Gerwald Rockenschaub in der Galerie Mehdi Chouakri : Gib’ mir ein Zeichen

Voller Verweise: Die neuen Bilder von Gerwald Rockenschaub in der Galerie Mehdi Chouakri bereiten Kopfzerbrechen. Aber auf eine positive Art.

Jens Müller
Blick in die Ausstellung
Blick in die AusstellungFoto: Galerie Mehdi Chouakri

Ein möglicher erster Satz ginge so, dass diese Schau wirklich in absolut jeder Hinsicht minimalistisch ist. Dann würde man ausführen, dass bereits die Zahl von fünf vom Künstler Gerwald Rockenschaub gezeigten Arbeiten kaum zu unterbieten sei.

Die Einschränkung wäre notwendig, weil man schließlich schon Ausstellungen gesehen hat, die nur aus einem einzigen Werk bestanden. Aber vor allem wären es ja die fünf Arbeiten selbst, die so kompromisslos minimalistisch daherkommen mit ihren monochromen – leuchtend blauen, grünen, orangenen, rosa-rot-gestreiften – Farbflächen. Nun ist dies aber 2019, und auch in der Kunst und selbst bei einem einfarbig ultramarinblauen Bild mit dem Titel „GR19OB12“ ist es inzwischen ziemlich kompliziert geworden. Der Farbton kommt dem vom Künstler Yves Klein patentierten „International Klein Blue“ zumindest sehr nahe. Klein galt als Vertreter des Nouveau Réalisme. Die Farbfeldmalerei wiederum, wie sie ein amerikanischer Maler wie Barnett Newman betrieben hat, der einem ebenso in den Sinn kommen könnte, wird dem abstrakten Expressionismus zugerechnet. Bei Klein wie bei Newman bleibt, aus der Nahsicht, das Gemalte und also Handgemachte der Bilder deutlich erkennbar. Das war bei den Künstlern der als Gegenbewegung zum abstrakten Expressionismus begriffenen Minimal Art wiederum anders. Ihre geometrischen Grundstrukturen sollten gänzlich entpersönlicht daherkommen und wurden deshalb oft gleich als Auftragsarbeiten von Industriebetrieben gefertigt. So ließ etwa Donald Judd seine monochromen Metall- und Acrylkästen bevorzugt von einer Schweizer Möbelfirma fertigen.

Ist das noch ein Bild?

Auch das blaue Bild dieser Schau weist keine Pinselspuren auf und wurde tatsächlich nicht vom Künstler selbst, sondern von einem auf die Produktion von Kunstwerken spezialisierten Berliner Betrieb (aus Acryl und lackierter MDF) mit modernsten Mitteln, Maschinen wie einem Laser, hergestellt. Aber handelt es sich dann noch um ein Bild oder doch eher um ein Objekt, das die Form eines Bildes nachahmt? Erdacht, konzipiert, am Computer entwickelt wurde das „Bild“ (fortan immer in Anführungszeichen) natürlich von dem Künstler. Genau wie der kleine Überraschungseffekt. Steht man nämlich eine Weile vor dem „Bild“ und guckt genau hin, erkennt man diese Linie, die so fein ist, dass sie sich in keiner Reproduktion jener Arbeit vermitteln lässt: das Profil einer Frau, wie man es von Scherenschnitten kennt. Was aber wirklich fast niemand wird erkennen können: dass es sich um das Profil einer Frau handelt, wie sie der Künstler Alex Katz einmal gemalt hat.

Der Umgang mit Kontexten, die sich nicht aus der ästhetischen Erfahrung des Kunstwerks selbst erschließen, ist ein typisches Kennzeichen der Konzeptkunst – und Alex Katz ein Maler, der im Gegensatz zu den abstrakten Expressionisten und Minimalisten figurativ malt und meist der Pop Art zugerechnet wird. Gerwald Rockenschaub wiederum wird mit seinen frühen Arbeiten aus den achtziger Jahren der Neo-Geo-Malerei zugerechnet. Nur malt Rockenschaub, Jahrgang 1952, ja gar nicht mehr. So kann man heute nicht einmal mehr vor einem monochrom blauen Bild stehen, ohne sich den Kopf zerbrechen zu müssen. Zum Beispiel auch darüber, wie sich das blaue Bild zur Praxis Rockenschaubs als DJ und zur aktuellen Schau „Sound on the 4th Floor“ im Ausstellungsraum Daimler Contemporary am Potsdamer Platz verhält, für die Rockenschaub 50 Werke anderer Künstler so kompiliert und arrangiert hat, dass sie „musikalische Strukturen auf bildlicher Ebene suggerieren" sollen.

Für die Werke dieser zehnten Einzelausstellung von Gerwald Rockenschaub in der Galerie Mehdi Chouakri, über deren rätselhaften Titel „9102hoist / plasmatic breeze round-up“ man sich den Kopf jetzt noch gar nicht zerbrochen hat, sind Preise zwischen 23 800 und 54 800 Euro (für das blaue „Bild“) zu bezahlen. Es gibt natürlich Sammler, die das ohne jedes Kopfzerbrechen tun.

Galerie Mehdi Chouakri, Fasanenstr. 61; bis 26, Oktober, Di–Sa 11–18 Uhr

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