Gerhard Faulhaber in der Galerie Zwinger : Der Zeichner als Flaneuer

Die Schöneberger Galerie Zwinger zeigt Zeichnungen von Gerhard Faulhaber, in denen er sich mit den frühen Experimenten von William Henry Fox Talbot beschäftigt.

Hell ist dunkel. Gerhard Faulhabers „Bücherregal“ entstand nach einer frühen Fotografie von Talbot.
Hell ist dunkel. Gerhard Faulhabers „Bücherregal“ entstand nach einer frühen Fotografie von Talbot.Foto: Galerie Zwirner

Das Missverständnis währt nur einen Moment. Die Gestalt am Meer mit den vielen Schwimmtieren, deren Konturen Gerhard Faulhaber zeichnend festgehalten hat, sie könnte ein Kind sein, das kaum noch weiß, wohin mit seinem Spielzeug. Bloß die Beine sind zu sehen, der Rest ist Ente, Hai, Reifen und sogar ein kleines Boot. Das Vorbild aber war ein anderes: Das Foto, nach dem der Berliner Künstler die Arbeit schuf, zeigt einen Immigranten als fliegender Händler, der seine Waren in der Hitze zu den Badenden trägt.

Faulhaber stellt seit Langem regelmäßig in der Galerie Zwinger (Mansteinstraße 5, bis 23. Juni) aus. Von dort kennt man seine früheren Zyklen über Einwanderer, die sich in Lastern zwischen der Fracht verstecken. Sitzend und stehend tauchen sie auf seinen Blättern auf, geformt aus dunklen Linien, die Körper zart angedeutet. Die Quelle hier: Wärmebilder zur Durchleuchtung der Fracht. Die stillen Mitreisenden sind längst entdeckt, wähnen sich selbst jedoch noch im schützenden Dunkel.

Experimente gab es schon in der Frühzeit der Fotografie

Wo immer Faulhaber, Jahrgang 1945, als Zeichner agiert, kommt die Fotografie ins Spiel. Historisch gesehen, ist sie der Gegenpart, unschlagbar schnell bei der Erfassung der Wirklichkeit. Den Künstler interessiert das nicht, er eignet sich ihre Mechanismen an und spielt mit Abwandlungen: dem Fotogramm, dem Negativ, der Verdoppelung des Motivs. Schon in der Frühzeit des Mediums experimentierten Pioniere mit der Fotografie. Von William Henry Fox Talbot, der um 1840 ein eigenes Verfahren zum fotografischen Abzug erfand, heißt es gar, sein zeichnerisches Untalent habe ihn dazu gebracht, nach einer Alternative zu suchen, um abzubilden, was ihn fasziniert.

„Nach Talbot“ steht bei Faulhaber unter mehreren Blättern (Preise: 2000 – 3500 Euro). Manche Motive wie den „Boulevard des Capuchins“ (2015) hat er kopiert und gleich noch einmal aus leicht veränderter Perspektive gezeichnet, als sei Faulhaber selbst ein Flaneur mit der Kamera, dessen Bilder im Vorbeigehen entstehen. Anderes ist komplett umgedeutet. Das „Bücherregal“ ist bei Talbot ein einfaches Stillleben. Faulhaber erfasst die Umrisse mit für ihn typischen feinsten Strukturen, verkehrt aber Hell und Dunkel. Seine Bücher wirken wie Leerstellen, das Motiv scheint verblichen und im Verschwinden begriffen. So kann auch die Zeichnung der Fotografie noch etwas hinzufügen.

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