Geschichte der Staatsoper : Alle für einen, einer für alles

Heute vor 25 Jahren dirigierte Daniel Barenboim seine erste Premiere an der Berliner Staatsoper. Ein Buch von Misha Aster erzählt, wie die Liaison der Staatskapelle mit dem Maestro zustande kam.

Daniel Barenboim als (ziemlich) junger Mann
Daniel Barenboim als (ziemlich) junger MannFoto: picture-alliance / dpa

Wenn schon, denn schon. Als Daniel Barenboim gebeten wird, zur Feier des 250. Gründungsjubiläums der Berliner Staatsoper im Herbst 1992 die Wiederaufnahme von Richard Wagners „Parsifal“ zu dirigieren, fordert der Dirigent nicht nur „eine Gage, die seinen Erwartungen aus dem Westen“ entspricht, sondern auch eine neue Inszenierung des Werks durch Harry Kupfer, in der statt Ensemblemitgliedern internationale Topstars wie Waltraud Meier singen. Barenboim geht es „um nichts weniger als die vollständige künstlerische und strukturelle Erneuerung des Hauses“. So berichtet es der Autor Misha Aster in seinem gerade erschienenen Buch über die Staatsoper im 20. Jahrhundert.

Kritischer Blick auf Barenboims Inthronisierung

Obwohl es der Maestro selber war, der den Historiker damit beauftragt hat, die Geschichte des Hauses von der Zeit der Weimarer Republik bis zum Ende der DDR aufzuschreiben, scheut sich Aster nicht, die Ereignisse rund um Barenboims Inthronisierung auch kritisch zu beleuchten. Er nennt ihn „einen selbstbewussten und geschickten Verhandler“, der sowohl den Rücktritt des langjährigen Intendanten Günther Rimkus bewirken kann als auch viele verdiente Staatsopern-Solisten mit seiner Besetzungspolitik vor den Kopf stößt. Eine Staatsoper unter seiner Leitung kann sich Barenboim nämlich nur auf Augenhöhe mit den Berliner Philharmonikern vorstellen. Als Ballettdirektor wünscht er sich Maurice Béjart, als künstlerische Beraterin Eva Wagner-Pasquier und als Intendanten jemanden, der in der Hierarchie unter ihm steht. Denn, so resümiert Misha Aster, „es war klar, dass der Dirigent nicht nur Generalmusikdirektor, sondern auch künftiger künstlerischer Leiter der Staatsoper werden wollte“.

Ein passender Intendant musste gefunden werden

Diese „ungewöhnliche Machtstruktur“ macht die Auswahl eines passenden Sparringpartners für den Maestro nicht eben leicht. Lutz von Pufendorf, Favorit des Regierenden Bürgermeisters Eberhard Diepgen (CDU), kann sich ebenso wenig durchsetzen wie der Kulturmanager (und spätere kurzzeitige Philharmoniker-Intendant) Franz Xaver Ohnesorg. Schließlich wird mit dem 40-jährigen RIAS-Hauptabteilungsleiter Georg Quander ein Konsenskandidat gefunden. Auf die allzu kostspieligen Personalien Béjart und Wagner-Pasquier verzichtet Barenboim dafür im Gegenzug.

In Paris musste Barenboim gehen

Was die nach dem Zusammenbruch der DDR und dem Rücktritt ihres an Parkinson erkrankten Generalmusikdirektors Otmar Suitner im Frühjahr 1990 um eine Zukunftsperspektive ringende Staatsoper für Barenboim so attraktiv macht, hat wiederum mit einem Skandal in der französischen Hauptstadt zu tun. 1987 war er in Paris damit beauftragt worden, das Programm der neuen Bastille-Oper zu entwerfen. Doch noch bevor der Prestigebau eröffnet werden kann, kommt es im Januar 1989 zum Bruch. Nach schmutzigen Streitereien um überhöhte Gagen und einen angeblich zu elitären Spielplan wird Barenboim entlassen.

Die Berliner Philharmoniker engagierten ihn zuerst

Plötzlich hat der viel beschäftigte Maestro jede Menge Zeit – und einen kompletten Programmplan für mehrere Jahre in der Tasche, den er nun gerne mit anderen Partnern verwirklichen will. Die Berliner Philharmoniker, durch Herbert von Karajans Tod in Personalnöte gekommen, greifen zuerst zu, engagieren Barenboim nicht nur für ihre erste Israel-Tournee und diverse Berliner Auftritte, sondern gehen mit ihm auch ins Aufnahmestudio. Dort kommt es auch zur Erstbegegnung mit einem Vertreter der Staatsoper. Nicht die Politik oder die Intendanz des Hauses sucht den Kontakt zu Barenboim, sondern ein Musiker, der Geiger Lothar Friedrich, den das Orchester nach der Wende zu seinem Interimsleiter gewählt hat. Die vom Joch des maroden bürokratischen DDR-Systems befreiten Künstler nutzen sofort die neu gewonnenen Möglichkeiten, wagen auf eigene Faust einen Vorstoß. Denn sie wollen schnellstmöglich einen Ersatz für Otmar Suitner finden, am besten jemanden, der international ganz vorne mitspielt.

Barenboim gefiel der Vorkriegsklang der Staatskapelle

Und Daniel Barenboim ist tatsächlich neugierig darauf, die Staatskapelle kennenzulernen. Nach einer ersten gemeinsamen Probe im Mai schwärmt er, das Orchester erinnere ihn „an den Klang, mit dem ich aufgewachsen bin“. Ans Israel Philharmonic Orchestra nämlich, das sich in den fünfziger Jahren zum allergrößten Teil aus europäischen Musikern zusammensetzte, die vor Hitler geflohen waren. Durch die Isolation hinter dem Eisernen Vorhang hatte sich bei der Staatskapelle ein ähnlich traditioneller Vorkriegsklang erhalten. „Barenboim war offensichtlich fasziniert von dem kreativen Potenzial, das in der Arbeit mit diesem ,antiken’ Orchester lag, durch die er in die Fußstapfen von Strauss, Kleiber, Klemperer und Furtwängler trat“, resümiert Misha Aster.

Weichenstellung durch staatliche Entscheider

Gleichzeitig zeigt sich der Autor erstaunt darüber, dass im Fall von Daniel Barenboims Berufung tatsächlich alle Macht von den Musikern ausgeht. Detailgenau und faktensatt hat er zuvor auf 500 Seiten beschrieben, wie sehr sich die Staatsoper das gesamte 20. Jahrhundert hindurch stets fest im Griff der Mächtigen befunden hatte. Sowohl 1918 als auch nach dem Ende des „Dritten Reichs“ gab es Versuche der Belegschaft, eigene Kandidaten durchzusetzen – am Ende aber nahmen dann doch staatliche Stellen die entscheidenden Weichenstellungen vor.

Magnet für ein internationales Publikum

Erst im Zuge der friedlichen Revolution von 1989 gelang einmal das basisdemokratische Exempel, folgte die Politik tatsächlich dem Willen der Künstler. Daniel Barenboim hat deren Hoffnungen nicht enttäuscht. Er hat der Staatsoper einen Stammplatz an der Spitze des globalisierten Klassikbetriebs erkämpft – und gleichzeitig den charakteristischen, „altdeutschen“ Klang der Staatskapelle bewahren können. Aus Freundschaft zu dem Maestro sind Weltstars wie Placido Domingo oder Zubin Mehta hier regelmäßig zu Gast, keine andere Bühne der Hauptstadt zieht ein internationaleres Kulturtouristenpublikum an.

Die üppige finanzielle Ausstattung ist Barenboim zu verdanken

Nach einem Vierteljahrhundert steht sein Haus nicht nur frisch saniert da, sondern verfügt nicht zuletzt dank Barenboims direktem Draht ins Kanzleramt auch über eine finanzielle Ausstattung, die den Neid so mancher Kulturinstitution erregt. Seine Musiker haben ihm zum Dank dafür schon vor Jahren den Ehrentitel „Chefdirigent auf Lebenszeit“ verliehen. Und auch wenn die Politik rein rechtlich die Möglichkeit hätte, Barenboims Vertrag irgendwann auslaufen zu lassen, würde es doch kein Senator wagen, ihm für sein Wirken Unter den Linden ein zeitliches Limit zu setzen.

Dem Maestro geht es nicht um die Gage

Um die eigene Gage ging es Daniel Barenboim bei seinem Berliner Engagement übrigens nie. Schon ein Jahr vor Amtsantritt erklärte der frisch Designierte in einem Interview mit dem Tagesspiegel lässig: „Ich könnte mein Jahresgehalt an der Staatsoper in einem Monat mit Klavierabend und Konzerten verdienen.“ Daran hat sich bis heute nichts geändert.

Misha Aster: Staatsoper. Die bewegte Geschichte der Berliner Lindenoper im 20. Jahrhundert, 539 Seiten, Siedler, 2017, 28 €.

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