Das Land ist wie eine Schatztruhe voller Geschichten

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Georgische Literatur : Auch wir in Kaukasien!
Insa Wilke
Manana Tandaschwili.
Manana Tandaschwili.Uni Frankfurt

Zum Beispiel in der Erzählung „Eine mit Buch und ihre erlesene Leserschaft“ von Maka Mikeladze. „Früh am Morgen, gleich nach dem Aufwachen, wurde ihr klar: Das Leben steckt voller Überraschungen. Ihr Spiegelbild teilte ihr mit, dass ihr über Nacht ein Buch aus dem Kopf gewachsen war.“ So beginnt Mikeladze eine surrealistische Entwicklungsgeschichte, eine Parabel über den Versuch, sich das Lebensbuch nicht mehr vorschreiben zu lassen, sondern selbst den Stift in die Hand zu nehmen.

Männer kommen in allen Texten des Bandes als unzuverlässige, egozentrische Liebhaber vor. Nur die grausame Künstlererzählung „Der andere W-E-G“ erzählt von einem Mann, der selbst Diskriminierungsopfer ist. Tandaschwili ist von dieser Erzählung besonders begeistert, weil sie sich mit einem weiteren Tabu auseinandersetzt: dem Leben behinderter Menschen in Georgien. „Die Themen liegen in Georgien auf der Straße, man findet dort eine Schatztruhe voller Geschichten“, sagt Nino Haratischwili und versteht nicht, warum so wenige georgische Autorinnen und Autoren diese Truhe der Realität öffnen. Aus Bequemlichkeit? Weil der Abstand noch nicht groß genug ist?

Mit „Fake City“, wie Tandaschwili die Stadt Tbilissi mit den glasglitzernden Prunkbauten der Regierung nennt, mit der Illusion von Sorglosigkeit und dieser Pseudofreude muss jedenfalls Schluss sein, auch in der Literatur. Schwierigkeiten habe ihr bei der Zusammenstellung des Bandes auch nicht die Textauswahl gemacht, sondern die Übersetzung. Die Struktur der Sprachen sei sehr unterschiedlich. Im Deutschen brauche man für einen Zusammenhang, der im Georgischen mit einem Wort erledigt wird, einen ganzen Satz. Das verlangsamt das Tempo.

Eine andere Schwierigkeit ist die Liebe der Georgier zum Witz und zum Spiel, beides lässt sich nur mit viel Erfahrung ins Deutsche übertragen. Man merkt den Übersetzungen des Bandes zuweilen an, dass hier Pionierarbeit geleistet wurde. Aber das macht nichts, denn die Bilder und Themen der Autorinnen lassen ahnen, was nach und nach zutage treten wird, wenn mehr Fördergelder eine Vertiefung der Arbeit ermöglichen. Eine Chance dafür besteht: Für 2015 hat sich Georgien als Gastland der Frankfurter Buchmesse beworben. Als Tandaschwili in Georgien schüchtern gefragt wurde, ob das Land denn schon so weit sei, hat sie geantwortet: „Falsche Frage. Wir müssen anfangen.“ Man kann es sich auch für das deutsche Publikum nur wünschen, dass die Schatztruhe geöffnet wird.

Manana Tandaschwili und Jost Gippert (Hrsg.): Techno der Jaguare. Neue Erzählerinnen aus Georgien. Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt a. M 2013, 256 S., 19,90 €.– Der Band wird am 14.3. und 16.3. im Rahmen der Leipziger Buchmesse jeweils zweimal in unterschiedlichen Gesprächsrunden vorgestellt. Genaue Termine unter www.frankfurter-verlagsanstalt.de.

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