Gereon Siervernich im Gespräch : Humboldt winkt am Horizont

Wie kommt die Welt nach Berlin? Nach siebzehn Jahren verlässt Gereon Sievernich den Gropius-Bau. Ein Gespräch über die Schönheit des Entdeckens – und den offenen Blick.

Noch eine Woche. Gereon Sievernich auf den Stufen des Martin-Gropius-Baus.
Noch eine Woche. Gereon Sievernich auf den Stufen des Martin-Gropius-Baus.Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Herr Sievernich, Sie haben einmal eine schöne Olympia-Ausstellung im Martin-Gropius- Bau gemacht. So könnte man auch Ihr Programm der letzten siebzehn Jahre beschreiben: olympisch. Unterschiedliche Disziplinen. Klassisch, sportlich.

Dieses wunderbare Haus ermöglicht das. Wir konnten drei Etagen gleichzeitig bespielen, Ausstellungen parallel laufen lassen. Das Grundthema war die menschliche Kreativität – das lässt sich auch gar nicht eingrenzen. Das Spiel zwischen dem Historischen und der zeitgenössischen Kunst bleibt offen, diese Durchlässigkeit war mir von Anfang an wichtig. Ich zähle ausdrücklich Archäologie und Fotografie dazu. Übrigens hat auch die Skulptur eines antiken griechischen Diskuswerfers etwas Performatives.

Der Gropius-Bau gehört zu den Berliner Festspielen. Was unterscheidet ihn von einem Museum oder vom geplanten Humboldt Forum?

Der Vorteil ist, dass wir im Gropius-Bau keine Sammlung haben. Eine Sammlung bindet viele Kräfte und engt auch ein. Wir konnten frei durch die Welt gleiten, zwischen den Themen und den Kontinenten, so wie ich es zuvor bei den „Horizonte“-Festivals der Berliner Festspiele schon praktizierte. 2001 habe ich den Gropius-Bau übernommen, seither gab es 190 Ausstellungen, darunter viele Wiederentdeckungen. Jeweils ein Drittel Zeitgenössisches wie Ai Weiwei, Anish Kapoor, Olafur Eliasson, Rebecca Horn, ein Drittel Fotografie, Robert Capa oder Henry Cartier-Bresson zum Beispiel, und dann die großen historischen Ausstellungen über die Kultur der Maya, des alten Japan, die Gandhara-Kultur.

Der Gropius-Bau als Ort der Entdeckung?

Auch Fotografie ist Archäologie. Ich erinnere an das magische Bild von Cartier- Bresson, 1961 hier entstanden, als die Mauer durch Berlin gebaut wurde: Da schauen drei Menschen über die soeben errichtete Sperre.

Der Gropius-Bau steht ja unmittelbar an der ehemaligen Grenze.

Die unterste Treppenstufe war schon Ost-Berlin. Die Mauer, die ja jetzt weg ist, war an der Stelle etwas zurückgesetzt, weil die Amerikaner für ihren Sektor forderten, hier mit einem Jeep Patrouille zu fahren.

Zur Person

Er ist ein stiller Star der Berliner Kultur: Gereon Sievernich, geboren 1948, studierte Ethnologie, Politologie, Religionswissenschaften, Sinologie und Philosophie. Er hat seit 2001 den Martin- Gropius-Bau geleitet und das Haus zu einem Zentrum für zeitgenössische Kunst, Fotografie und kunsthistorische Ausstellungen gemacht. Zuletzt wurden dort u.a. Pina Bausch und ihr Tanztheater, Lucian Freud, Franz Kafka, der Fotograf Thomas Struth und die Ausstellung „Juden, Christen und Muslime. Im Dialog der Wissenschaften 500–1500“ präsentiert.

Zum 31. Januar geht Sievernich offiziell in den Ruhestand, ab 1. April wird er für zwei Jahre Kurator des Hauptstadtkulturfonds als Nachfolger von Joachim Sartorius. Stephanie Rosenthal wird am 1. Februar die Nachfolge von Gereon Sievernich im Gropius-Bau antreten. In den 70er Jahren arbeitete Sievernich für die Berliner Festspiele und kuratierte die wegweisenden „Horizonte“-Festivals mit außereuropäischen Programmen. Damals wurden die Grundlagen geschaffen für das Haus der Kulturen der Welt und das Humboldt Forum.

Die Gegend um den Gropius-Bau ist immer in Bewegung gewesen. Jetzt spricht man sogar von einem neuen Filmhaus auf dem Parkplatz, wo früher einmal das Berliner Museum für Völkerkunde stand.

Das Gold von Troja war ursprünglich im Gropius-Bau ausgestellt, im von uns heute so bezeichneten Schliemann-Saal. Dann wurde es als angeblich vaterländischer Schatz ins Museum für Völkerkunde transferiert. Nach dem Ersten Weltkrieg und der Flucht des Kaisers ins Exil zog das Kunstgewerbemuseum ins Schloss, und bei uns zogen die asiatische Kunst und die Vor- und Frühgeschichte ein. Für den Direktor eines solchen Hauses sind das tolle Voraussetzungen. Der damalige Direktor der Kunstbibliothek, Curt Glaser, zeigte hier im Lichthof Ausstellungen mit japanischer Kunst – in den 1920er Jahren. Das Gebäude in seiner wechselhaften Geschichte hatte schon immer eine Universalität, auf die man zurückgreifen konnte.

Manche haben das als Beliebigkeit empfunden. Aber haben Sie im Grunde nicht den Humboldt’schen Gedanken aufgenommen, dass Kulturen einander gleichwertig sind?

In Wien wurde jetzt ein „Weltmuseum“ eröffnet. Das war der Gropius-Bau eigentlich immer. Wenn Sie an Georg Forster denken, Alexander von Humboldts Mentor: Forsters Reisewerke haben den offenen, aufklärerischen Blick gegenüber allen Kulturen. Das habe ich schon in meiner Studienzeit gelesen und in meinem Arbeitsleben umzusetzen versucht.

Warum nur habe ich die ganze Zeit das Gefühl, mit dem Direktor des Humboldt Forums zu sprechen?

(lacht) Keine Ahnung. Für das Haus der Kulturen der Welt habe ich 1988 das Gründungspapier geschrieben. Das baute auf den „Horizonte“-Festivals auf.

Die Frage lautet also: Wie kommt die Welt nach Berlin? Warum und woher jetzt das Humboldt Forum?

Wir haben viel in die Stadt hineintransportiert. Das kollektive Gedächtnis ist dadurch bereichert worden. Das Humboldt Forum kann darauf aufbauen. Es gibt in Berlin ein im Sehen trainiertes Publikum. Ich lerne sehen, indem ich Maya-Kunst mit japanischer Holzskulptur vergleiche, wissenschaftlich und ästhetisch. Jede Generation muss das neu auf die Bühne stellen, und jede Zeit diskutiert anders. Heute geht es sehr stark um den angeblich dominierenden kolonialen Blick. Selbstverständlich muss darüber gesprochen werden, woher die Stücke stammen und wie sie in unsere Sammlungen gekommen sind. Doch dürfen wir dabei die ästhetische Perspektive auf die Künstler und die Kulturen nicht aufgeben. Das bleibt ein Weltthema.

Das Thema Raubkunst und Kolonialzeit hat bei Afrika-Ausstellungen im Gropius- Bau keine Rolle gespielt.

Ich komme auch von der Ethnologie, das Thema ist mir seit Jahrzehnten bekannt. Man hat sich früher in den Museen vor diesem komplexen Thema Restitution durchaus gedrückt. Jetzt erleben wir aber einen Paradigmenwechsel. Der französische Präsident Macron sagt: Alle afrikanischen Stücke zurückgeben! In der Sepik- Ausstellung über Neuguinea ging es auch um die Kolonialzeit. Allerdings haben die Menschen dort auch Kunstwerke für die Europäer geschaffen, sie wollten verkaufen für den europäischen Markt, um tauschen zu können. Auch solche Aspekte gibt es. Aber es ist gut, dass wir jetzt diskutieren, mit welch zum Teil grausamen Mitteln im außereuropäischen Raum gesammelt wurde, wobei den Ethnologen etwas viel aufgebürdet wird. Zur Kolonialmacht gehörten auch Ärzte, Missionare, Kaufleute, Juristen – denken Sie an die ungleichen Verträge – und natürlich Politiker und Militärs.

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