Geschichte des Berliner Kunsthandels : Druck auf dem Kessel

Wie in Berlin der Kunsthandel begann: Das Liebermann-Haus erinnert an den Pionier Louis Sachse.

Porträt Louis Sachses von Franz Krüger (um 1835).
Porträt Louis Sachses von Franz Krüger (um 1835).Foto: Museum G. Schäfer

In Berlin, da hat man seine Schwierigkeiten mit dem Markt, im Rheinland wird das dagegen sehr viel unverkrampfter gesehen. Zumindest Pascal Decker, Vorstand der Stiftung Brandenburger Tor, ist davon überzeugt. Dabei gibt es für Scham keinen Grund, der moderne Kunstmarkt wurde in Berlin geboren. Um diese Anfänge zu würdigen, den Kunstmarkt kultiviert ins Gespräch zu bringen, haben Decker und sein Co-Vorstand Peter Klaus Schuster, einst Generaldirektor der Staatlichen Museen, eine neue Gesprächsreihe im Max-Liebermann-Haus gestartet, dem Stiftungssitz. Das passt. Schließlich war der Maler selbst Akteur des Marktes: als Sammler und Produzent.

Kunsthändler der ersten Stunde

Mit Louis Sachse (1798–1877) war nun der perfekte Anfang gemacht und zugleich das 20-jährige Bestehen der Kulturstiftung der Berliner Sparkasse gebührend gefeiert. Der Berliner Lithograf, Daguerrotypist, Verleger ist Kunsthändler der ersten Stunde, ein Pionier. So lautet auch der Titel von Anna Ahrens’ Dissertation, die nun den Auftakt bestritt. Schwung aber bekam der Abend durch die aufs Podium hinzugebetenen Gäste: Stephanie Tasch, Dezernentin der Kulturstiftung der Länder, Ralph Gleis, Leiter der Alten Nationgalerie, und Bernhard Maaz, Generaldirektor der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen, auch sie ausgewiesene Kenner des 19. Jahrhunderts.

Wer heute an Berlins große Vergangenheit als Stadt des Kunsthandels denkt, der erinnert sich eher an die Zeit nach der Jahrhundertwende bis 1933, der denkt an Namen wie Cassirer, Flechtheim, Walden, Nierendorf, Gurlitt und Möller. Doch die Geschichte reicht sehr viel weiter zurück. Für die Anfänge steht die Ausnahmefigur Louis Sachse, der seine Karriere selbst zunächst ganz woanders sah. Als Sekretär Alexander von Humboldts auf Schloss Tegel hatte er eher eine Beamtenlaufbahn im Sinn.

Seine politischen Ansichten brachten ihn ins Gefängnis

Sein freiheitlicher Geist, die Mitgliedschaft in einer Burschenschaft, durchkreuzten diese Pläne. Sachse kam als junger Mann in Festungshaft und musste sich drei Jahre später nach seiner Entlassung nach Alternativen umsehen. Ein neues Feld eröffnete ihm schließlich die Lithografie, als künstlerisches Druckverfahren für Künstler kostengünstig und gerade schnell in Paris als neuartiges Medium entdeckt. Mit der Eröffnung eines lithografischen Instituts 1928 im Elternhaus, der Jägerstraße 30, etablierte Louis Sachse die moderne Technologie auch in Berlin und wurde schließlich 1835 richtig Galerist, indem er fortan Ausstellungen präsentierte. Sein Geschäft brachte all diese Merkmale schon mit, die später auch Cassirers, Gurlitts Tätigkeit prägen sollte: die Bezeichnung Kunstsalon, den Eintritt, um einen würdevollen Rahmen schaffen, dazu die künstlerische Förderung (bei Sachse waren dies Menzel und Blechen), die Freundschaft zu Sammlern, die besondere Beziehung nach Paris.

Wie seine Nachfolger musste sich auch Sachse beschimpfen lassen, dass er französischen Malern einen Rahmen bot, die er seit 1834 aus Paris importierte. Während Ahrens als Grund den Neid der deutschen Maler sah, die auf die hohen Preis für die Kollegen eifersüchtig waren, verwies Bernhard Maaz auf den protektionistischen Hintergrund, den „Schutz des deutschen Kunstraumes gegen den Verfall in Frankreich“. Die antifranzösische Haltung sei immer schon ein „basso continuo“ des Kunstmarktes gewesen.

Sachse war einer der raren Orte, um aktuelle Kunst zu sehen

An Louis Sachse zeigt sich die rasante Entwicklung des Marktes. Waren es zuvor nur die alle zwei Jahre stattfindenden Akademieausstellungen, schließlich die Kunstvereine, in denen das Publikum Zeitgenössisches kennenlernte, so kam mit der Galerie ein neuer Player ins Spiel. Stefanie Tasch erinnerte daran, dass als weitere Akteure zeitgleich die Kunstkritik, die Wissenschaft die Bühne betraten.

„Man müsste Furcht und Schrecken verbreiten“, erklärt Akademie-Rektor Gottfried Schadow noch im Jahre 1830, um die angehenden Maler vor der sicheren Armut zu bewahren. Die Geburtsstunde des Marktes stand bevor. Sachses unweit vom Gendarmenmarkt eröffnetes Geschäft war nur der Beginn. Mit den Galerien als weiterem Schauplatz für die Kunst, als Vermittlungsinstanz zwischen Machern und Käufern öffnete sich plötzlich ein neues Terrain. Wie hoch der Druck auf dem Kessel damals war, zeigt sich auch daran, dass bis in die 1870er Jahre hinein die Händler ihre Ware noch in Zweier- und Dreierreihen präsentierten. Maaz sprach hier von einer Vermassung von Kunst, den Grenzen des Konsumerablen.

Gleichzeitig wurden einzelne Riesengemälde auf Tournee geschickt, das Publikum drängte sich, die gewaltigen Bilder, etwa Théodore Géricaults „Floß der Medusa“, zu sehen. „Der Hunger nach Bildern hat die Kunsthändler ins Geschäft gebracht“, so Ralph Gleis. Die Größen der damaligen Zeit sind inzwischen allerdings weitgehend vergessen. Arnold Böcklin, der heute an den Museumswänden hängt, rangierte bei Sachse damals noch im niedrigeren Preissegment. Zu gerne hätte man hier mehr gehört, von Parallelen womöglich in der Gegenwart. Doch das verboten sich die Diskutanten streng. Kunst kommt, Kunst geht, erklärte Kunsthistoriker Maaz leichthin: „Der Markt um 1830 wusste eben noch nicht, dass er gleich geboren wird.“

Louis Sachse war hier der Mann der Stunde, erster Promotor der Lithografie, Verleger von Adolf Menzel, Pionier auch auf dem Gebiet der Fotografie, die er mit Hilfe von Louis Daguerre in Berlin einführte. Das Biedermeier als Zeitalter der Beschaulichkeit – für Sachse gilt dies wahrlich nicht.

Anna Ahrens: Der Pionier – Wie Louis Sachse in Berlin den Kunstmarkt erfand. Böhlau Verlag, Wien 2017, 780 S., 100 €.

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