"Es war ein Schock für mich, als das Neue Forum 1990 nur 2,9 Prozent der Stimmen bekam"

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Gespräch mit Ingo Schulze : „Überall war Öffentlichkeit“
Ingo Schulze, geboren 1962 in Dresden.
Ingo Schulze, geboren 1962 in Dresden.Foto: Mike Wolff

Als lokales, regionales Forum.

Der Schock war für mich, als das Neue Forum als Partei der Bürgerrechtler bei den Wahlen im März 1990 nur 2,9 Prozent der Stimmen bekam. Kurz vorher noch hatte niemand mit der Ost-CDU als diskreditierter Blockflöte gerechnet. Blockflöte zu spielen, das war bis dahin noch peinlicher, als richtig in der SED zu sein. Ich dachte, die Ost-SPD und das Neue Forum würden jetzt die Regierung übernehmen. Aber Kanzler Kohl hat den Wahlkampf bestimmt und die Ost-CDU an sein Herz gedrückt und signalisiert, wenn ihr diese CDU wählt, dann bekommt ihr auch mich und den Wohlstand der BRD.

Sie hätten statt der Wiedervereinigung lieber eine eigenständige DDR behalten?

An Wiedervereinigung hatten meine Freunde und ich erst mal gar nicht gedacht. Wir wollten den „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“. Wir sind das Volk: ja. Die spätere Betonung auf „ein“ Volk führte zu einer Art Selbstaufgabe.

Gab es überhaupt die Chance der Eigenständigkeit einer demokratischen DDR?

Wenn, dann nur minimal. Aber man stelle sich nur mal vor, im Herbst 1989 wäre Lafontaine statt Kohl der Bundeskanzler gewesen. Selbst als ab Februar 1990 klar wurde, dass es auf eine Vereinigung rauslaufen würde, dachten beide Seiten noch an einen längeren Zeitraum. Und statt eines Beitritts der DDR hätte es die Alternative einer gleichberechtigteren Vereinigung gegeben.

Die Bevölkerung wollte mehrheitlich die D-Mark. Was eine Währungsunion ungleicher Partner ohne politische Einheit bedeutet hätte, sieht man heute in der EU im Verhältnis etwa zwischen Deutschland und Griechenland. Der Fehler war doch, dass man die Folgen des Wegbrechens der devisenschwachen osteuropäischen Märkte für die nicht mehr exportfähigen ostdeutschen Betriebe unterschätzt hat.

Es wurde viel mehr ignoriert, als wäre alles, was von diesem politischen System erprobt worden war, des Teufels. Selbst Kindergärten galten ja plötzlich als Fehlentwicklung. Alles musste privatisiert und ökonomisiert werden, nach westlichem Vorbild. Das war der Preis, den viele mit Arbeitslosigkeit und dem Gefühl, überflüssig zu sein, bezahlt haben. Was eine Vereinigung hätte werden können, ist leider nur ein hastiger Beitritt geworden.

Sie formulieren jetzt vor allem die enttäuschten Hoffnungen. Vieles ist auch fraglos gelungen, etwa die Rettung der schönen ostdeutschen Altstädte, die schon am Zusammenfallen waren. Das war doch auch Ihre Heimat.

Kein vernünftiger Mensch will die alten Verhältnisse zurück, deshalb waren wir ja auf den Straßen. Allerdings fehlen den vielen schönen Städten mangels Arbeitsplätzen die Bewohner oder die Mieten werden unbezahlbar.

Die „Wahnsinn!“-Rufe in der Nacht des Mauerfalls hatten neben dem Freudenrausch auch etwas Hellsichtiges?

Ja. Wann hat es das je in der Geschichte gegeben, dass sich über Nacht oder dann mit der Währungsunion alle Träume erfüllen ließen: Fernreisen, Auto, Kleidung, Bordell, was auch immer? Es war eine riesige Verführung für Menschen, die immer nur auf die Zukunft vertröstet worden waren und denen das schnelle Glück, die blühenden Landschaften, versprochen wurde. Und die Bundesrepublik als Eldorado war damals wesentlich sozialer, wirkte abgesicherter und war in vielem demokratischer als heute, weil die Wirtschaft gezähmter war, ohne neoliberale Exzesse, ohne eine so große Spreizung zwischen Arm und Reich. Statt Ostalgie begegnet mir häufig Westalgie: die Sehnsucht nach jener Bundesrepublik, nach der sich auch viele im Osten gesehnt hatten. Vor ’89!

Muss man, bei aller Kritik an Unvollkommenheiten des Rechtsstaats, heute eigentlich noch diskutieren, dass die DDR ein Unrechtsstaat war?

Ich hätte früher kein Problem gehabt, bei dem stasidurchtränkten Ding von einem Unrechtsstaat zu sprechen. Aber diese Benennung hat sich in der Bedeutung inzwischen verschoben. Durch das Wort „Unrechtsstaat“ hat sich alles, was es in der DDR gab, pauschal erledigt. Und es gab durchaus Rechte. Das Arbeits- oder Familienrecht war dem westlichen womöglich überlegen. Natürlich fehlten Meinungs-, Versammlungs-, Wahlfreiheit, unabhängige Gerichte. Darüber muss man nicht streiten. Nur wischt die Bezeichnung „Unrechtsstaat“ mit der darin mitschwingenden Selbstgerechtigkeit auch weg, was nach dem Beitritt an neuem sozialem Unrecht oder Unfug geschah. Denken Sie, wer plötzlich an Immobilien kam. Oder: Warum musste die öffentliche Daseinsfürsorge, von der Energiewirtschaft bis zum Gesundheitswesen, kommerziell privatisiert werden?

Sie leben in Berlin, sind von Prenzlauer Berg kürzlich nach Charlottenburg umgezogen. Bei der Wende waren Sie Ende zwanzig. Ist Ihre persönliche Identität noch von spezifisch ostdeutschen oder westdeutschen Koordinaten bestimmt?

Ja und nein. Das kommt auf die Zusammenhänge an. Wer die Hälfte seines Lebens in einem anderen Land und noch dazu in einem anderen System gelebt hat, ist davon geprägt. Doch wäre es fatal, die Ost- oder die Westdeutschen als Einheiten zu betrachten. Für Merkel und Gauck kann ich nichts. Und um eine Gesellschaft, in der sich alles um Wachstum dreht, auf dem falschen Weg zu sehen – dafür spielt Ost oder West wahrlich keine Rolle.

Ingo Schulze, 51, lebt in Berlin. Zuletzt erschienen von ihm der Wenderoman "Adam und Evelyn" (2008) und der Essay "Unsere schönen neuen Kleider" (2012). Das Gespräch führte Peter von Becker.

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