Georgette Dee in der Bar jeder Vernunft : Ins Weltall mit Kurt Weill

Pippi-Langstrumpf-Lachen und zartbittere Leidenschaft: Georgette Dee und Terry Truck mit Liedern von Kurt Weill in der Bar jeder Vernunft.

Georgett Dee
Georgett DeeFoto: Barbara Braun/ MuTphoto

Es ist als Anlass ein bisschen weit hergeholt, aber trotzdem eine schöne Idee: Weil Kurt Weill vor genau 100 Jahren, 1918, aus Dessau nach Berlin übersiedelte, um an der damaligen Hochschule für Musik zu studieren, gestalten Georgette Dee und Pianist Terry Truck ihre neue Show „Wo man singt, da lass dich ruhig nieder“ als Hommage an ihn – in der Bar jeder Vernunft, also direkt neben dem Hochschulgebäude, das heute zur UdK gehört.

Dee wäre nicht Dee, würde sie nicht alle Absurditäten, denen sie in dieser Welt so begegnet, trocken-genüsslich aufspießen, auch Weill und Brecht bleiben davon nicht verschont. („Ballade von der Unzulänglichkeit des menschlichen Strebens? Die haben ihren Liedern immer so schön schlichte Namen gegeben.“) Klar auch, dass Weill vor allem als Hintergrundstrang dient, sie aber ihre ganz persönlichen Geschichten weiterspinnt. Er ging nach Paris? Da war sie selbstredend auch: „Ich habe den Mund zu voll genommen“, meint sie süffisant und hübsch doppeldeutig, „aber die Franzosen lieben das.“ Seine Emigration in die USA gibt ihr Gelegenheit, die erotischen Vorzüge kriegsheimkehrender Soldaten zu preisen, zwischen denen im Flieger zu sitzen sie das Vergnügen hatte. („Obszön, aber ich war jung!“). Was wiederum der einzige Verweis auf ihr Älterwerden (60 im Herbst) bleibt, das sie sonst dankenswerterweise nicht ständig thematisiert.

Weise Schamanin und Schmerzensfrau

Es braucht eine Weile, bis die Dee, wie man sie kennt, ganz da ist. Aber sie kommt, zuverlässig: Die weise Schamanin und Schmerzensfrau, die immer mehr an Marlene Dietrich erinnert und, von tiefer Sehnsucht nach dem Glück durchdrungen, ihre schneeweiße Mähne im Gegenlicht schüttelt, während sie  von enttäuschter und gelungener Liebe spricht, bitter oder besser: zartbitter. Die mit herzöffnendem Pippi-Langstrumpf-Lachen verzaubert und binnen Sekunden auf geysirhafte aufschäumende Leidenschaftsausbrüche umschaltet. Die sich in den  besten Augenblicken leise flüsternd in ihre Obsessionen hineinschraubt, dabei abdreht und auf völlig andere Planeten fliegt. Ob in dem Glas, an dem sie sich festhält, wirklich nur Wasser oder nicht doch Gin schwappt, wissen wir nicht. Nur das: „Es kommt im Leben immer drauf an, in den Glas-Halb-Voll-Status zu kommen!“

Da ist er, der Dee-Moment. Die plötzliche Erkenntnis: So ist es. Dass ihr langjähriger Klavierbegleiter gut zu tun hat, weil sie ihm in ihrer Mischung aus rauchigem Sprech- und intoniertem Gesang öfters davonrennt – was soll’s? Nachdem er einen von ihr fachfrauisch zerteilten Pflaumenkuchen verdrückt hat, darf Terry Truck auch mitsingen. Der Schluss gehört nicht Weill, sondern Friedrich Hollaender. Eine schöne Geste auch dies, ist doch der nach ihm benannte Platz ebenfalls nur einen Steinwurf entfernt.

wieder am 23. und 24. März um 20 Uhr und am 25. März um 19 Uhr

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