Geschichte einer Migration : Von Hawaii auf die Pfaueninsel

Vor 200 Jahren wollte ein junger Mann von Hawaii unbedingt nach Berlin. Die Geschichte eines Migranten.

Preußischer Inseltraum. Nicht jeder würde Hawaii gegen die Pfaueninsel eintauschen. Der Polynesier Harry Maitey aber tat es doch.
Preußischer Inseltraum. Nicht jeder würde Hawaii gegen die Pfaueninsel eintauschen. Der Polynesier Harry Maitey aber tat es doch.Foto: Thilo Rückeis

Die Biografen von John Montagu, dem 4. Earl of Sandwich, sind sich nicht einig, ob er den nach ihm benannten Imbiss erfunden habe, um ein spannendes Kartenspiel oder aber seine Schreibtischarbeit nicht unterbrechen zu müssen. Sandwich als Name für zwei Toastbrotscheiben mit Belag ist noch in aller Munde; dass auch die Inselgruppe Hawaii einst Sandwich Islands hieß, wurde dagegen weitgehend vergessen. James Cook hatte die von ihm 1778 angesteuerten Inseln zu Ehren seines Gönners benannt, dessen Fürsprache als Erster Lord der Admiralität ihm die Expedition ermöglicht hatte.

Ohne dieses Wissen könnte der Titel des neuen Buches von Michael Stoffregen-Büller vielleicht irritieren: „Der Sandwich-Insulaner – Von Polynesien auf Preußens Pfaueninsel“. Bereits in „Uferblicke“ und „Auf blauen Havelfluten“ hatte der Autor die Schönheiten der als „Preußisches Arkadien“ gerühmten Schlösser und Parks von Potsdam und Berlin beschrieben. Diesmal nun steht vor allem eine historische Figur im Mittelpunkt: Harry Maitey, der Sandwich-Insulaner eben, ein junger Mann von der Insel O’ahu, der 1823 im Hafen von Honolulu an Bord des preußischen Handelsschiffs „Mentor“ kommt und bittet, mit ins ferne Preußen genommen zu werden.

Die erste preußische Weltumseglung

Eine erstaunlicher Stoff, die Vorgeschichte ebenso wie das Leben des Polynesiers in seiner selbst gewählten, freilich nicht immer geliebten neuen Heimat. Die Fahrt der „Mentor“ war keineswegs irgendeine maritime Reise, vielmehr 1822/24 die erste Weltumseglung eines preußischen Schiffes, von Bremen über Kap Hoorn nach Valparaiso und O’ahu, weiter nach Kanton, Java und mit Zwischenstation auf St. Helena – Napoleon war drei Jahre zuvor gestorben – zurück nach Preußen mit Ziel Swinemünde.

Die vom Autor spannend geschilderte Reise war von Friedrich Wilhelm III. angeordnet worden – ein Versuch, Preußens durch die napoleonischen Kriege darniederliegendem Überseehandel wieder aufzuhelfen. Entscheidende Bedeutung sollte dabei der Königlich Preußischen Seehandlungs-Societät zukommen – Erwartungen, die diese nur teilweise und vorübergehend zu erfüllen vermochte. Ihr Chef in Berlin war der Geheime Oberfinanzrat Christian Rother, der den jungen, unter dem Schutz des Königs stehenden Hawaiianer zunächst bei sich aufnahm. Den Vornamen Harry hatte dieser sich selbst gegeben, den Nachnamen hatte man ihm auf der „Mentor“ verpasst, entlehnt seinen begeisterten Ausrufen „Maitai-Maitai“. Für einen Polynesier war das Leben auf einem modernen Segelschiff eine einzige Sensation.

Ausländerhass blieb dem Man von Hawaii erspart

Doch trotz allen Wohlwollens, das Harry Maitey entgegengebracht wurde – einfach war für ihn das Leben in Berlin nicht. Etwas heutigem Ausländerhass Vergleichbares blieb ihm zwar erspart, doch als Exot wurde er bestaunt, auch begafft – und mit der Sprache kam er nur schwer klar, was ihn vom sozialen Leben oft ausschloss.

Das Jahr 1830 bedeutete einen weiteren Wendepunkt im Leben Maiteys: Er kam auf die Pfaueninsel, im Jahr, als die vom Autor ebenfalls breit geschilderte Blütezeit dieses paradiesischen Havel-Eilands begann. Er wurde Gehilfe des Maschinenmeisters, der für die inseleigene Dampfmaschine und das Funktionieren der verschiedenen Wasserspiele verantwortlich war. Drei Jahre später heiratete Maitey sogar die Tochter des für die dortige Menagerie zuständigen Tierwärters.

Ein ungewöhnliches Berliner Migrantenleben, das Stoffregen-Büller in dem auch optisch sehr ansprechenden Buch einfühlsam nachzeichnet – mitunter etwas zu einfühlsam. Woher soll er wissen, was Maitey zu diesem oder jenem Zeitpunkt gedacht, gefühlt hat? Ein Einwand, dem der Autor in einem Nachwort selbst begegnet: Mangels Augenzeugenberichten und schriftlichen Zeugnissen habe er sich einige Freiheiten erlaubt, doch es könnte sich alles so abgespielt haben.

Michael Stoffregen-Büller : Der Sandwich-Insulaner. Von Polynesien auf Preußens Pfaueninsel. Hendrik Bäßler Verlag, Berlin. 272 Seiten, zahlreiche Abbildungen, 26 Euro.
Michael Stoffregen-Büller : Der Sandwich-Insulaner. Von Polynesien auf Preußens Pfaueninsel. Hendrik Bäßler Verlag, Berlin. 272...Foto: Promo


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