“

Als mobiles Format wird die Denkerei derweil bereits an diesem Donnerstag zur „Karfreitagsphilosophie“ in der Berliner Matthäuskirche am Kulturforum zu Gast sein. Neben Bazon Brock sind die Philosophin Ekaterina Poljakova, der Philosophiehistoriker Wilhelm Schmidt-Biggemann und der Literaturwissenschaftler Bernhard Viel zu Gast. Eine weitere Station im April wird Wuppertal, in Österreich ist im Herbst eine Kooperation mit dem Universalmuseum Joanneum Graz geplant. Als befruchtend empfindet Brock das bevorstehende Nomadendasein nicht: „Es verschleißt doch nur unnötig viel Kraft.“ Noch hat er die Hoffnung nicht aufgegeben, dass sich in der Stadt doch ein Ausweichort finden lässt.

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In den Sophie-Gips-Höfen in Berlin Mitte hängt ein gelbes Prägeschild. Darauf ein Satz von Bazon Brock: „Der Tod muß abgeschafft werden, diese verdammte Schweinerei muß aufhören. Wer ein Wort des Trostes spricht, ist ein Verräter.“ Gut, dass Ostern heranrückt, die Zeit der Wiederauferstehung. Die Denkerei lebt fort. Wenn auch bis auf Weiteres in der Diaspora.

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