Geschichte von Reclam Leipzig : Die Freiheit der Unfreien

Zwischen Zensoren und kritischen Geistern: Ein anekdotenreiches Kompendium zur Nachkriegsgeschichte des Leipziger Reclam Verlags.

Peter Geist
Das erste von Reclam verlegte Buch: Eine Ausgabe von Faust aus dem Jahr 1867 (links), dazu eine Ausgabe aus der Zeit des Ersten Weltkrieges und eine aktuelle Faustausgabe.
Das erste von Reclam verlegte Buch: Eine Ausgabe von Faust aus dem Jahr 1867 (links), dazu eine Ausgabe aus der Zeit des Ersten...Foto: picture alliance /dpa/Franziska Kraufmann

Am 10. November 1867, vor etwas mehr als 150 Jahren, erschien mit Goethes „Faust I“ in Leipzig der erste Band von Reclams Universal-Bibliothek, erhältlich für gerade einmal zwei Groschen. Die broschierten Bücher im Hosentaschenformat, die den Kanon der deutschen Literatur spiegelten, traten in der Folge einen beispiellosen Siegeszug an. Das Jubiläum der Reihe, das der heute nur noch in Ditzingen und Stuttgart ansässige Verlag feierte, der 1947 in Stuttgart seine westdeutsche Dependance gründete, wurde von mehreren Ausstellungen, Festveranstaltungen und Würdigungen begleitet. Die Existenz von Reclam Leipzig in der DDR bis kurz nach der Wende wurde dabei meist nur nebenbei abgehandelt.

Dem hält das von Ingrid Sonntag unter Mitarbeit von Kerstin Beyerlein und Carmen Laux herausgegebene Kompendium „An den Grenzen des Möglichen. Reclam Leipzig 1945-1991“ Gewichtiges entgegen. Bereits die einleitenden Abhandlungen zur Verlagsgeschichte enthüllen spannende Geschichten von Demontage, mühselig erstrittener Lizenzerteilung, der Aufspaltung des Verlages in den Stuttgarter und in den Leipziger Zweig, deren Kämpfe gegeneinander im Fokus des Kalten Krieges. Und es werden die oft trickreich agierenden Hauptfiguren kenntlich: Verlagsleiter wie Hans Marquardt oder, in der Wendezeit, Stefan Richter, Lektoren wie Jürgen Teller, mitstreitende Autoren von Hans Mayer über Eberhardt Klemm, Gerhard Wolf bis Fritz Mierau.

Wie Wolfgang Thierse in seinem Vorwort schreibt, agierten sie auf dem „Feld der ,Schlacht’ zwischen den Zensoren, den Sachwaltern der politischen Opportunität, der reinen Lehre, der ideologischen Dogmatik einerseits und den kritischen Geistern, den Selbstdenkern, den Abweichlern, den nonkonformistischen Marxisten andererseits. Die Fronten blieben nicht immer klar, die Linien vermischten sich gelegentlich.“

Schwerpunkte auf Ästhetik und Kulturgeschichte

Besonders die Essays, die sich auf die Entstehungsgeschichte einzelner Reihen und Bücher konzentrieren, bezeugen eindrucksvoll, dass es fast immer um mehr ging als um Scharmützel mit der Zensur. Es ging um tatsächliche Tabu-Überschreitungen in literaturpolitischer Hinsicht wie um Neubewertungen des literarischen und philosophischen Erbes. Nur so sind Geduld, Zähigkeit und auch Schlitzohrigkeit zu erklären, mit der Verlagsmitarbeiter und Autoren zu Werke gingen, um ihre Projekte durchzukämpfen. Nachzulesen ist das in den Beiträgen von Erdmut Wizisla über die „Affäre um die Schriftensammlung Lesezeichen“ Walter Benjamins, von Klaus Michael über Reiner Kunzes „Brief mit blauem Siegel“, von Ingrid Sonntag über die „Edition von Freiheit und Ordnung zum 100. Geburtstag von Ernst Bloch“, oder von Fritz Mierau über „Majakowskis Schwitzbad und die Zensur“. Ein Kabinettstück auch die Editionsgeschichte von Volker Brauns Essayband „Verheerende Folgen mangelnden Anscheins innerbetrieblicher Demokratie“, eine „Arbeit gegen die Deckgebirge der Verheißungen“, wie sie der Autor des 1988 erschienenen Bandes nannte.

Je mehr die Krise in den achtziger Jahren voranschritt, desto mehr Freiräume eröffneten sich für Experimente und Anschlussbewegungen an westeuropäische Strömungen, etwa den Poststrukturalismus. Insofern sah sich der Verlag nach dem Umbruch 1989/90 – ab 1991 unter dem neuen Verlagsleiter Stefan Richter – programmatisch gut gerüstet, Schwerpunkte auf Ästhetik und Kulturgeschichte zu setzen. Dies belegen auch die drei in den 90er Jahren publizierten verlagseigenen Almanache unter dem Titel „Kopfbahnhof“. Wir wollten, so Stefan Richter im Gespräch mit Ingrid Sonntag, „nicht ,hinter vergilbten schwäbischen Gardinen’ verschwinden, wie es Iris Radisch nach der Buchmesse in der ,Zeit’ vom 3. Mai 1991 formulierte.“

Das Verlagsarchiv soll nach Marbach überführt werden

Und doch verschwand der Leipziger Verlag 2006 vollends von der Bildfläche. 1991 waren die staatlichen Einlagen der Kommandit-Gesellschaft von der Treuhand auf den westdeutschen Verlagspart übertragen worden. Das besiegelte, nach immerhin 14 Jahren, das Schicksal des ostdeutschen Parts. Stefan Richter klagt: „Die Ditzinger waren überhaupt nicht neugierig auf uns. Sondern gnadenlos uninspiriert. Es ging ihnen nicht um den Verlag. Es ging um ein ökonomisch relevantes Gebäude und die grundlegende Überzeugung, dass das alte Eigentum zurückübertragen werden muss.“

Eine gute Nachricht gibt es: Das Verlagsarchiv, das 2008 zur Digitalisierung und wissenschaftlichen Erschließung nach Leipzig zurückkehrte, soll mit Bundesmitteln in das Literaturarchiv Marbach überführt werden. Dort kommt es in gute Hände: Dessen Leiter Ulrich von Bülow, der in den achtziger Jahren Germanistik in Leipzig studierte, verbindet auch eine persönliche Erinnerung mit dem Verlag. So kaufte er sich, wie er der „Zeit“ erklärte, als DDR-Bürger im November 1989 in Westberlin von seinem Begrüßungsgeld das Reclam-Bändchen „Abschied vom Prinzipiellen“ des Philosophen Odo Marquard. Das war wohl in jeder Hinsicht ein Zeichen.

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Ingrid Sonntag (Hrsg.): An den Grenzen des Möglichen. Reclam Leipzig 1945 - 1991. Ch. Links Verlag, Berlin 2017. 544 Seiten, 50 €.

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